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Nobelpreisökonomie gegen Sozialdemokratie

OXFORD – Von den Eliten, die unsere moderne Gesellschaft steuern, haben nur die Ökonomen einen Nobelpreis, dessen jüngste Empfänger, Oliver Hart und Bengt Holmström, gerade verkündet wurden. Egal, aus welchem Grund die Ökonomen diesen einzigartigen Status genießen: Der durch den Preis verliehene Heiligenschein kann Politiken Glaubwürdigkeit verleihen (und hat es schon oft getan), die dem öffentlichen Interesse zuwiderlaufen, indem sie beispielsweise die Ungleichheit verschärfen und die Wahrscheinlichkeit von Finanzkrisen erhöhen.

Doch besetzt die Ökonomie das Feld nicht gänzlich für sich allein. Eine andere Weltsicht bestimmt in den meisten entwickelten Ländern die Allokation von rund 30% vom BIP: für Beschäftigung, Gesundheit, Bildung und die Renten. Diese Sicht, wie eine Gesellschaft gelenkt werden sollte, – die Sozialdemokratie – ist nicht nur eine politische Orientierung, sondern auch eine Regierungsmethode.

 1972 Hoover Dam

Trump and the End of the West?

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Die Textbuchökonomie geht davon aus, dass die Gesellschaft durch selbstsüchtige Individuen angetrieben wird, die auf den Märkten Handel treiben und deren Entscheidungen über die „unsichtbare Hand“ auf einen effizienten Staat hinauslaufen. Doch ist diese Doktrin weder theoretisch noch praktisch gut begründet: Ihre Prämissen sind unrealistisch, die von ihr unterstützten Modelle widersprüchlich und ihre Vorhersagen häufig falsch.

Der Nobelpreis für Ökonomie wurde 1968 von der schwedischen Notenbank, der Riksbank, gestiftet. Der Zeitpunkt ist kein Zufall. Der neue Preis erwuchs aus einem langjährigen Konflikt zwischen dem Interesse der Wohlhabenderen an stabilen Preisen und dem Interesse aller anderen an Verringerung der Unsicherheit durch Steuern, soziale Investitionen und Transferleistungen. Die Königliche Akademie der Wissenschaften Schwedens vergab den Preis, aber Schweden war zugleich eine fortschrittliche soziale Demokratie.

Während der 1950er und 1960er Jahre stand die Riksbank im Konflikt mit der schwedischen Regierung über das Kreditmanagement. Die Regierung räumte der Beschäftigung und dem Wohnungswesen Priorität ein; die vom selbstbewussten Notenbankchef Per Åsbrink geleitete Riksbank sorgte sich um die Inflation. Als Entschädigung für Beschränkungen ihrer Autorität wurde es der Riksbank letztlich gestattet, als Prestigeprojekt anlässlich ihres 300-jährigen Bestehens einen Nobelpreis für Ökonomie zu stiften.

Innerhalb der Akademie der Wissenschaften vereinnahmte eine Gruppe gemäßigt rechter Ökonomen die Auswahl der Preisträger. Diese umfassten eine qualitativ hochstehende Stichprobe ökonomischer Gelehrsamkeit. Eine Analyse ihres Einflusses, ihrer Neigungen und ihrer Voreingenommenheiten legt nahe, dass das Nobelkomitee durch ein rigides Gleichgewicht zwischen Rechts und Links, Formalisten und Empirikern, der Chicagoer Schule und den Keynesianern einen Anschein der Fairness aufrecht erhielt. Unsere Untersuchung zeigt jedoch, dass professionelle Ökonomen allgemein gesprochen eher nach links tendieren.

Königsmacher bei der Preisvergabe war der Ökonom Assar Lindbeck von der Universität Stockholm, der sich von der Sozialdemokratie abgewandt hatte. Während der 1970er und 1980er Jahre schaltete sich Lindbeck bei den schwedischen Wahlen ein, führte die mikroökonomische Theorie gegen die Sozialdemokratie ins Feld und warnte, dass hohe Steuern und Vollbeschäftigung in die Katastrophe führen würden. Seine Interventionen lenkten die Aufmerksamkeit von dem gravierenden politischen Fehler ab, der zu dieser Zeit gemacht wurde: der Deregulierung des Kreditwesens, die in den 1990er Jahren zu einer tiefen Finanzkrise führen sollte, die bereits die 2008 ausgebrochene globale Krise vorherwegnahm.

Lindbecks Bedenken ähnelten jenen des Internationalen Währungsfonds, der Weltbank und des US-Finanzministeriums. Das Beharren dieser Akteure auf Privatisierung, Deregulierung und Liberalisierung der Kapitalmärkte und des Handels – der sogenannte Washingtoner Konsens – machte die Wirtschafts- und Finanzeliten reicher, führte zu akuten Krisen und untergrub das Wachstum in den Schwellenländern.

Im Westen schuf die den individualistischen, auf das Eigenwohl gerichteten, dem Washingtoner Konsens zugrundeliegenden Normen eingeräumte Priorität ein Umfeld, in dem Korruption, Ungleichheit und Misstrauen in die herrschenden Eliten florierten – die unbeabsichtigten Folgen rational-egoistischer Prämissen. Mit dem Aufkommen vorher nur mit den Entwicklungsländern in Verbindung gebrachter Störungen in den hochentwickelten Volkswirtschaften forderte der schwedische Politologe Bo Rothstein die Akademie der Wissenschaften (deren Mitglied er ist) in einer Petition auf, die Vergabe des Nobelpreises für Ökonomie solange auszusetzen, bis diese Folgen untersucht wären.

Die Sozialdemokratie ist nicht so stark theoretisch unterfüttert wie die Ökonomie. Sie besteht aus einer Reihe pragmatischer Politiken, die enorm erfolgreich dabei sind, wirtschaftliche Unsicherheit zu begrenzen. Trotz jahrzehntelanger unbarmherziger Angriffe bleibt sie unverzichtbar für die Bereitstellung öffentlicher Güter, die die Märkte nicht auf wirtschaftliche oder gerechte Weise oder in ausreichender Menge bereitstellen können. Doch das Fehlen eines formellen intellektuellen Unterbaus bedeutet, dass selbst dem Namen nach sozialdemokratische Parteien sich nicht gänzlich bewusst sind, wie gut die Sozialdemokratie funktioniert.

Anders als die Märkte, die die Wohlhabenden und Erfolgreichen belohnen, beruht die Sozialdemokratie auf der Prämisse des Prinzips bürgerlicher Gleichheit. Dies schafft eine Neigung zu undifferenzierten Leistungsansprüchen, doch gibt es seit langem Methoden, um diesem Manko zu begegnen. Weil die Ökonomie bezwingend zu sein scheint und die Sozialdemokratie unverzichtbar ist, haben beide Doktrinen mutiert, um sich gegenseitig Rechnung zu tragen – womit nicht gesagt sein soll, dass ihre Ehe eine glückliche ist.

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Wie bei vielen unglücklichen Ehen ist Scheidung freilich keine Alternative. Viele Ökonomen haben auf das Versagen der Kernprämissen ihrer Disziplin reagiert, indem sie sich auf empirische Untersuchungen zurückgezogen haben. Doch die hieraus herrührende Validität geht zulasten der Allgemeingültigkeit: Randomisierte kontrollierte Tests in Gestalt lokaler Experimente sind kein Ersatz für eine übergreifende Vision des gesellschaftlichen Wohls. Ein guter Anfang, dies anzuerkennen, wäre es, die Empfänger des Nobelpreises entsprechend auszuwählen.

Aus dem Englischen von Jan Doolan