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Brecht und der Brexit

LONDON – Nach dem Aufstand des 17. Juni 1953 in Ostdeutschland regte Bertolt Brecht bissig an: „Wenn das Volk das Vertrauen der Regierung verscherzt habe”, wäre es für die Regierung womöglich doch einfacher „das Volk aufzulösen und ein anderes zu wählen.” Heute, im Gefolge des Brexit-Referendums vom Juni findet dieses Gefühl in Großbritannien vielerorts seinen Widerhall.

In der heißen Phase des Abstimmungswahlkampfs sagte Michael Gove, zu diesem Zeitpunkt Justizminister und führendes Mitglied des Austrittslagers: „Ich glaube die Menschen in diesem Land haben genug von den ohnehin ständig falsch liegenden Experten aller möglichen mit Abkürzungen benannten Organisationen.“ Er meinte damit den IWF, die OECD, die LSE und all die anderen Ökonomenzirkel, in denen man argumentierte, dass ein Austritt aus der Europäischen Union der britischen Wirtschaft schaden würde.

Leider hatte Gove Recht – nicht im Hinblick auf die wirtschaftlichen Auswirkungen, sondern hinsichtlich der Geringschätzung ökonomischer Expertise durch die britischen Wähler. Trotz der beinahe einhelligen Meinung in ökonomischen Fachkreisen, wonach Großbritannien durch den Brexit in die Rezession schlittern und die langfristige Wachstumsrate abfallen würde, folgten die Wähler ihrem Herz und nicht ihrer Brieftasche. Die Befürworter eines Verbleibs wurden beschuldigt, mit Hilfe der Warnungen der Ökonomen zu versuchen, die Wähler gefügig zu machen. 

Mancherorts wurde argumentiert, die Ökonomen selbst wären schuld am Ergebnis der Volksabstimmung, weil sie nicht in der Lage waren, sich einer Sprache zu bedienen, die auch gewöhnliche Menschen verstehen. Ähnliches wird auch Bankern und anderen Finanziers zum Vorwurf gemacht, die ebenfalls wenig überzeugend wirkten und deren Argumentation weithin als von branchenspezifischen Eigennutz motiviert wahrgenommen wurde.