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Chaos und Ordnung

BERLIN – Europa war über viele hundert Jahre hinweg, der Kontinent der Kriege, die Heimat des Mars, um einen Vergleich von Robert Kagan zu paraphrasieren, und alles andere als der Kontinent des Friedens, die Heimat der Venus.

Dazu wurde es erst, als es am Ende des zweiten schrecklichen Weltkriegs nahezu völlig seine Souveränität an die beiden neuen globalen Supermächte USA und Sowjetunion verloren hatte und auch jener dritte Weltkrieg auf seinem Boden, der Gott sei Dank ein „kalter“ geblieben war, zu Ende ging und die Teilung des Kontinents zwischen den beiden Supermächten überwunden wurde.

An die Stelle der alten europäischen Staatenordnung, die in zwei Weltkriegen und einem Kalten Krieg zugrunde gegangen war, trat das „Reich der Venus“ in Gestalt der EU, das immerwährenden Frieden im Innern wie nach außen, wirtschaftliche Prosperität und die Herrschaft von Demokratie und Recht verhieß. Die Europäer schienen die großen Gewinner vom Ende der „Geschichte“ und dem globalen Sieg von liberaler Demokratie und Marktwirtschaft zu sein.

Nur wenige Jahre später, im annus horribilis 2016 klingt das alles sehr naiv und weit, weit weg. Statt einem „ewigen Frieden“ erleben die Europäer einen dramatischen Ordnungsverlust, verbunden mit einem Einbruch der Gewalt in ihren Alltag: Brexit, das Terrorattentat von Nizza und der Militärputsch in der Türkei mit der sich daran anschließenden drohenden Abschaffung von Demokratie und Rechtsstaat unter Präsident Erdogan und generell die Tendenz, dass sich die Türkei unter Präsident Erdogan von einem verlässlichen Partner des Westens und Europas in einen Ort der Instabilität und eine „loose cannon“ zwischen Europa und dem Nahen Osten, zwischen Russland und dem Westen verwandelt.