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Eine gefährlichere Form des Globalismus

PRINCETON – „Amerika zuerst” poltert Donald Trump. „Großbritannien zuerst” sagen die Befürworter des Brexit. „Frankreich zuerst“ frohlocken Marine Le Pen und ihr Front National. „Russland zuerst“ verkündet man in Wladimir Putins Kreml. Angesichts einer derartigen Betonung der nationalen Souveränität heutzutage, scheint die Globalisierung wohl dem Untergang geweiht.

Das ist sie nicht. Die aktuelle Auseinandersetzung dreht sich nicht um Globalismus versus Antiglobalismus. Vielmehr stehen sich in der Welt von heute zwei Integrationsmodelle gegenüber: das eine ist multilateral und internationalistisch ausgerichtet, das andere bilateral und imperialistisch. Während der gesamten Moderne bewegte sich die Welt zwischen diesen beiden Polen.

Seit 1945 haben die Internationalisten die Oberhand. Sie befürworten Kooperation und multilaterale Institutionen zur Förderung globaler öffentlicher Güter wie Frieden, Sicherheit, Finanzstabilität und ökologische Nachhaltigkeit. Ihr Modell schränkt nationale Souveränität durch verbindliche gemeinsame Normen, Konventionen und Verträge ein.

Im Jahr 2016 kippte diese Ordnung in Richtung der Bilateralisten, die nationale Souveränität als Selbstzweck betrachten. Je weniger äußere Zwänge, desto besser: Frieden und Sicherheit sind das Ergebnis eines Gleichgewichts zwischen Großmächten. Ihr Modell bevorzugt die Starken und bestraft die Schwachen und davon profitieren wiederum die Konkurrenten auf Kosten der Kooperateure.

Über weite Strecken des 19. Jahrhunderts bestand Integration aus einer Mischung aus Internationalismus und Imperialismus. Der Freihandel wurde zur Heilsbotschaft, Massenmigration wurde begrüßt und die Länder akzeptierten neue globale Normen wie die im Jahr 1864 beschlossene erste Genfer Konvention, in der die Behandlung der im Felddienst  Erkrankten und Verwundeten geregelt wurde. Die Globalisierer konnten auch tyrannisch auftreten: der Vertrag von Nanking zwischen Großbritannien und China aus dem Jahr 1842 unterwarf das Reich der Mitte dem Westen. Und die hässlichste Fratze des bilateralen Imperialismus zeigte sich in der Zerstückelung Afrikas in exklusive Besitztümer der Europäer.

Während der schrecklichsten Phase der Menschheitsgeschichte behielt der Bilateralismus die Oberhand. Zwischen 1914 und 1945 führte das Streben nach nationaler Glorie zu ruinöser wirtschaftlicher Rivalität und Massengewalt. Der Crash an der Wall Street im Jahr 1929 ließ die um ihr Überleben kämpfende internationale Ordnung zusammenbrechen. Ein Land nach dem anderen kehrte sich nach innen; und im Jahr 1933 war der Welthandel auf ein Drittel des Niveaus im Jahr 1929 zusammengebrochen.

Geschürt von Rassismus und der Furcht vor Übervölkerung nahm der Globalismus räuberische Züge an: mächtige Länder zwangen ihren Nachbarn und Partnern unfaire Handelspakte auf oder überrannten sie einfach. Japan nahm 1931 die Mandschurei ins Visier, errichtete einen Marionettenstaat und fiel 1937 in China ein. Die Sowjets verfuhren mit den an Russland grenzenden Ländern in der gleichen Manier. Die Nazis zwangen schwächeren Nachbarn Verträge auf, besetzten andere und strebten danach, slawische Länder zu entvölkern, um Platz für germanische Siedler zu schaffen.

Die Brutalität des Bilateralismus veranlasste US-Präsident Franklin Delano Roosevelt und den britischen Premierminister Winston Churchill im Jahr 1941 die Atlantik-Charta zu erarbeiten. Als Vorlage für eine Nachkriegsordnung konzipiert, wurde darin erklärt, dass Freiheit ein Eckpfeiler für Frieden sei und der Bilateralismus eingedämmt werden müsse. Keine Überfälle mehr. Keine Schikanen durch Zölle. Freiheit der Meere.

