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Eine „China First“-Strategie für Nordkorea

LONDON – Die meisten Experten sind sich einig, dass die am wenigsten schlechte Möglichkeit im Umgang mit Nordkoreas atomarem Säbelrasseln weiterhin aus In-Schach-Halten in Verbindung mit energisch betriebener Diplomatie besteht. Weniger Beobachter haben allerdings erkannt, dass eine chinesische Invasion oder ein infolge der Androhung eines chinesischen Einmarsches erzwungener Regimewechsel die am wenigsten schlechte militärische Option sind – impliziert in der beharrlichen Forderung von US-Präsident Donald Trump, China möge Verantwortung für seinen gefährlichen Nachbarn übernehmen.

Eine solche Entwicklung, die das strategische Gleichgewicht in Ostasien deutlich zugunsten von China verlagern würde, ist nicht so unwahrscheinlich wie die meisten glauben. Tatsächlich ist gerade die Plausibilität dieser Entwicklung ein Grund, warum dieses Szenario ernst zu nehmen ist, unter anderem von chinesischen Militärstrategen. In Trumps Rhetorik handelt es sich um eine „China First“-Option, die China zu neuer Größe verhelfen könnte: „Make China Great Again“.

Jede militärische Einmischung, ob aus China oder anderswo, wäre mit enormen Risiken verbunden. Ohne an dieser Stelle darauf einzugehen, ist zu überlegen, was eine erfolgreiche chinesische Intervention erreichen würde. Erst einmal würde Nordkorea genau da platziert, wo es der Geschichte des Landes nach dem Koreakrieg zufolge hingehören sollte: unter einen chinesischen Nuklear-Schutzschirm, wo es von einer glaubwürdigen Sicherheitsgarantie profitiert.

Mao Zedong pflegte zu sagen, sein Land und Nordkorea seien einander „so nah wie Lippen und Zähne“ – eine treffende Beschreibung in Anbetracht der Rolle, die chinesische Truppen dabei gespielt haben einen amerikanischen Sieg im Koreakrieg zu verhindern. Doch während Japan und Südkorea in den sechs Jahrzehnten seit dem Krieg enge Verbündete der Vereinigten Staaten geblieben sind, mit US-Militärstützpunkten und unter dem nuklearen Schutzschild der USA, sind China und Nordkorea immer weiter auseinander gedriftet.

Infolgedessen hat China wenig Kontrolle über seinen Nachbarn und angeblichen Verbündeten und vermutlich geringe Kenntnis von dem, was dort vor sich geht. Es stimmt, dass China die bestehenden Sanktionen gegen Nordkorea verschärfen könnte, indem es den Handel weiter einschränkt und Energielieferungen blockiert. Doch damit würde vielleicht kaum etwas erreicht, außer Kim Jong-uns isoliertes Regime zu drängen, sich bei seinem anderen Nachbarn Russland nach Unterstützung umzusehen.

Falls Nordkorea, wie gemeinhin angenommen wird, im Gegenzug für den Abbau seines Atomprogramms eine Form von glaubwürdiger Sicherheitsgarantie verlangt, wäre China als einziges Land in der Lage diese zu bieten. Kein amerikanisches Versprechen wäre über die Amtszeit des Präsidenten hinaus glaubwürdig, der es gegeben hat ‒ wenn überhaupt so lange.

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Wenn China also die Drohungen einer Invasion mit einem Sicherheitsversprechen und nuklearem Schutz verbinden würde, im Gegenzug für Kooperation und einen möglichen Regimewechsel, hätte es gute Aussichten weite Teile der Koreanischen Volksarmee auf seine Seite zu bringen. Während ein atomarer Schlagabtausch mit den USA Verheerung buchstabieren würde, verspräche eine Unterordnung unter China das Überleben und vermutlich weiterhin ein Maß an Autonomie. Es wäre für alle außer für Kims engste Berater eine einfache Entscheidung.

In strategischer Hinsicht würde China durch eine erfolgreiche militärische Intervention nicht nur die Kontrolle über die Geschehnisse auf der koreanischen Halbinsel erlangen, wo es vermutlich Militärbasen errichten könnte, sondern auch von der Dankbarkeit in der Region profitieren, einen katastrophalen Krieg verhindert zu haben.

Keine andere Maßnahme besitzt so viel Potenzial, eine chinesische Führungsrolle innerhalb von Asien sowohl glaubwürdig als auch wünschenswert erscheinen zu lassen, vor allem, wenn die Alternative ein unbesonnener, schlecht geplanter Krieg unter Führung der USA ist. Was China vor allen Dingen braucht ist Legitimität, die ihm eine Intervention in Nordkorea verschaffen würde. In Anlehnung an die von Joseph S. Nye geprägte Differenzierung würde erfolgreich ausgeübte Hard Power China mit einem gewaltigen Vorrat an Soft Power ausstatten.

Aber nun zur großen Preisfrage: Könnte es funktionieren? Das kann niemand mit Gewissheit sagen und jede militärische Intervention ist mit großen Risiken verbunden. Die chinesischen Streitkräfte sind heute gut ausgerüstet, haben aber keine vergleichbare Erfahrung auf dem Schlachtfeld. Ihre unterlegenen Gegner haben Anführer, die möglicherweise bereit sind Atomwaffen oder andere Massenvernichtungswaffen einzusetzen, falls sie Chinas Bedingungen nicht einfach akzeptieren und aufgeben sollten.

Was wir mit annähernder Gewissheit sagen können, ist, dass eine chinesische Invasion zu Wasser und zu Land, anders als eine amerikanische, bessere Chancen hätte Kims wahrscheinliche Reaktion zu verhindern: Ein Artillerieangriff auf die südkoreanische Hauptstadt Seoul, die sich nur knapp 50 Kilometer südlich der demilitarisierten Zone befindet. Warum sollte Nordkorea seine Brüder und Schwestern im Süden abschlachten, als Vergeltung für eine chinesische Invasion, die mit einem Sicherheitsversprechen, wenn nicht gar Autonomie verbunden wäre?

Während man keineswegs als selbstverständlich voraussetzen kann, dass das Kim-Regime in Bezug auf seine Atomwaffen Zurückhaltung üben wird, wäre China ein weniger wahrscheinliches Ziel für nordkoreanische Raketen als die USA. Würde eine militärische Option von chinesischer Seite ernsthaft in Erwägung gezogen, würde es sich lohnen eine Zusammenarbeit mit den USA in den Bereichen Geheimdienst und Raketenabwehr zu prüfen. In Anbetracht der Risiken, könnten die USA schwerlich ablehnen.

Es ist gut möglich, dass dieses Szenario nie eintreten wird. Aber es ist so plausibel, dass die Möglichkeit ernst genommen werden sollte. Für China ist es immerhin die beste Gelegenheit, mehr strategische Parität mit den USA in der Region zu erreichen und zugleich eine Quelle der Instabilität zu beseitigen, von der beide Länder bedroht sind.

Aus dem Englischen von Sandra Pontow.

http://prosyn.org/jCqjUHy/de;

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