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Die Schwierigkeit der Vorhersage von Alzheimer

LONDON – Die Alzheimer-Krankheit ist die bei weitem häufigste Ursache für Demenz und international eine der meistgefürchteten Krankheiten. Bis 2050 werden weltweit 135 Millionen Menschen an Alzheimer leiden – eine Verdreifachung des heutigen Wertes – wobei drei Viertel aller Fälle in Ländern niedrigen und mittleren Einkommens auftreten werden. Die Vorhersage des Ausbruchs von Alzheimer - von Prävention oder Heilung ganz zu schweigen - bleibt eine immense Herausforderung.

Die Alzheimer-Krankheit wurde vor mehr als einem Jahrhundert aufgrund von Autopsie-Ergebnissen entdeckt, die charakteristische Hirnläsionen zeigten -  so genannte „amyloide Plaques“. Bei lebenden Personen ist die Krankheit schwieriger zu diagnostizieren. Ärzte sind auf die Beobachtung von Gedächtnisverlust und anderen geistigen Defiziten (wie logisches Denken oder Sprachverständnis) angewiesen – Zeichen, dass sich im Gehirn bereits Plaques abgelagert hat. Ein Heilmittel müsste allerdings verabreicht werden, bevor sich Plaques bildet und  bereits Jahre bevor die Symptome der Demenz auftreten.

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Man könnte Alzheimer leichter vorhersagen, wenn Wissenschaftler über Zeit und Ressourcen verfügten, viele Jahre lang weitreichende Längsschnittstudien durchzuführen. Im Rahmen derartiger Studien würde man idealerweise an tausenden Personen jüngeren und mittleren Alters Blutuntersuchungen, bildgebende Verfahren, Gedächtnistests und medizinische Untersuchungen durchführen sowie die Studienteilnehmer detaillierte Fragebögen zur Lebensqualität beantworten lassen. Man würde die Probanden jahrzehntelang begleiten, um herauszufinden, ob sie die Krankheit entwickeln und welche Tests vor der Alzheimer-Diagnose positiv verliefen.

Tatsächlich führten zwei bekannte Längsschnittstudien – die Framingham Heart Study in Massachusetts und das  Kungsholmen Project in Schweden – zu wesentlichen Fortschritten hinsichtlich der Vorhersage der Krankheit.  Aus diesen Studien ging hervor, dass das Kurzzeitgedächtnis möglicherweise schon bis zu zehn Jahre vor der Diagnose Alzheimer beeinträchtigt sein kann. Seit damals verzeichnete man eine enorme Weiterentwicklung in den Bereichen Bildgebung des Gehirns, biochemische Analyse und – vielleicht am wichtigsten – bei den Gentests.

Tatsächlich verdoppelt sich das Alzheimer-Risiko, wenn ein Elternteil oder Geschwister an der Krankheit leiden. Dies ist wahrscheinlich großteils auf das Vorhandensein des ApoE-Gens zurückzuführen. Für Europäer, die einen speziellen Typ dieses ApoE-Gens, nämlich ε4, vererbt bekommen, verdreifacht sich das Risiko. Und die Vererbung zweier Kopien von ε4 lässt das Risiko auf etwa das Zehnfach ansteigen.

Doch Gentests alleine eignen sich kaum zur genauen Vorhersage der Krankheit, da etwa die Hälfte der Alzheimer-Patienten kein ε4 aufweisen und ungefähr die Hälfte der ε4-Träger die Krankheit nicht entwickeln. Und obwohl in internationalen Studien mit über 70.000 Menschen 20 weitere mit Alzheimer in Verbindung stehende Gene identifiziert wurden, sind deren Auswirkungen minimal.

Gleichwohl wurde im Rahmen einer im  New England Journal of Medicine veröffentlichten bahnbrechenden Studie aus dem Jahr 2012 eine seltene Genmutation untersucht, die bei lediglich 500 Familien weltweit auftritt und vor dem Alter von 50 Jahren zu Alzheimer führen würde. Im Zuge dieser Studie wurde festgestellt, welche Tests Jahrzehnte vor der Manifestation der Krankheit die genaueste Vorhersage lieferten.

