10

Die Toilettenrevolution

KOPENHAGEN – Politiker und Philantrophen sprechen oft über abstrakte, abgehobene Ideen wie Nachhaltigkeit und Transformation durch Dialog. Daher muss man Bill Gates und den indischen Premierminister Narenda Modi loben, weil sie sich einem viel mondäneren, aber nicht weniger wichtigen Thema widmen: Toiletten.

Die Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung will die Toilettentechnik an sich ändern, so dass Toiletten nicht von einer großen Infrastruktur wie einer Kanalisation und Kläranlagen abhängig sind. 2011 hat die Gates-Stiftung den Challenge „Reinvent the Toilet” [Die Toilette neu erfinden] ins Leben gerufen, der Forschungsgelder für Wissenschaftler bereithält, die „auf der Grundlage von fundamentalen technischen Prozessen neue, innovative Ansätze für das sichere und nachhaltige Management von menschlichen Ausscheidungen entwickeln”. Die Hoffnung dabei ist, dass die Toiletten des einundzwanzigsten Jahrhunderts menschliche Ausscheidungen in Energie, Dünger oder sogar Trinkwasser verwandeln.

 1972 Hoover Dam

Trump and the End of the West?

As the US president-elect fills his administration, the direction of American policy is coming into focus. Project Syndicate contributors interpret what’s on the horizon.

Modi seinerseits hat erklärt, der Bau von Toiletten sei wichtiger als der von Tempeln. Er initiierte eine Kampagne, um die öffentliche Defäkation in Indien bis 2019 zu beenden, was mit dem 150. Geburtstag des Führers der indischen Unabhängigkeitsbewegung, Mahatma Gandhi, zusammenfällt. Um das zu erreichen, baut die Modi-Regierung schnell einfache sanitäre Anlagen und installiert Millionen Toiletten im ganzen Land, einschließlich mindestens einer in jeder Schule.

Indiens Anstrengungen ähneln denen seines größten Nachbarn, China, wo auch im ganzen Land Toiletten gebaut werden, insbesondere für die Tourismusbranche. Es wird bereits die „Toilettenrevolution” genannt. Laut der nationalen Touristenadministration Chinas wurden 2015 14.320 Toiletten in der Nähe von Sehenswürdigkeiten gebaut, 7.689 Einrichtungen wurden modernisiert.

Es ist richtig, dass sich Politiker auf dieses Thema konzentrieren. Mangelnde Hygiene gehört zu den größten Entwicklungsbremsen: Obwohl zwei Milliarden Menschen in den vergangenen 25 Jahren Zugang zu grundlegenden und sicheren sanitären Anlagen erhalten haben, müssen 2,5 Milliarden Menschen, also die halbe Entwicklungswelt, noch immer ohne auskommen. Spültoiletten sind in reichen Ländern eine Selbstverständlichkeit, aber in Indien sind sie so selten, dass von der einen Milliarde Menschen weltweit, die öffentlich defäkieren müssen, 600 Millionen in Indien leben.

Das hat schwerwiegende gesundheitliche Folgen, insbesondere für Kinder. In Indien sterben fast 200.000 Kinder pro Jahr an chronischer Diarrhoe, die auch mit Mangelernährung und verkümmertem Wachstum bei 43 Prozent der Kinder unter fünf Jahren in Verbindung gebracht wird. Kinder, die diesen Bedingungen ausgesetzt sind, sind auch besonders anfällig für opportunistische Infektionen wie Lungenentzündung und sogar Polio. Diese Zahlen sind für Indien viel höher als für andere Länder mit ähnlichem Einkommensniveau, aber besseren sanitären Bedingungen.

Frauen leiden unverhältnismäßig unter dem Mangel an Toiletten, weil es die grundlegenden Regeln der Privatsphäre vorschreiben, dass sie ihre Notdurft erst nach Eintreten der Dunkelheit verrichten dürfen, wenn das Risiko, überfallen zu werden oder sich zufällig zu verletzen, besonders hoch ist.

Der Schaden für die öffentliche Gesundheit aufgrund mangelnder Hygiene beschränkt die wirtschaftliche Entwicklung, weil sie dazu führt, dass Arbeitnehmer weniger produzieren, sparen und investieren und früher sterben. Laut einer Schätzung der Weltbank belaufen sich die Kosten mangelnder Hygiene pro Jahr weltweit auf 260 Millionen US-Dollar, davon fallen allein auf Indien fast 54 US-Dollar (6,4 Prozent des indischen Bruttoinlandsprodukts). Diese Berechnungen beruhen auf den neuesten verfügbaren Zahlen von 2006.

