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Europas nationalistische Nachtwache

PARIS – Der Populismus ist in ganz Europa auf dem Vormarsch, da sich sowohl in wirtschaftlich geschwächten als auch in wohlhabenden Ländern zunehmend Frustration über die etablierten politischen Eliten breitmacht. Dennoch ist es unwahrscheinlich, dass die Populisten in absehbarer Zeit in einem europäischen Land an die Regierung kommen, auch dort nicht, wo das Risiko derzeit am höchsten zu sein scheint, nämlich in Ungarn, Griechenland und Frankreich. Die Mehrheit der Wähler ist - ob aus Angst oder aus Gründen des Hausverstands –  nach wie vor nicht bereit, die Aussicht auf Isolation vom Rest Europas zu akzeptieren.

Das heißt allerdings nicht, dass die Europäische Union gegen Spaltungskräfte gefeit ist. Im Gegenteil. Die Rückkehr des Nationalismus auch (und vor allem) in Ländern, die vor mehr als 60 Jahren zu den Gründerstaaten der EU zählten, stellt eine zwar weniger spektakuläre, aber potenziell stärker zersetzende Bedrohung der europäischen Einheit dar.

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Dieser Trend trat letzte Woche anlässlich meines Besuchs in den Niederlanden, einem der sechs ursprünglichen Unterzeichnerstaaten der Römischen Verträge, augenfällig zutage. Im Rahmen meiner Reise besuchte ich das Rijksmuseum, das 2013 nach einer zehn Jahre dauernden Renovierung wieder eröffnet worden war. Das in die Jahre gekommene und unzeitgemäße alte Gebäude war ein Tribut an die universelle Anziehungskraft der großen Maler des Landes wie Rembrandt und Vermeer – eine perfekte Inszenierung von Licht und Gemeinschaft.

Das neue Rijksmuseum vermittelt trotz einer erstaunlich erfolgreichen Wiederbelebung der alten Gemäuer eine ganz andere Botschaft und dient eher dazu, niederländische Kunst und Geschichte zu zelebrieren. Ein Saal ist der Seemacht der Niederlande in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts gewidmet, als es den kurz davor unabhängig gewordenen Niederlanden unter dem Kommando von Admiral Michiel de Ruyter gelang, Franzosen, Spanier und sogar die Briten auf See zu besiegen.  

In einem weiteren Saal namens „Waterloo“ wird die Niederlage Napoleons an einem Ort beleuchtet, der damals zu den Niederlanden gehörte. In der Mitte dieses Raums befindet sich ein riesiges, mit Spenden holländischer Bürger restauriertes Gemälde, das eine Hommage an den Duke of Wellington darstellt und auch die Rolle von Wilhelm von Oranien, dem späteren König der Niederlande, in der Schlacht würdigt.

Natürlich sind meine Einwände gegen den Waterloo-Saal nicht in einem Gefühl des französischen Chauvinismus begründet. Napoleon war ein Despot, der von Spanien bis Russland sinnlose und überaus blutige Kriege führte. Seine Niederlage war, gelinde gesagt,  keine Tragödie.  

Aber im alten Rijksmuseum war kein eigener Saal erforderlich, um diese Niederlage zu feiern. Die kollektive Psyche der Menschen in den Niederlanden brauchte keine Erinnerung an den Beitrag ihres Landes zum Sturz Napoleons, der zur Wiederherstellung ihrer Unabhängigkeit und für kurze Zeit auch dazu führte, dass sie die Kontrolle über das Gebiet des heutigen Belgiens ausübten.

Doch in den letzten Jahren – in dem Jahrzehnt, nachdem sie einen Vertrag zur Einführung einer EU-Verfassung in spektakulärer Weise ablehnten – verspürten die Holländer zunehmend das Bedürfnis, den Glanz ihrer Vergangenheit in überaus traditioneller Art und Weise zu zelebrieren. Wie auch andere Europäer bemühen sie die Vergangenheit, um die Ernüchterung und Frustration der Gegenwart und die Ungewissheit der Zukunft zu kompensieren.

Genau diese Rückkehr in die Vergangenheit trachteten die Europäer vor sechzig Jahren zu verhindern. Sie verherrlichten keine historischen Schlachten, weil sie die Ruinen dieser Schlachten überall rund um sie zu sehen bekamen – und diese Bilder inspirierten sie, eine andere Zukunft aufzubauen. Durch die Überwindung nationaler Souveränität hoffte man sich vor einer Rückkehr der Konflikte und der Zerstörung zu schützen.

Freilich ist der Stolz auf nationale Identität an sich noch nichts Schlechtes. Im Gegenteil: in einem aus unterschiedlichen Nationalitäten bestehenden Europa ist Vertrauen in die eigene Identität eine Grundvoraussetzung für vollständige wirtschaftliche und politische Integration. Um ein stolzer Europäer zu sein, muss man zunächst stolzer Deutscher, Spanier oder Pole sein.

Was aber, wenn dieser Nationalstolz zu einer Zeit tiefer, ja gar existenzieller Zweifel hinsichtlich europäischer Werte um sich greift? Obwohl die meisten Europäer verstehen, dass ihre Länder die Herausforderungen, vor denen sie stehen, nicht alleine bewältigen können, verlieren sie auch das Vertrauen, dass Europa die Antwort ist. Schließlich erwies sich die EU jenseits ihrer anhaltenden wirtschaftlichen Schwierigkeiten bislang als unfähig, eine einheitliche, entschlossene und mit europäischen Werten im Einklang stehende gemeinsame Lösung für die eskalierende Flüchtlingskrise zu finden.

Die EU ist nicht von Natur aus unfähig, diesen Herausforderungen gerecht zu werden. Das Problem besteht darin, dass die Europäer immer weniger bereit sind genau das zu unterstützen, was die EU am meisten braucht – nämlich mehr Integration. Es erscheint wahrscheinlich, dass nur eine größere unmittelbare Bedrohung wie ein Krieg mit Russland, sie dazu bringen könnte, die EU-Institutionen, an die sie nicht mehr glauben, mit mehr Befugnissen auszustatten.

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Die 70 Jahre seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs stellen nur eine kurze Phase der europäischen Geschichte dar – die bei weitem nicht lang genug ist, um die Art und Weise, wie die Menschen über sich selbst oder ihre Länder denken, zu verändern. Die Gefahr besteht darin, dass 70 Jahre gerade lang genug waren, um die Europäer vergessen zu lassen, warum sie die Integration ursprünglich überhaupt anstrebten. Wenn das zutrifft, ist jene Art der Verherrlichung der Vergangenheit wie sie im renovierten Rijksmuseum ausgestellt ist, in der Tat ein sehr schlechtes Zeichen.

Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier