Newborn baby Isabel Pavia/Getty Images

Ärzte sollten aufhören, sexuelle „Normalität” zu definieren

NEW YORK – Am 26. Oktober 1996 fand sich eine kleine Gruppe von Aktivisten vor der Konferenz der American Academy of Pediatrics in Boston ein, um auf die Tatsache aufmerksam zu machen, dass regelmäßig kosmetische Operationen an intersexuellen Kindern und Neugeborenen durchgeführt werden. Der 26. Oktober ist seitdem Tag der Intersexualität.

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2017 hat der intersexuelle Aktivist Pidgeon Pagonis aus diesem Anlass einen Protest vor der Kinderklinik Ann und Robert H. Lurie in Chicago angeführt. Vor über einem Jahrzehnt haben Ärzte dieser Klinik trotz fehlender Einwilligung eine medizinisch nicht erforderliche Operation an Pidgeon durchgeführt, um Klitoris, Vagina und Gonaden zu verändern. Für Pidgeon und die anderen anwesenden Aktivisten war dieser Protest sowohl politisch als auch sehr persönlich.

Kurz vorher hatte das Krankenhaus eine freundliche Stellungnahme veröffentlich, in der es hieß: „Wir stehen für eine offene Kommunikation mit der intersexuellen Gemeinschaft und respektieren die unterschiedlichen Meinungen der betroffenen Personen voll und ganz.” Allerdings schlug eine geleakte interne Mitteilung des Krankenhauses einen etwas anderen Ton an. Darin beschrieb die PR-Abteilung der Klinik die Protestler als Befürworter „einer extremen Position in Bezug auf intersexuelle Individuen”.

Das sind zwei ganz unterschiedliche Aussagen. Die erste drückt eine Dialogbereitschaft aus, während die zweite die Aktivisten als Extremisten abtut. Aber zusammen genommen verraten die widersprüchlichen Äußerungen die den Operationen an intersexuellen Kindern zugrundeliegenden Annahmen. Genauer gesagt erklären sie, warum Ärzte noch immer medizinisch nicht notwendige, hochriskante Verfahren an intersexuellen Kindern durchführen, die zu jung sind, um ihr Einverständnis geben zu können, obwohl diese Praktik innerhalb der medizinischen Gemeinschaft schon seit langem kontrovers diskutiert wird.

Operationen an den meisten intersexuellen Kindern sind kosmetisch: sie sollen nicht körperliche Funktionen gemäß einem medizinischen Bedarf sicherstellen, sondern den Körper äußerlich den etablierten Geschlechtsnormen anpassen. Ziel sind normgerecht aussehende Frauen und Männer durch Entfernung jeglicher Ambiguität.

Natürlich rechtfertigen einige Ärzte dieses Verfahren mit psychologischem Wohlbefinden. Sie argumentieren, die Operation seien ein menschlicher Eingriff für Kinder mit zweideutigen sexuellen Merkmalen, die andernfalls Probleme hätten, so zu sein wie ihre Alternsgenossen. Und sie führen an, sie helfen Eltern zu einem „normal” aussehenden Kind. Tatsächlich wirbt das Lurie-Krankenhaus auf seiner Webseite mit Operationen zur „Verkleinerung einer Klitoris” und damit, dass sie „helfen würde, die Anatomie von Mädchen zu korrigieren”.

Intersexuelle Aktivisten argumentieren, soziale Haltungen und medizinische Praktiken seien das Problem – nicht ihre Körper. Indem sie sich schädlichen Stigmata entgegenstellen, haben sie ein gemeinsames Ziel mit den Gruppen, die für die Rechte von Homosexuellen, Bisexuellen und Transsexuellen kämpfen. Es ist noch nicht allzu lange her, dass Reparativtherapien für Schwule und Lesben – manchmal einschließlich Elektroschock – eine akzeptierte medizinische Praktik war. Und Transsexuelle erhalten noch immer regelmäßig medizinische Diagnosen, die ihre Identität pathologisieren.

Die Erfahrung aus der Vergangenheit zeigt, dass sich die sozialen Normen ändern müssen, nicht die Personen. Nehmen wir den 17. Mai, den Internationalen Tag gegen Homophobie, Transphobie und Biphobie, der jedes Jahr begangen wird, um an die Entscheidung der Weltgesundheitsorganisation von 1990 zu erinnern, Homosexualität von der Liste der psychischen Störungen zu streichen. Diese Veränderung des medizinischen Konsenses erforderte einen Paradigmenwechsel dahingehend, dass Homosexualität fortan als eine natürliche Variation menschlicher Erfahrung galt.

Gleichermaßen wissen wir, dass intersexuelle Körper eine natürliche Variation eines Spektrums an Körpertypen ist. Das bedeutet, dass wir eine erzwungene Ablehnung von Ambiguität hinsichtlich der Körper von Kindern, die zu jung sind, um zu sprechen oder zu verstehen, was geschieht, nicht zulassen dürfen. Das gilt insbesondere für Ärzte, die kosmetische Operationen an intersexuellen Babys durchführen. Sie müssen einen Schritt zurücktreten und die kulturellen Annahmen untersuchen, die hinter ihren medizinischen Meinungen stehen.

Um zu verstehen, wie sich kulturelle Veränderung vollzieht, hilft der anthropologische Ansatz, bei dem wir andere Gesellschaften studieren und unsere eigene Kultur von einer anderen Perspektive aus betrachten. Wenn wir das tun, wird, was uns an unserer eigenen Kultur als merkwürdig erscheint, vertraut und verständlich, während Aspekte unserer eigenen Kultur, die wir als selbstverständlich angesehen haben, beginnen können, eher merkwürdig zu erscheinen.

Die Frage danach, wie eine Kultur mit der Zweideutigkeit umgeht, ist eine zentrale Frage in der Anthropologie. Der Körper von intersexuellen Personen stellt kulturelle Annahmen zu Sexualität und Geschlecht in vielen Gesellschaften in Frage. Aber heute verfügen wir über ein breites Wissen über dieses Thema, und wir können diese Annahmen entweder kritisch hinterfragen und anpassen oder wie können darauf bestehen, dass Individuen sich an bestehende kulturelle Normen und soziale Erwartungen anpassen müssen.

Das aktuelle medizinische Paradigma macht letzteres. Und dennoch ist es nicht schwer, den Kaffeesatz zu diesem Thema zu lesen. Medizinische Experten von Physicians for Human Rights, der WHO, dem Trägerverein der American Medical Association und zahlreicher Menschenrechtsgruppen glauben, dass nur intersexuelle Personen – und nicht ihre Eltern oder Ärzte – über eine Operation entscheiden sollten.

Vor dem Krankenhaus in Chicago im Oktober hielten die Aktivisten Schilder hoch, auf denen „Bildung statt Operation” und „Unsere ‚extreme‘ Meinung: zuerst keinen Schaden anrichten!” in die Höhe. Sie haben Recht. Die Forderung, Diversität zu respektieren ist keine extreme Idee. Die extreme Position ist, dass intersexuelle Körper durch chirurgische Eingriffe an die Norm angepasst werden müssen, ohne denjenigen, die in diesen Körpern leben, die Gelegenheit zu geben, eine Entscheidung zu treffen.

Krankenhäuser wie das Lurie wären gut beraten, wenn sie ihre Vorgehensweise überdenken würden. Wenn wir später auf dieses Thema zurückblicken, wird klar sein, wer auf der richtigen Seite der Geschichte gestanden hat: die Chirurgen oder die Aktivisten.

Aus dem Englischen von Eva Göllner.

http://prosyn.org/LlZY13L/de;

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