9

Die nordkoreanischen Familienwerte des Donald Trump

ATLANTA – Jeder neue US-Präsident, der in Washington einzieht, hat eine Handvoll Berater und Helfer im Schlepptau, die aufgrund persönlicher Verbindungen, die über Jahre aufgebaut und in Wahlkämpfen gestählt wurden, einen administrativen Ehrenplatz bekommen. Von der „irischen Bruderschaft“, die John F. Kennedy ins Amt half, bis hin zu „Berliner Mauer“, die Richard Nixons Tür bewachte – immer wieder haben enge Freunde und Vertraute die großen Namen der Regierung in den Schatten gestellt. Aber noch nie hat ein amerikanischer Präsident einen inneren Kreis ins Weiße Haus gebracht, der von seiner Familie dominiert wird – bis Donald Trump kam.

Nach Trumps Unternehmensgeschichte und Präsidentschaftskampagne zu urteilen – an der außerhalb seiner Familie, wenn überhaupt, nur wenige Freunde beteiligt waren – werden seine erwachsenen Kinder trotz ihrer Unerfahrenheit bei nationalen und internationalen Angelegenheiten bei den Entscheidungen seiner Regierung eine erhebliche Rolle spielen. Trumps Kinder haben bereits während des Wahlkampfs die Strategie bestimmt und immer wieder Mitarbeiter eingestellt und entlassen, und sein Übergangsteam wird von ihnen dominiert. Seine Tochter Ivanka war beim Treffen mit Japans Ministerpräsident Shinzo Abe dabei. Und sein Sohn Donald Jr. spielte eine Rolle bei der Auswahl des Kongressabgeordneten Ryan Zinke zum Innenminister der neuen Regierung.

Und jetzt nimmt Trump seine Dynastie mit ins Weiße Haus. Ivanka wird dort das Büro der First Lady übernehmen. Ihren Mann, den Immobilieninvestor Jared Kushner, hält sein Schwiegervaters – wenn auch nur er – dafür geeignet, als Sonderbotschafter im Nahen Osten für Frieden zu sorgen. Donald Jr. und sein Bruder Eric werden in New York bleiben, um den Trump-Konzern zu leiten, aber Trumps Behauptung, er werde seine Söhne so auf Abstand halten, ist unglaubwürdig.

All wirft Fragen auf, ob Trumps Kinder die Präsidentschaft ihres Vaters zugunsten des Familienunternehmens nutzen und damit gegen die Regeln zur Beschränkung von Interessenskonflikten oder Vetternwirtschaft verstoßen könnten. Aber Trump selbst hält diese Fragen für irrelevant.

Dies überrascht nicht. Bereits seit langem wird Trumps Managementmodell durch einen familiären inneren Kreis bestimmt. Seine erwachsenen Kinder wurden ihr Leben lang gehegt und gefördert und arbeiten seit Jahren an der Spitze der Trump-Organisation. Heute nehmen sie drei Sitze im Aufsichtsrat ein, und Trump selbst hat einen vierten. Angesichts ihrer Bedeutung für das Unternehmen und ihres Verhältnisses zu ihrem Vater kann an ihrem Einfluss auf seine Regierung nicht gezweifelt werden.

Auf den übrigen Spitzenpositionen im Unternehmen sitzen langfristige Gefolgsleute der Familie, die dort durchschnittlich schon seit 17 Jahren sind. Viele von ihnen sind bereits seit drei Jahrzehnten dabei. Verglichen mit anderen Unternehmen vergleichbarer Größe ist die dynastische Vorstandsebene und die Langlebigkeit ihrer Consiglieri erstaunlich. Jedem Regierungskandidaten also sollte die Lektion klar sein: Wenn man schon kein Mitglied der Familie ist, ist zumindest bedingungslose Loyalität angesagt.

