Donald Trump Saul Loeb/Getty Images

Die Globalisierung unserer Unzufriedenheit

NEW YORK – Vor 15 Jahren veröffentlichte ich Die Schatten der Globalisierung, ein Buch, das erklären sollte, warum in den Entwicklungsländern eine solche Unzufriedenheit mit der Globalisierung bestand. Viele Menschen glaubten ganz einfach, dass das System zu ihren Ungunsten „manipuliert“ sei, und globale Handelsabkommen wurden als besonders unfair herausgegriffen.

The Year Ahead 2018

The world’s leading thinkers and policymakers examine what’s come apart in the past year, and anticipate what will define the year ahead.

Order now

Inzwischen hat die Unzufriedenheit mit der Globalisierung in den USA und anderen entwickelten Volkswirtschaften eine Welle des Populismus ausgelöst. Diese wird von Politikern angeführt, die behaupten, dass das System ihre Länder benachteilige. In den USA beharrt Präsident Donald Trump darauf, dass die Verhandlungsführer seines Landes den bei Verhandlungen mit Mexiko und China hereingelegt worden seien.

Wie also kann etwas, von dem – in den Entwicklungsländern und den entwickelten Ländern - angeblich alle profitieren sollten, heute fast überall geschmäht werden? Wie kann ein Handelsabkommen alle beteiligten Parteien benachteiligen?

Den Menschen in den Entwicklungsländern erscheinen Trumps Behauptungen – wie Trump selbst – lächerlich. Die USA haben die Regeln der Globalisierung im Wesentlichen selbst verfasst und ihre Institutionen erschaffen. In einigen dieser Institutionen – etwa dem Internationalen Währungsfonds – haben die USA trotz ihrer geschrumpften Rolle innerhalb der Weltwirtschaft (eine Rolle, die weiter zu verringern Trump entschlossen zu sein scheint) noch immer ein Vetorecht.

Für jemanden wie mich, der die Handelsverhandlungen seit mehr als einem Vierteljahrhundert genau beobachtet, ist klar, dass die Verhandlungsführer der USA dabei die meisten ihrer Ziele erreichten. Das Problem sind diese Ziele. Ihre Agenda wurde hinter verschlossenen Türen von den Unternehmen bestimmt. Es war eine Agenda, die von großen multinationalen Konzernen für große multinationale Konzerne geschrieben wurde, und zwar auf Kosten der Arbeitnehmer und Normalbürger überall auf der Welt.

Tatsächlich scheint es häufig, als wären die Arbeitnehmer, die überall sinkende Löhne und Arbeitsplatzverluste hinnehmen mussten, lediglich Kollateralschäden – unschuldige, aber zwangsläufige Opfer des unaufhaltsamen Marsches hin zu wirtschaftlichem Fortschritt. Doch gibt es noch eine andere Interpretation für das Geschehene: Laut dieser war eines der Ziele der Globalisierung, die Verhandlungsmacht der Arbeitnehmer zu schwächen. Was die Konzerne wollten, waren billigere Arbeitskräfte, und zwar egal wie.

Diese Interpretation hilft, einige verwirrende Aspekte der Handelsvereinbarungen zu erklären. Warum etwa gaben die entwickelten Länder dabei einen ihrer größten Vorteile auf: die Rechtsstaatlichkeit? Tatsächlich sind in den meisten Handelsabkommen der jüngsten Zeit Bestimmungen enthalten, die ausländischen Investoren mehr Rechte einräumen als solchen in den USA. Sie werden beispielsweise entschädigt, falls Regulierungsmaßnahmen der Regierung ihren Profit schmälern, ganz egal, wie wünschenswert die Maßnahme ist oder wie groß der Schaden ist, den der Konzern ohne eine derartige Bestimmung anrichten würde.

Es gibt drei Reaktionen auf die allgemeine Unzufriedenheit mit der Globalisierung. Die erste – man kann sie als Las-Vegas-Strategie bezeichnen – besteht darin, den Einsatz der Wette auf die Globalisierung, so wie diese während des vergangenen Vierteljahrhunderts gemanagt wurde, zu verdoppeln. Diese Wette beruht wie alle Wetten auf nachweislich gescheiterte politische Strategien (wie etwa „Trickle-down Economics“) auf der Hoffnung, dass diese Politik in der Zukunft doch irgendwie Erfolg haben wird.

Die zweite Reaktion ist Trumpismus: Man schneidet sich in der Hoffnung, dass man so irgendwie eine vergangene Welt zurückholen könne, selbst von der Globalisierung ab. Doch wird Protektionismus nicht funktionieren. Die Zahl der Arbeitsplätze in der produzierenden Industrie sinkt weltweit, und zwar einfach deshalb, weil die Produktivitätszunahme das Nachfragewachstum inzwischen übersteigt.

Selbst wenn die produzierende Industrie zurückkommen sollte, wird das die Arbeitsplätze nicht zurückbringen. Fortschrittliche Fertigungstechnologien einschließlich von Robotern bedeuten, dass die wenigen neu geschaffenen Arbeitsplätze größere Fertigkeiten verlangen und anderswo angesiedelt sein werden als die verloren gegangenen Arbeitsplätze. Wie die Las-Vegas-Strategie wird auch dieser Ansatz zwangsläufig scheitern, was die Unzufriedenheit derjenigen, die dabei abgehängt wurden, weiter erhöht.