Dem Sieg der Alliierten im Zweiten Weltkrieg und der Atlantik-Charta folgte ein globaler New Deal: durch ihre Zustimmung zu internationalen Regeln und Institutionen konnten die Länder an der Wirtschaftsblüte der Nachkriegszeit teilhaben. Die europäische Integration bildete den Kern dieses Experiments in multilateralem Globalismus; die deutsch-französische Aussöhnung ließ aus der chronischen Konfliktzone Europa eine Region vorbildlicher Kooperateure werden.

Die Beschränkung nationaler Souveränität ermöglichte globalen Handel, Investitionen und Migration zur Förderung des Wohlstandes in der Nachkriegszeit. Milliarden Menschen entkamen der Armut. Relativer Friede konnte aufrechterhalten werden.

Doch der globale New Deal scheint sein Ende gefunden zu haben. Für zu viele Menschen wurde die Welt zu einem chaotischen, gefährlichen, widersprüchlichen und bedrohlichen Ort – das Gegenteil dessen, wie man sie in der Atlantik-Charta konzipiert hatte. Nach 1980 war die globale Integration von steigender Ungleichheit auf nationaler Ebene begleitet. Während sich der Horizont der Chancen für gebildete Kosmopoliten in großen Städten erweiterte, kam es aufgrund der Demontage nationaler Gesellschaftsverträge zu einer Schwächung der Bindung zwischen den Bürgern.

Angesichts verschwimmender globaler Trennlinien vertieften sich die Spaltungen auf nationaler Ebene und das ebnete den Weg für ein stürmisches Comeback der Bilateralisten. Hinter den Kulissen sehnten sich Staatschefs wie der russische Präsident Wladimir Putin nach der Rückkehr in eine Welt der muskelstrotzenden Souveränität, die nicht von multilateralen Feinheiten angekränkelt war. Mittlerweile haben sich in wichtigen Ländern Gleichgesinnte gefunden.

Zwei Tage nach seiner Amtseinführung, kündigte Trump an, dass die USA „noch eine Chance“ haben würden, sich irakisches Öl anzueignen. Anschließend sorgte er für den Ausstieg der USA aus dem Handelsabkommen Transpazifische Partnerschaft und versprach eine Neuverhandlung des Nordamerikanischen Freihandelsabkommens. Die Zukunft des mühsam erkämpften Klimaabkommens von Paris ist mittlerweile zweifelhaft. Vorwürfe der Währungsmanipulation und Drohungen mit protektionistischen Maßnahmen haben sich intensiviert. Nun, da sich Großbritannien, das der Welt 1840 den Freihandel bescherte, für den Alleingang entschied, stellen die alten Verbündeten der Atlantik-Charta nationale Souveränität über globale öffentliche Güter.

Derzeit richtet sich die weltweite Aufmerksamkeit auf Frankreich und seine bevorstehenden Präsidentenwahlen. Auf dem Spiel steht der stotternde deutsch-französische Motor, der die europäische Integration angetrieben hat und sie im Mittelpunkt des multilateralen Systems der Nachkriegszeit hielt. Ein Sieg für Le Pen Anfang Mai würde das Ende der EU bedeuten und Kanzlerin Angela Merkel bliebe die letzte Säule einer zerbröselnden Weltordnung. Jenes Land, das durch den Internationalismus nach 1945 in stärkstem Maße umgestaltet wurde, wäre dann seine letzte Bastion, umgeben von Bilateralisten in Frankreich, Großbritannien und Russland; und sein wichtigster Förderer, die USA, befindet sich in den Händen von Nativisten.

Man stelle sich nach einem Sieg Le Pens folgendes Szenario vor, das sich in einem vornehmen Hotel im sizilianischen Taormina beim Treffen der Staats- und Regierungschefs der G-7 abspielen würde. Die USA und Kanada befehden sich wegen NAFTA. Großbritannien überwirft sich mit Frankreich und Deutschland wegen des Brexits. Japan zeigt sich nach der Aufkündigung der TPP irritiert. Und während sie alle ihren globalen Verpflichtungen den Rücken kehren, erinnern die massenhaft im umliegenden Mittelmeer ertrinkenden Flüchtlinge an eine vergangene Zeit.