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Die richtigen Investitionen in die Gesundheit

KOPENHAGEN – Die Ebola-Epidemie in Westafrika hat über weite Teile des letzten Jahres die Schlagzeilen bestimmt. Doch so verheerend sie war: Ihre weniger als 20.000 Todesopfer verblassen gegenüber denen von vermeidbaren Erkrankungen wie AIDS, Tuberkulose und Malaria, die zusammen 2013 mehr als drei Millionen Tote verursachten und insbesondere die Ärmsten trafen. Das müsste nicht sein; eine Bekämpfung dieser Krankheiten wäre sogar eine außergewöhnlich gute Investition.

Die Wahrheit ist, dass uns die Ressourcen fehlen – und zwar sowohl das Personal als auch das Kapital –, um jedes Problem zu lösen, vor dem die Welt steht; daher müssen wir uns auf die Bereiche konzentrieren, wo wir am meisten Gutes tun können. Das ist es, was jene 193 nationalen Regierungen derzeit versuchen, die dabei sind, eine Reihe von bis 2030 umzusetzenden Entwicklungszielen zu formulieren. Um sie bei diesem Unterfangen zu unterstützen, hat mein Thinktank, das Copenhagen Consensus Center, 60 aus führenden Ökonomen bestehende Arbeitsgruppen gebeten, einige der zentralen Ziele zu analysieren und wirtschaftliche Argumente dafür zu finden, welche davon auf der endgültigen Liste stehen sollten.

Erdogan

Whither Turkey?

Sinan Ülgen engages the views of Carl Bildt, Dani Rodrik, Marietje Schaake, and others on the future of one of the world’s most strategically important countries in the aftermath of July’s failed coup.

Gesundheit ist ein wichtiges Thema; daher widmeten sich ihm sechs Expertengruppen und acht Kommentare, die zusammen einen großen Analysebereich abdeckten. Ein Ziel ragte dabei als besonders kosteneffektiv heraus: die Bekämpfung vermeidbarer tödlicher Krankheiten.

Da ist etwa die Tuberkulose, an der jedes Jahr etwa 1,4 Millionen Menschen sterben. Zwei Milliarden Menschen weltweit sind Träger des Bakteriums, das TB verursacht, und jeder Zehnte davon wird letztlich daran erkranken.

Zwar wurden im Kampf gegen die Tuberkulose, an der im 20. Jahrhundert rund 100 Millionen Menschen starben, eindeutig erhebliche Fortschritte gemacht. Durch Antibiotika konnte die Krankheit in den reichen Ländern praktisch besiegt werden, und sie haben dazu beigetragen, die TB-bedingte Sterblichkeitsrate in den letzten zwei Jahrzehnten um mehr als ein Drittel zu verringern, und so seit 1995 schätzungsweise 37 Millionen Menschen gerettet.

Unter den Armen jedoch bleibt TB weit verbreitet, und die Fortschritte bei der völligen Ausrottung der Krankheit werden durch schwache Gesundheitssysteme, Armut und multiresistente Tuberkulosestämme behindert. Trotz des von ihr geforderten Tributs entfallen nur 4% der Entwicklungshilfeausgaben für die Gesundheit auf die TB, verglichen mit 25% für HIV.

Eines der Probleme ist, dass TB schwer feststellbar sein kann, insbesondere in Ländern mit schwachen Gesundheitssystemen. Daher empfiehlt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) für Hochrisiskogruppen eine vorbeugende medikamentöse Behandlung, die pro Person nur 21 Dollar kostet. Die Behandlung ist hocheffektiv und kann das Produktivleben im Schnitt um 20 Jahre verlängern.

Für etwa acht Milliarden Dollar jährlich könnten weltweit fast alle TB-Infizierten eine Behandlung erhalten – eine Maßnahme, die einen Nutzen von fast 350 Milliarden Dollar hätte. Anders ausgedrückt: Jeder für die Behandlung von TB ausgegebene Dollar hätte einen Nutzen von 43 Dollar zur Folge – eine phänomenal gute Investition.