Aus den Forschungsergebnissen ging hervor, dass es schon 25 Jahre vor dem Ausbruch der Demenz zu einer Verringerung von Beta-Amyloid – jener Substanz, die verklumpt und amyloide Plaques bildet – in der Cerebrospinalflüssigkeit kommt, die das Gehirn umgibt. Fünfzehn Jahre vor Ausbruch der Krankheit zeigte die Positronen-Emissionstomographie, dass sich Beta-Amyloid als Plaques im Gehirn angelagert hatte. Ferner zeigten die Framingham- sowie die Kungsholmen-Studie, dass detaillierte Tests des Kurzzeitgedächtnisses bereits zehn Jahre vor der Manifestation der Krankheit abnormale Ergebnisse lieferten. 

Diese Tests sind mittlerweile Bestandteil der klinischen Praxis und käuflich zu erwerben. Mit Gedächtnistests und anderen Tests für kognitive Funktionen kann festgestellt werden, ob kleinere Probleme hinsichtlich mancher Aspekte des Denkvermögens vorliegen - ein Zustand, der als „leichte kognitive Beeinträchtigung“ bekannt ist und der Alzheimer-Krankheit vorausgeht. Das Problem besteht darin, dass diese Tests von einem ausgebildeten Neuropsychologen durchgeführt werden müssen und über eine Stunde in Anspruch nehmen. Außerdem erkranken viele Menschen mit leichter kognitiver Beeinträchtigung nicht an Demenz.

Aufgrund der Untersuchung der  mittels Lumbalpunktion gewonnenen Cerebrospinalflüssigkeit kann mit einer Genauigkeit von 80 Prozent prognostiziert werden, welche Personen mit leichter kognitiver Beeinträchtigung eine Demenz entwickeln werden. Dennoch bedeutet das im Falle von 20 Prozent der Patienten eine Fehldiagnose. PET-Scans sind etwas weniger genau. Routinemäßige MRT-Aufnahmen des Gehirns von  Menschen mit leichter kognitiver Beeinträchtigung zeigen hingegen mit einer Genauigkeit von lediglich etwa 70 Prozent unscheinbare Abnormalitäten.

Deshalb sind Forscher immer noch auf der Suche nach einem genauen prädiktiven Test, der billiger, schneller und weniger invasiv durchzuführen ist als PET-Scans oder Lumbalpunktionen. Zwei heuer durchgeführte kleinere Studien mit Bluttests ergaben, dass diese Alzheimer offenbar 1 bis 3 Jahre vor dem Ausbruch der Krankheit vorhersagen können. Doch diese Tests sind kompliziert und erfordern die Untersuchung von zehn oder mehr Substanzen.

Ungeachtet der prädiktiven Methoden, die Ärzte in den nächsten Jahren verwenden werden, ist festzustellen, dass diese es ihnen wahrscheinlich ermöglichen werden, Patienten mit leichter kognitiver Beeinträchtigung über deren Wahrscheinlichkeit zu informieren, auf kurze Sicht Alzheimer zu entwickeln. Die schwierigere Frage lautet, ob es uns gelingen wird, Alzheimer bei Menschen mit normaler kognitiver Funktion und normalem Gedächtnis vorherzusagen oder die Krankheit mehr als fünf Jahre vor ihrem Ausbruch zu prognostizieren.

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Aber selbst wenn man Alzheimer letztlich wird genau vorhersagen können, gilt es festzuhalten, dass derzeit keine Medikamente zur Verfügung stehen, um die Krankheit zu verhindern oder zu heilen, bevor die amyloide Plaques beginnt, den Geist zu zerstören. Darin besteht unsere nächste große Herausforderung.

Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier