Skip to main content

Cookies and Privacy

We use cookies to improve your experience on our website. To find out more, read our updated Cookie policy, Privacy policy and Terms & Conditions

roubini132_john lamb_getty Images_bull bear market John Lamb/Getty Imags

Vier mögliche Kollisionsszenarien in der Weltwirtschaft

NEW YORK – Im klassischen „Feiglingsspiel” rasen zwei Fahrer direkt aufeinander zu und wer als erstes ausweicht, ist der „Verlierer.”  Weicht keiner aus, sterben wahrscheinlich beide. In der Vergangenheit untersuchte man derartige Szenarien, um die Risiken im Zusammenhang mit den Rivalitäten unter den Großmächten einzuschätzen. Im Falle der Kuba-Krise beispielsweise standen die sowjetische und amerikanische Führung vor der Wahl, entweder das Gesicht zu verlieren oder eine katastrophale Kollision zu riskieren. Die Frage lautet stets, ob ein Kompromiss erzielt werden kann, der beiden Parteien das Leben und ihre Glaubwürdigkeit rettet.

Derzeit sind mehrere geoökonomische Feiglingsspiele im Gange. In jedem dieser Fälle käme es im Falle gescheiterter Kompromisse zu einer Kollision, höchstwahrscheinlich gefolgt von einer weltweiten Rezession und Finanzkrise. Die erste und wichtigste Auseinandersetzung spielt sich zwischen den Vereinigten Staaten und China in den Bereichen Handel und Technologie ab. Im zweiten Fall handelt es sich um den sich zusammenbrauenden Konflikt zwischen den USA und dem Iran. In Europa haben wir es mit einer eskalierenden Politik am Rande des Abgrunds zwischen dem britischen Premierminister Boris Johnson und der Europäischen Union rund um den Brexit zu tun. Und schließlich ist da noch Argentinien, das nach dem voraussichtlichen Sieg des Peronisten Alberto Fernández bei den Präsidentschaftswahlen im nächsten Monat auf Kollisionskurs mit dem Internationalen Währungsfonds geraten könnte.

Ein umfassender Handels-, Währungs-, Technologie- und Kalter Krieg zwischen den USA und China würde den gegenwärtigen Abschwung in der verarbeitenden Industrie, im Handel und bei den Investitionen auch in die Bereiche Dienstleistungen und privater Verbrauch ausweiten und die US-Wirtschaft sowie andere große Ökonomien in eine schwere Rezession kippen. In ähnlicher Weise würde ein militärischer Konflikt zwischen den USA und dem Iran die Ölpreise über 100 US-Dollar pro Fass treiben und eine Stagflation (Rezession mit steigender Inflation) auslösen. So geschah es auch im Jahr 1973 während des Jom-Kippur-Krieges, im Jahr 1979 nach der Iranischen Revolution und 1990 nach der Invasion des Irak in Kuwait.

Eine Eskalation aufgrund des Brexits wäre an sich noch kein Grund für eine weltweite Rezession, würde aber in Europa wohl eine derartige Entwicklung zur Folge haben, die dann auf andere Ökonomien übergreifen könnte. Die gängige Meinung besteht darin, dass ein „harter“ Brexit zu einer schweren Rezession im Vereinigten Königreich führen würde, nicht jedoch in Europa, da Großbritannien stärker auf den Handel mit der EU angewiesen ist als umgekehrt. Diese Sichtweise ist naiv. Die Eurozone leidet bereits unter einem deutlichen Abschwung und befindet sich in den Fängen einer Rezession der verarbeitenden Industrie; und die Niederlande, Belgien, Irland und  - das sich einer Rezession nähernde - Deutschland sind in Wirklichkeit stark auf den britischen Exportmarkt angewiesen.

Da das Geschäftsklima in der Eurozone aufgrund der Handelsspannungen zwischen China und Amerika ohnehin belastet ist, wäre ein chaotischer Brexit der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Man stelle sich die Warteschlangen aus tausenden LKW und Autos vor, die in Dover und Calais auf die Erledigung der neuen Zollformalitäten warten. Darüber hinaus hätte eine europäische Rezession Folgewirkungen, die das weltweite Wachstum untergraben und möglicherweise eine Risk-Off-Phase auslösen würden. Eine derartige Rezession könnte sogar zu neuen Währungskriegen führen, wenn der Kurs von Euro und Pfund gegenüber anderen Währungen (nicht zuletzt dem US-Dollar) zu stark fiele.

Eine Krise in Argentinien könnte ebenfalls weltweite Folgen nach sich ziehen. Sollte Fernández Präsident Mauricio Macri besiegen und anschließend das 57 Milliarden Dollar umfassende IWF-Programm des Landes über Bord werfen, wäre es möglich, dass sich Währungskrise und der Zahlungsausfall von 2001 wiederholen. Dies könnte zu einer Kapitalflucht aus Schwellenländern im Allgemeinen führen und in der hochverschuldeten Türkei sowie in Venezuela, Pakistan und im Libanon möglicherweise Krisen auslösen und die Lage in Indien, Südafrika, China, Brasilien, Mexiko und Ecuador weiter verschärfen.

