German politician sleeping at the Bundestag Christian Bach/Getty Images

Während Deutschland schlief

BERLIN – Wenige Menschen außerhalb Deutschlands wissen um die Karikatur, die in den Köpfen vieler Deutscher über sie selbst existiert. Dabei handelt es sich keineswegs um den aggressiven Machtmenschen aus der Kriegspropaganda des 20. Jahrhunderts, den perfektionistischen Ingenieur aus der Autowerbung der Madison Avenue oder den sich stets an die Regeln haltenden Besserwisser von der Leinwand, sondern vielmehr um eine verschlafene Gestalt in Nachthemd und Zipfelmütze. Manchmal eine Kerze in Händen haltend, vermittelt dieser Deutsche das Bild einer naiven, verlorenen Gestalt, verwirrt durch die Welt, die sie umgibt.

Diese Figur ist nicht neu. Im Gegenteil: im 19. Jahrhundert wurde sie weithin als „deutscher Michel“ bekannt, als jemand, dessen begrenzte Perspektive ihn dazu bringt, großen Ideen aus dem Weg zu gehen, Veränderungen zu meiden und nichts weiter zu wollen, als ein anständiges, ruhiges und bequemes Leben.

Doch derzeit feiert der Michel ein Comeback. Und wer kann es ihm verdenken? Die Wirtschaft in Deutschland boomt, es herrscht beinahe Vollbeschäftigung, die Löhne steigen und die Gewerkschaften sind zufrieden. Die Finanzkrise ist längst vergessen, öffentliche Haushalte befinden sich unter Kontrolle und der Zustrom der Migranten im Jahr 2015 wurde relativ gut bewältigt.  

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