Talent versus Kapital im 21. Jahrhundert

GENF – Wenn Finanzpolitiker versuchen, das Wirtschaftswachstum zu fördern, konzentrieren sie sich fast immer darauf, neue Wege zum Freisetzen von Kapital zu finden. In der Vergangenheit mag dieser Ansatz funktioniert haben, aber er birgt das Risiko, dass die Rolle des Talents bei der Entstehung und Verwirklichung wachstumsfördernder Ideen zu kurz kommt. Tatsächlich ist der entscheidende Faktor – oder das größte Hindernis – für Innovation, Wettbewerbsfähigkeit und Wachstum in einer Zukunft schneller technologischer Veränderungen und umfassender Automatisierung weniger die Verfügbarkeit von Kapital, sondern vielmehr das Vorhandensein qualifizierter Arbeitskräfte.

Die Arbeitsmärkte werden unablässig von geopolitischen, demographischen und wirtschaftlichen Kräften neu geprägt. Insbesondere die Technologie verändert die Natur der Arbeit selbst und macht ganze Sektoren und Berufsgruppen überflüssig, schafft aber auch völlig neue Industriezweige und Arbeitsplätze. Laut mancher Schätzungen wird fast die Hälfte der heutigen Berufe bis 2025 automatisierbar sein. Die Mutmaßungen darüber, wodurch sie ersetzt werden, reichen von Vorhersagen unerwarteter Möglichkeiten bis hin zu Prognosen umfassender Arbeitslosigkeit durch die maschinelle Verdrängung menschlicher Arbeit.

Die ersten Zeichen dieser Umwälzungen sind bereits sichtbar. Laut der Internationalen Arbeitsorganisation sind heute über 212 Millionen Menschen in aller Welt arbeitslos, und um die wachsende Anzahl der Neueinsteiger im Arbeitsmarkt zu beschäftigen, muss die Weltwirtschaft jedes Jahr 42 Millionen neue Arbeitsplätze schaffen. Auf der anderen Seite berichteten im letzten Jahr 36% aller Arbeitgeber weltweit von Schwierigkeiten, Talente zu finden – der höchste Prozentsatz seit sieben Jahren.

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