Eine weitere tödliche Krankheit, die überproportional die Armen und Anfälligen betrifft, ist Malaria. Gegenwärtig ereignen sich 90% aller malariabedingten Todesfälle in Schwarzafrika, und 77% betreffen Kinder unter fünf Jahren.

Auch hier gibt es eine kosteneffektive Lösung. Das effektivste Medikament gegen Malaria, ist Artemisinin, doch birgt dessen breitflächiger Einsatz die Gefahr, dass die die Krankheit verursachenden Parasiten Resistenzen dagegen ausbilden. Die Gabe von Artemisinin in Verbindung mit einem oder mehreren anderen Anti-Malaria-Mitteln jedoch könnte die Entwicklung von Resistenzen verzögern und zugleich jährlich fast eine halbe Million Leben retten. Eine Investition von einer halben Milliarde Dollar zur Bekämpfung der Malaria erbrächte eine Rendite von fast 20 Milliarden Dollar (oder genauer: 36 Dollar für jeden ausgegebenen Dollar).

Die dritte wichtige tödliche Krankheit, HIV/AIDS, entwickelte sich erst viel später als TB und Malaria, die es beide seit Jahrtausenden gibt. Und während die Behandlung mit Medikamenten gegen Retroviren für mit HIV infizierte Personen einen Riesenunterschied macht, ist sie nicht billig. In den am stärksten betroffenen Ländern 200.000 Leben zu retten, würde eine Milliarde Dollar jährlich erfordern, wobei jeder ausgegebene Dollar einen Nutzen von etwa zehn Dollar brächte.

Doch es gibt eine effizientere Option. Die Beschneidung von Männern ist eine einmalige Behandlung, die das Risiko der HIV-Übertragung an Männer beim Geschlechtsverkehr um 60% senkt und, mit gewisser Verzögerung, auch die Übertragung an Frauen verringert. Zwar ist dieser Ansatz weniger effektiv als eine verbreitete medikamentöse Behandlung, doch würde er lediglich läppische 30 Millionen Dollar jährlich kosten – und hätte einen Nutzen von fast einer Milliarde Dollar. Dies ist eine Rendite von 28 Dollar für jeden ausgegebenen Dollar.

Angesichts der überzeugenden Argumente für die Bekämpfung einiger weniger spezifischer vermeidbarer oder heilbarer Krankheiten könnte man annehmen, dass die Verbesserungen der allgemeinen Gesundheitsversorgung zum Schutz der Bevölkerungen vor allen ihnen drohenden Krankheiten einen noch größeren Nutzen brächte. So argumentierte ein an dem Projekt beteiligter Ökonom, dass sich auf eine Handvoll zentraler Krankheiten zu konzentrieren Inseln der Exzellenz inmitten eines Meeres der Dysfunktionalität schaffen würde.

In Wahrheit jedoch wäre ein umfassender Ansatz sehr viel teurer und sehr viel weniger effizient. Die allgemeine Verbesserung der Gesundheitsversorgung aller Entwicklungsländer würde mehr als 400 Milliarden Dollar jährlich kosten und hätte lediglich einen Nutzen von vier Dollar pro ausgegebenem Dollar.

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Gesundheitsbezogene Initiativen haben nicht nur das Potenzial, vielen Menschen das Leben zu retten, sondern auch, es umfassend zu verbessern, und sollten daher in die neue globale Entwicklungsagenda Eingang finden. Die Herausforderung besteht darin, jene konkreten Initiativen zu identifizieren, die unsere begrenzten Ressourcen optimal nutzen. Es ist an den Regierungen, die vorliegenden Erkenntnisse zu prüfen und intelligente Entscheidungen zu treffen. Millionen von Leben hängen davon ab.

Aus dem Englischen von Jan Doolan