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Trumps Psychopathologie verschlimmert sich

NEW YORK – Mittlerweile verschärft US-Präsident Donald Trump offensichtlich täglich seine Politik und seine persönlichen Angriffe auf andere Länder und deren Staatschefs, auf Arme und Schwache und auf Migrantenfamilien. Zuletzt setzte sich Trump für die herzlose Trennung von Migrantenkindern von deren Eltern ein. Obwohl ihn die öffentliche Empörung darüber zum Rückzug gezwungen haben mag, wird sich seine Angriffsbereitschaft bald anderswo bemerkbar machen.

Die meisten Experten deuten Trumps Ausbrüche als Zugeständnisse an seine politische Basis, als Inszenierung vor den Kameras oder als Aufschneiderei im Hinblick auf zukünftige Deals. Wir sehen das anders. In Übereinstimmung mit zahlreichen renommierten amerikanischen Experten für psychische Gesundheit sind wir der Ansicht, dass Trump unter mehreren psychologischen Pathologien leidet, die ihn zu einer deutlichen und präsenten Gefahr für die Welt werden lassen.  

Trump weist Anzeichen von mindestens drei gefährlichen Wesenszügen auf: Paranoia, Mangel an Empathie und Sadismus. Bei Paranoia handelt es sich um eine Form der Loslösung von der Realität, im Rahmen derer die Person nicht existente Bedrohungen wahrnimmt. Die paranoide Person kann im Kampf gegen imaginäre Bedrohungen Gefahren für andere verursachen. Ein Mangel an Empathie kann entstehen, wenn das Individuum übermäßig mit sich selbst beschäftigt ist und andere bloß als Werkzeuge betrachtet. Anderen Schaden zuzufügen verursacht keine Gewissensbisse, wenn damit eigenen Zwecken gedient wird. Sadismus bedeutet, Gefallen daran zu finden, anderen Schmerzen zuzufügen oder sie zu demütigen, insbesondere diejenigen, die als Bedrohung oder als Erinnerung an die eigenen Schwächen wahrgenommen werden.  

Wir sind der Ansicht, dass Trump diese Wesenszüge aufweist. Unsere Schlussfolgerungen stützen sich nicht auf den Befund einer unabhängigen psychiatrischen Untersuchung, -  die wir schon zuvor forderten und es nach wie vor tun - sondern auf Beobachtungen seines Vorgehens, seiner bekannten Lebensgeschichte und auf zahlreiche Berichte anderer Personen. Aber wir brauchen kein vollständiges Bild, um zu erkennen, dass Trump bereits eine wachsende Gefahr für die Welt darstellt. Die psychologische Expertise sagt uns, dass sich derartige Wesenszüge tendenziell verschlimmern, wenn diese Personen Macht über andere erlangen.

Um seine provokant aggressiven Aktionen zu rechtfertigen, lügt Trump unablässig und reuelos. Einer Untersuchung der Washington Post zufolge stellte Trump seit seiner Amtsübernahme über 3.000 falsche oder irreführende Behauptungen auf. Und, wie die Post anmerkt, seine Lügen scheinen in den letzten Wochen überhand zu nehmen. Trumps Vertraute beschreibenihn als jemanden, der zunehmend jeden mäßigenden Einfluss durch Personen in seiner Nähe ignoriert.  Es gibt keine „Erwachsenen” mehr in seinem Umfeld, die ihn davon abhalten könnten, sich mit korrupten und aggressiven Kumpanen zu umgeben, die bereit sind, nach seiner Pfeife zu tanzen – wobei dies von seiner Psychologie her vollkommen vorhersehbar ist.

Trumps wilde Übertreibungen der letzten Wochen offenbaren die zunehmende Schwere seiner Symptome. Man denke beispielsweise an seine wiederholten Behauptungen, wonach das vage Ergebnis seines Treffens mit dem nordkoreanischen Machthaber Kim Jong-un ein Ende der nuklearen Bedrohung durch Kims Regime darstelle, oder an seine offenkundige Lüge, dass nicht seine Politik, sondern die Demokraten schuld an der Trennung der Migrantenkinder von ihren Eltern an der Südgrenze zu Mexiko seien. Die WashingtonPost zählte kürzlich 29 falsche oder irreführende Äußerungen während einer einzigen einstündigen Veranstaltung. Ob absichtlich oder wahnhaft: dieser Grad unentwegten Lügens ist pathologisch.

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Da Trump in Wirklichkeit nicht über die Fähigkeit verfügt, anderen seinen Willen aufzuzwingen, garantiert sein Ansatz einen endlosen Kreislauf von Drohungen, Gegendrohungen und Eskalationen. Jedem taktischen Rückzug folgt erneute Aggression. So verhält es sich auch im Falle des sich aufschaukelnden, von Retourkutschen geprägten Handelskriegs zwischen Trump und einem sich ständig erweiternden Kreis an Ländern und Volkswirtschaften, wie Kanada, Mexiko, China und der Europäischen Union. Gleiches gilt auch für Trumps einseitigen Rückzug aus einer wachsenden Zahl internationaler Abkommen und Gremien, darunter dem Pariser Klimaabkommen, dem Atomabkommen mit dem Iran und jüngst aus dem UN-Menschenrechtsrat, nachdem dieser die amerikanische Politik gegenüber den Armen kritisiert hatte.

Trumps Paranoia findet ihren Niederschlag in erhöhten geopolitischen Spannungen. Traditionelle Verbündete, die nicht an den Umgang mit amerikanischen Präsidenten mit schweren geistigen Beeinträchtigungen gewöhnt sind, zeigen sich deutlich erschüttert, während die Gegner offensichtlich ihre Vorteile daraus ziehen. Viele von Trumps Anhängern scheinen seine schamlosen Lügen als mutige Darstellung der Wahrheit zu deuten, während Experten und ausländische Spitzenpolitiker tendenziell der Meinung sind, seine bizarren Rundumschläge seien Ausdruck seiner politischen Strategie. Doch das ist ein Missverständnis. Trumps Aktionen mögen als rational und sogar als kühn „erklärt“ werden, wahrscheinlicher ist jedoch, dass es sich dabei um Manifestationen schwerer psychologischer Probleme handelt.

In der Geschichte wimmelt es vor Menschen mit geistigen Störungen, die als Möchtegern-Retter große Macht erlangt haben, nur um sich später in Despoten zu verwandeln, die ihren Gesellschaften und anderen ernsthaften Schaden zufügten. Ihre Willenskraft und ihre Versprechungen von nationaler Größe verlocken die öffentliche Anhängerschaft; aber wenn eine Lehre aus dieser Art von Pathologie an der Macht zu ziehen ist, besteht sie darin, dass die langfristigen Ergebnisse unausweichlich für alle katastrophal sind.

Wir sollten nicht aus Angst vor einem zukünftigen Desaster erstarren. Ein Staatschef mit gefährlichen Anzeichen von Paranoia, Sadismus und einem Mangel an Empathie sollte nicht im Präsidentenamt verbleiben, damit er keinen verheerenden Schaden anrichten kann. Jede geeignete Maßnahme zur Beseitigung der Gefahr – Wahlen, ein Amtsenthebungsverfahren oder die Anwendung des 25. Zusatzartikels der amerikanischen Verfassung – würde helfen, unsere Sicherheit wiederherzustellen.

Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier

http://prosyn.org/xKXjMUq/de;

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