Es gibt keine schnelle Lösung für dieses Problem. Selbst wenn mehr Toiletten zur Verfügung stehen, brauchen die Menschen Zeit, um neue sanitäre Gewohnheiten anzunehmen. Aus diesem Grund haben Nichtregierungsorganisationen wie WaterAid in den Schulen und in den Medien mehr Bildung gefordert, um die Gesundheits-, Sicherheits- und Wirtschaftsvorteile einer besseren Hygiene zu erklären.

Das weist auf eine zusätzliche Herausforderung hin: Kosten. In den kommenden 15 Jahren werden drei Milliarden Menschen mehr Zugang zu grundlegenden sanitären Anlagen brauchen, das wird laut einer Schätzung des Entwicklungsökonomen Guy Hutton circa 33 Milliarden US-Dollar pro Jahr kosten.

Huttons Schätzung ist Teil einer Analyse der Nachhaltigen Entwicklungsziele der Vereinten Nationen zum Thema Wasser und Hygiene, die er für das Copenhagen Consensus Center durchgeführt hat, den ThinkTank, den ich leite. Im Rahmen der Nachhaltigen Entwicklungsziele haben die Vereinten Nationen 169 Entwicklungsziele verabschiedet, die dieses Jahr in Kraft treten. Schon allein das Ausmaß der neuen Benchmarks löst bei Entwicklungsorganisationen und Geberregierungen Kopfzerbrechen aus, also hat Copenhagen Consensus Ökonomen beauftragt, die Ziele zu prüfen und zu priorisieren.

Mit einer Investition von 33 Milliarden US-Dollar würden drei Milliarden Menschen mehr Zugang zu der heutigen niedrigpreisigen WC-Technologie erhalten - Latrinen ohne Spülung im ländlichen Raum und Spültoiletten, die mit einem septischen Tank verbunden sind, im städtischen Raum. Die Rendite der Investition in sozialen Leistungen würde jedes Jahr 94 Milliarden US-Dollar ausmachen, das entspricht fast drei US-Dollar pro ausgegebenem Dollar.

Diese Schätzungen beinhalten wirtschaftliche und gesundheitliche Einsparungen aufgrund einer erhöhten Produktivität der Arbeitskräfte und vermiedenen Fällen chronischer Diarrhoe und anderer Krankheiten. Und der wahre Nutzen wäre wahrscheinlich noch größer, wenn wir die damit in Zusammenhang stehenden Verbesserungen für die Umwelt und die schulischen Leistungen der Kinder mit einbeziehen würden.

Aber wir müssen auch bedenken, dass das Geld, das wir für die Verbesserung der Hygiene ausgeben - betrachtet als Sozialleistungen pro investiertem Dollar - vielleicht sogar noch sinnvoller ausgegeben werden könnte, wenn man es für den Kampf gegen die Tuberkulose oder für die Verallgemeinerung des Zugangs zu Familienplanung ausgeben würde. Aber die sanitären Projekte haben Vorrang, daher muss Geld zuerst dort eingesetzt werden, um die größte Wirkung zu erzielen. Ein einfacher Schritt wäre, sich auf die Eliminierung der öffentlichen Defäkation im ländlichen Raum zu konzentrieren und dort gemeinschaftliche Latrinen zu installieren. Das würde nur circa 14 Milliarden US-Dollar kosten und soziale Leistungen von sechs US-Dollar pro investiertem Dollar einbringen.

Fake news or real views Learn More

Vor einer Generation haben Politiker und Philantrophen nicht über Toiletten gesprochen und sie schon gar nicht ins Zentrum ihrer Entwicklungsarbeit gestellt. Die Tatsache, dass Modi und Gates genau das getan haben, ist an sich bereits eine Leistung. Aber es liegt noch viel Arbeit vor uns, und wir dürfen die Zahlen nicht aus den Augen verlieren, wenn wir die knappen Ressourcen zur Investition in Entwicklung einsetzen. Nur, indem wir die Kosten und Nutzen sorgfältig abwägen, können wir es verhindern, gutes Geld nicht aus dem Fenster zu werfen.

Aus dem Englischen von Eva Göllner.