Auf die Frage, ob Trumps familiärer Führungsstil funktionieren wird, gibt es in der jüngsten Geschichte der US-Präsidentschaften kaum Hinweise. Aber Trump wird die Besetzung seines inneren Kreises mit Familienmitgliedern sowieso nicht von Vor- oder Nachteilen abhängig machen, was nicht zuletzt seine eigene Erfahrung widerspiegelt: Seit sein Vater ihn in das Familienunternehmen aufnahm, hat er nie anderswo gearbeitet.

Darüber hinaus ist Trump bei weitem nicht der einzige Konzernchef, der die Führung gern „in der Familie hält“. Laut einer Studie der Boston Consulting Group vom letzten Jahr ist ein Drittel der amerikanischen Unternehmen mit einem Jahresumsatz von einer Milliarde Dollar oder mehr in Familienbesitz. Und von diesen werden 40% durch die Familie geleitet.

Auch für familiengeführte Regierungen gibt es viele Beispiele, allerdings nicht in entwickelten Demokratien. Von Kasachstan bis zum Kongo finden wir blutsverwandte Regierungseliten, die ihre Beute teilen, sich gegen Thronräuber wehren und die Macht an ihre Kinder weitergeben.

Auch wenn es weit hergeholt scheint, die Trumps beispielsweise mit den nordkoreanischen Kims – der am längsten andauernden Familiendiktatur der Welt – zu vergleichen, könnten doch einige Ähnlichkeiten auftauchen. Manche von ihnen sind bereits offensichtlich.

Die erste Regel der Familiendiktaturen ist, dass Loyalität über allem anderen steht. Ähnlich der theatralischen Unterstützungsversprechen der nordkoreanischen Kommissare und Generäle gegenüber ihrem Führer Kim Jong-un wird wohl auch Trump von seinem Clan im Weißen Haus unerschütterliche Treue fordern.

Sowohl Chefstratege Steve Bannon als auch Reince Priebus, der kommende Stabschef des Weißen Hauses, haben diese Botschaft bereits gründlich verinnerlicht. Beide haben wiederholt ihre Bewunderung für Kushner zum Ausdruck gebracht und geschworen, ihn trotz seines völligen Mangels an Erfahrung intensiv in Entscheidungen einzubeziehen.

Zweitens sind die Posten nicht von Titeln abhängig. Wie Kim, der die Hackordnung der regierenden Koreanischen Arbeiterpartei ignoriert und seinen Geschwistern hohe Positionen verschafft hat, wird wohl auch Trump seine Nachkommen mit wichtigen Aufgaben betreuen. Aufgrund der Regeln gegen Vetternwirtschaft werden Trumps Kinder und ihre Partner wohl keine offizielle Regierungspositionen einnehmen können, aber in der Praxis wird dies kaum einen Unterschied machen, da ihr tatsächlicher Einfluss und Trumps eigene Prioritäten wohl bald offensichtlich werden. Tatsächlich könnte ihr Einfluss bei der Durchsetzung von Trumps großen Zielen denjenigen der tatsächlichen Kabinettsmitglieder übertreffen, die dann klugerweise klein beigeben sollten.

Drittens wird es unerwartete Beförderungen und Säuberungen geben. In Nordkorea wird all dies von oben diktiert. Ein Beispiel dafür gibt Trump schon in seiner Reality-TV-Rolle mit der Entlassung und oft märchenhaften Beförderung einfacher Angestellter. Ebenso wie unter Kim werden Irrtümer oder Fehlentscheidungen unter Trump wahrscheinlich personelle Folgen haben, allerdings nur außerhalb seiner Familie.

Zwei Wochen vor der Wahl hat Brad Parscale, ein führender Wahlkampfmanager Trumps, bereits durchblicken lassen, wie das Weiße Haus unter Trump funktionieren könnte. „Meine Loyalität gehört der Familie“, sagte er. Niemand in Kims Familie hätte dies passender ausdrücken können.

Aus dem Englischen von Harald Eckhoff