Trump wird sogar mit seinem proklamierten Ziel scheitern, das Handelsdefizit zu reduzieren, das durch das Missverhältnis zwischen Inlandsersparnissen und Investitionen bestimmt wird. Nun, da die Republikaner sich durchgesetzt und eine Steuersenkung für Milliardäre verabschiedet haben, werden bedingt durch einen Anstieg im Wert des Dollars die nationalen Ersparnisse sinken und das Handelsdefizit steigen. (Haushaltsdefizit und Handelsdefizit entwickeln sich normalerweise so ähnlich, dass sie auch als „Zwillingsdefizite“ bezeichnet werden.) Es mag Trump nicht gefallen, doch wie er langsam merkt, gibt es einige Dinge, die selbst der mächtigste Mann der Welt nicht kontrollieren kann.

Es gibt einen dritten Ansatz: soziale Absicherung ohne Protektionismus, von der Art, wie sie die kleinen Nordischen Länder verfolgen. Diesen Ländern war bewusst, dass sie sich aufgrund ihrer geringen Größe nicht abschotten durften. Aber sie verstanden außerdem, dass dies ihre Arbeitnehmer Risiken aussetzen würde. Daher brauchten sie einen Gesellschaftsvertrag, der es den Arbeitnehmern erleichtern würde, den Schritt von alten in neue Arbeitsplätze zu bewältigen, und ihnen in der Zwischenzeit gewisse Hilfen bot.

Die Nordischen Länder sind zutiefst demokratische Gesellschaften, daher wussten sie, dass, sofern die meisten Arbeitnehmer die Globalisierung nicht als für sie vorteilhaft wahrnehmen würden, sich diese nicht aufrechterhalten lassen würde. Und die Vermögenden in diesen Ländern erkannten, dass, wenn die Globalisierung so wie gedacht funktionieren würde, für alle genug abfallen würde.

Der amerikanische Kapitalismus der letzten Jahre war durch ungehemmte Gier gekennzeichnet – wie durch die Finanzkrise von 2008 überdeutlich bestätigt wird. Doch wie einige Länder gezeigt haben, kann eine Marktwirtschaft Formen annehmen, die die Exzesse des Kapitalismus und der Globalisierung abmildern und ein nachhaltigeres Wachstum und einen höheren Lebensstandard für die meisten ihrer Bürger gewährleisten.

Wir können von derartigen Erfolgen lernen, was wir tun müssen, genau wie wir aus vergangenen Fehlern lernen können, was wir lassen sollten. Wie sich gezeigt hat, besteht, wenn wir es nicht schaffen, die Globalisierung so zu steuern, dass alle von ihr profitieren, die Gefahr, dass sich die von den neuen Unzufriedenen im Norden und den alten Unzufriedenen im Süden ausgehende Gegenreaktion weiter verschärft.

Aus dem Englischen von Jan Doolan

http://prosyn.org/3r905vg/de;

Handpicked to read next

  1. An employee works at a chemical fiber weaving company VCG/Getty Images

    China in the Lead?

    For four decades, China has achieved unprecedented economic growth under a centralized, authoritarian political system, far outpacing growth in the Western liberal democracies. So, is Chinese President Xi Jinping right to double down on authoritarianism, and is the “China model” truly a viable rival to Western-style democratic capitalism?

  2. The assembly line at Ford Bill Pugliano/Getty Images

    Whither the Multilateral Trading System?

    The global economy today is dominated by three major players – China, the EU, and the US – with roughly equal trading volumes and limited incentive to fight for the rules-based global trading system. With cooperation unlikely, the world should prepare itself for the erosion of the World Trade Organization.

  3. Donald Trump Saul Loeb/Getty Images

    The Globalization of Our Discontent

    Globalization, which was supposed to benefit developed and developing countries alike, is now reviled almost everywhere, as the political backlash in Europe and the US has shown. The challenge is to minimize the risk that the backlash will intensify, and that starts by understanding – and avoiding – past mistakes.

  4. A general view of the Corn Market in the City of Manchester Christopher Furlong/Getty Images

    A Better British Story

    Despite all of the doom and gloom over the United Kingdom's impending withdrawal from the European Union, key manufacturing indicators are at their highest levels in four years, and the mood for investment may be improving. While parts of the UK are certainly weakening economically, others may finally be overcoming longstanding challenges.

  5. UK supermarket Waring Abbott/Getty Images

    The UK’s Multilateral Trade Future

    With Brexit looming, the UK has no choice but to redesign its future trading relationships. As a major producer of sophisticated components, its long-term trade strategy should focus on gaining deep and unfettered access to integrated cross-border supply chains – and that means adopting a multilateral approach.

  6. The Year Ahead 2018

    The world’s leading thinkers and policymakers examine what’s come apart in the past year, and anticipate what will define the year ahead.

    Order now