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Die Zukunft des Wirtschaftswachstums

CAMBRIDGE – Es ist vielleicht das erste Mal in der modernen Geschichte, dass die Zukunft der Weltwirtschaft in den Händen armer Länder liegt. Die USA und Europa sind verwundete Giganten, die unter ihren finanziellen Exzessen und politischer Lähmung leiden. Aufgrund ihrer massiven Schulden scheinen sie zu jahrelanger Stagnation, wenig Wachstum, zunehmender Ungleichheit und sozialem Unfrieden verdammt zu sein.

Währenddessen ist ein Großteil der Rest der Welt voller Energie und Hoffnung. Politiker in China, Brasilien, Indien und der Türkei sorgen sich eher über zu viel Wachstum als über zu wenig. Manchen Kriterien zufolge ist China bereits die weltweit größte Wirtschaftsmacht, und die Entwicklungs- und Schwellenländer verfügen bereits über mehr als die Hälfte der Produktionsleistung. Die Länder Afrikas, lange Inbegriff wirtschaftlichen Versagens, wurden von der Beratungsfirma McKinsey als “Löwen auf dem Vormarsch” geadelt.

Wie so oft kann die veränderte Stimmung am besten in Form eines Romans wiedergegeben werden. Die Komödie Super Sad True Love Story des emigrierten russischen Schriftstellers Gary Shteyngart beschreibt, was uns erwarten könnte. Die Handlung findet in der nahen Zukunft statt, in den finanziell ruinierten und von einer Diktatur beherrschten USA. Das Land führt erneut einen sinnlosen Krieg, dieses Mal in Venezuela. Sämtliche Arbeit in den Konzernen wird von qualifizierten Immigranten geleistet, die Eliteuniversitäten des Landes haben die Namen ihrer asiatischen Gegenstücke angenommen, um zu überleben, die Wirtschaft wird von der chinesischen Notenbank bestimmt und der “Yuan-gebundene Dollar” hat die bisherige Währung abgelöst.

Aber können die Entwicklungsländer wirklich als Stütze der Weltwirtschaft dienen? Ein Großteil der optimistischen Annahmen über ihre wirtschaftlichen Aussichten beruht auf Extrapolation. Das Jahrzehnt vor der globalen Finanzkrise war in vielfacher Hinsicht das bisher beste für die Entwicklungsländer. Die Wachstumswelle ging weit über die üblichen asiatischen Länder hinaus, und zum ersten Mal seit den 1950er Jahren erlebten die meisten armen Länder das, was Wirtschaftswissenschaftler Konvergenz nennen – eine Annäherung des Einkommens an die reichen Länder.