Subscribe now
ps subscription image no tote bag no discount

Subscribe now

Subscribe today and get unlimited access to OnPoint, the Big Picture, the PS archive of more than 14,000 commentaries, and our annual magazine, for less than $2 a week.

SUBSCRIBE

In allen vier Szenarien wollen beide Seiten ihr Gesicht wahren. US-Präsident Donald Trump möchte ein Abkommen mit China, um die Wirtschaft und die Märkte vor seiner erneuten Kandidatur für das Präsidentenamt im Jahr 2020 zu stabilisieren. Der chinesische Präsident Xi Jinping möchte ebenfalls eine Vereinbarung, um Chinas Abschwung zu bremsen. Aber keiner will der „Feigling” sein, denn das würde ihre innenpolitische Geltung untergraben und die andere Seite stärken. Ohne Abkommen bis Jahresende wäre eine Kollision wahrscheinlich. Je mehr Zeit verstreicht, umso wahrscheinlicher wird auch ein ungünstiges Ergebnis.

In ähnlicher Weise dachte Trump, er könne den Iran schikanieren, indem er sich aus dem gemeinsamen umfassenden Aktionsplan verabschiedet und harte Sanktionen über das Land verhängt. Doch die Iraner haben mit einer Eskalationen ihrer regionalen Provokationen reagiert. Sie wissen ganz genau, dass sich Trump einen umfassenden Krieg und einen daraus resultierenden Ölpreisanstieg nicht leisten kann. Außerdem will der Iran bis zur Aufhebung einiger Sanktionen nicht in Verhandlungen eintreten, die Trump einen Fototermin verschaffen würden. Da beide Seiten nur ungern als erste nachgeben wollen – und die Trump-Administration außerdem von Saudi-Arabien und Israel angestachelt wird – steigt die Gefahr einer Kollision.  

Möglicherweise durch Trump inspiriert dachte Johnson naiverweise, dass er die Drohung eines harten Brexit nützen könnte, um die EU zu nötigen, ein besseres Austrittsabkommen anzubieten, als seine Vorgängerin ausgehandelt hatte. Doch mittlerweile hat das Parlament ein Gesetz zur Verhinderung eines harten Brexits verabschiedet und Johnson spielt zwei Feiglingsspiele gleichzeitig. Ein Kompromiss mit der EU hinsichtlich des irischen „Backstop“ ist zwar noch vor dem Stichtag 31. Oktober möglich, aber auch die Wahrscheinlichkeit eines harten Brexit-Szenarios steigt.

In Argentinien bringen sich beide Seiten in Position. Fernández strebt ein klares Wahlmandat an und wirbt mit der Botschaft, Macri und der IWF seien für alle Probleme des Landes verantwortlich. Der Handlungsspielraum des IWF liegt klar auf der Hand: zieht er die nächste Tranche in Höhe von 5,4 Milliarden US-Dollar dauerhaft zurück und beendet die Rettungsaktion, wird Argentinien erneut einen finanziellen Zusammenbruch erleiden. Aber auch Fernández verfügt über Handlungsspielraum, denn Schulden im Ausmaß von 57 Milliarden Dollar stellen für jeden Gläubiger ein Problem dar; die Fähigkeit des IWF anderen unter Druck geratenen Ökonomien zu helfen, wäre mit einem Kollaps Argentiniens eingeschränkt. Wie in den anderen Fällen ist ein gesichtswahrender Kompromiss für alle Seiten vorteilhafter, aber eine Kollision und eine Finanzkrise können nicht ausgeschlossen werden.

Das Problem besteht darin, dass ein Kompromiss beide Seiten zur De-Eskalation zwingt, die taktische Logik des Feiglingsspiels jedoch verrücktes Verhalten belohnt. Schaffe ich es, die andere Seite glauben zu lassen, dass ich über kein Lenkrad mehr verfüge, hat die andere Seite keine andere Wahl als auszuweichen. Werfen aber beide Seiten ihr Lenkrad aus dem Fenster, wird eine Kollision unvermeidlich.

Die gute Nachricht lautet, dass in den vier oben genannten Szenarien immer noch jede Seite mit der anderen spricht oder sich unter bestimmten gesichtswahrenden Bedingungen offen für den Dialog gibt. Die schlechte Nachricht ist, dass alle Seiten noch weit von einer Einigung entfernt sind. Schlimmer noch: es sind große Egos mit im Spiel, von denen manche eher einen Crash in Kauf nehmen, als als Feigling dazustehen. Die Zukunft der Weltwirtschaft hängt also von vier waghalsigen Spielen ab, die so oder so ausgehen könnten.

https://prosyn.org/9GgGtq0de;
  1. bildt70_SAUL LOEBAFP via Getty Images_trumpukrainezelensky Saul Loeb/AFP via Getty Images

    Impeachment and the Wider World

    Carl Bildt

    As with the proceedings against former US Presidents Richard Nixon and Bill Clinton, the impeachment inquiry into Donald Trump is ultimately a domestic political issue that will be decided in the US Congress. But, unlike those earlier cases, the Ukraine scandal threatens to jam up the entire machinery of US foreign policy.

    4