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Die Haartracht des Platzhirsches

NEW YORK: Es ist schon viel geschrieben worden über Donald Trumps eigentümliche Frisur – jene Art von aufgewelltem, gefärbtem Klappscheitel, die man eher vom Geschäftsführer eines billigen Nachtclubs erwarten würde als von einem Präsidentschaftskandidaten. Gibt es wirklich noch mehr darüber zu sagen? Tatsächlich könnte die Frisurfrage in der Politik weniger trivial sein, als es den Anschein hat.

Es ist bemerkenswert, wie viele Politiker insbesondere auf der populistischen Rechten ausgefallene Frisuren zur Schau tragen. Der frühere italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi etwa verwendete einen Kajalstift, um die durch seine beiden Haartransplantationen nicht abgedeckten kahlen Stellen zu füllen. Der holländische Demagoge Geert Wilders färbt seinen mozartartigen Haarbausch platinblond. Boris Johnson, der Brexit-Propagandist und jetzige britische Außenminister, gibt sich Mühe, seine strohfarbene Matte in einem permanenten Zustand einstudierter Unordnung zu halten. Und sie alle schneiden in der Gunst jener Wähler, die Wut und Ressentiments gegenüber den geschliffenen urbanen Eliten empfinden, gut ab.

Erdogan

Whither Turkey?

Sinan Ülgen engages the views of Carl Bildt, Dani Rodrik, Marietje Schaake, and others on the future of one of the world’s most strategically important countries in the aftermath of July’s failed coup.

Dann ist da der Vater des modernen europäischen Populismus, der verstorbene niederländische Politiker Pim Fortuyn, der gar keine Haare hatte. Doch sein glänzender, glatt rasierter Schädel fiel gegenüber den adretten Graufrisuren der etalierten Politiker genauso sehr auf wie Johnsons blonder Mopp oder Trumps vergoldeter Klappscheitel (von Berlusconi abgesehen sind übrigens alle diese Männer blond oder blondiert; dunkles Haar scheint beim populistischen Mob weniger gut anzukommen).

Aufzufallen ist natürlich das Ziel. Dank der seltsamen Frisur oder des rasierte Schädels wird eine populäre Führergestalt unmittelbar wiedererkannt. Diese Art Selbstmarketing ist bei Diktatoren häufig. Hitlers Erscheinungsbild ließe sich auf eine fettige Schmachtlocke und das nach ihm benannte Hitlerbärtchen reduzieren. Der am seltsamsten aussehende unter allen zeitgenössischen Diktatoren ist zweifelsohne der Nordkoreaner Kim Jong-un, dessen hinten und an den Seiten glattrasierter Kopf als vorsätzliche Imitation des proletarischen Haarstils seines Großvaters aus den 1930er Jahren kultiviert wird. Sein Vater Kim Jong-il versuchte sich – freilich eher erfolglos – an einer Elvistolle.

Doch auch in Demokratien funktioniert die Selbstparodie manchmal. Winston Churchill (der in vieler Hinsicht Johnsons Vorbild ist) achtete darauf, immer eine große Zigarre dabei zu haben, selbst wenn er nicht die Absicht hegte, sie auch zu rauchen. Was sein lichtes Haar anging, konnte er nicht viel machen, aber er zog sich eindeutig anders an als alle anderen. Selbst während des Krieges trug kein anderer britischer Politiker jene Art von Blaumann mit Reißverschluss, wie Churchill ihn sich zu eigen machte. Einstudierte Nonchalance oder kultivierte Exzentrizität waren ein Zeichen des typischen Aristokraten, der keine Notwendigkeit verspürte, sich den langweiligen Korrektheitsstandards der Mittelschicht anzupassen.

Churchill verstand etwas, das vielen etablierten Politikern nicht bewusst ist. Der Weg zu den Herzen der Massen besteht nicht darin, vorzugeben, man sei so wie sie. Im Gegenteil: Wenn Sie der Oberschicht entstammen, sollten Sie dick auftragen und sich in eine Karikatur des Adeligen verwandeln – etwa die des altmodischen Aristokraten, der den zaghaften Bourgeois verabscheut, aber prima mit seinem Wildhüter klarkommt. Johnson ist kein Aristokrat, aber er ist in Eton zur Schule gegangen und kann problemlos als einer durchgehen – eine Fertigkeit, die er äußerst wirksam einsetzt.

Die USA haben keine offizielle Aristokratie. Status ist dort mehr eine Geldfrage. Eines der Geheimnisse von Trumps Popularität ist, dass er offen mit seinem angeblich so großen Reichtum  protzt. Er übertreibt ihn sogar wenn nötig. Die absurden goldenen Stühle in seinen Wohnsitzen im nachgeahmten Louis-Quatorze-Stil sind eine vulgäre Imitation aristokratischer Lebensart.

Fortuyn in bescheidenerem holländischen Rahmen und Berlusconi auf grandioserer italienischer Bühne hatten einen ähnlichen Geschmack. Die Menschen, für die dies der Stoff ist, aus dem die Träume sind, bewunderten sie dafür. Die Träume derjenigen zu bestätigen, die sonst kaum etwas haben, ist für einen Populisten der Schlüssel zum Erfolg.

Die Hauptsache ist, dass diese Politiker nicht dem langweiligen, gemäßigten Mainstream entsprechen. Selbst Insider müssen als Outsider posieren, die dem kleinen Mann gegen das politische Establishment zur Seite stehen. Marotten – insbesondere Manierismen der Oberschicht, ein pompöser Lebensstil, unmögliche Witze, vorsätzliche Krassheit und eine übergeschnappte Frisur – sind ein Aktivum.

Ich bin mir nicht sicher, ob diejenigen, die Trump zu Recht als große Gefahr für die USA und die Welt betrachten, dies ausreichend würdigen. Man hört viel über den vernünftigen, gemäßigten Ton des Parteitags der Demokraten, der dem „dunklen“, zähnebleckenden Bombast der Veranstaltung der Republikaner gegenübergestellt wird. Präsident Barack Obama, Vizepräsident Joe Biden und Hillary Clinton selbst waren Musterbeispiele von Würde, verglichen mit Trumps Mussolini-artigen Manierismen und verbaler Aggression.

Clinton Anhänger – auf dem Parteitag und anderswo – neigen dazu, Trump mit Spott zu bekämpfen, der Methode, die einst Voltaire gegen die Dogmen der katholischen Kirche einsetzte. Spott kann eine wirksame Waffe sein. In den 1920er Jahren ließen Journalisten wie H.L. Mencken die christlichen Fundamentalisten in den USA so lächerlich aussehen, dass diese sich für mehrere Generationen aus der Politik zurückzogen.

Trumps verrückte, beleidigende Großsprecherei, sein vulgärer Geschmack und außergewöhnliches Aussehen laden geradezu zur Satire sein. Comedians wie Jon Stewart haben ihn gnadenlos verspottet. Doch um seine Anhänger zu überzeugen, die Trump eben wegen seiner Verrücktheit lieben, taugen Satire und Spott nicht. Trumps Verrücktheit setzt ihn vom Establishment ab, das diese Menschen verabscheuen. Charisma ruft nicht nach Mäßigung bei Wortwahl, Aussehen oder Benehmen. Je verrückter Trump wird, desto lieber mögen ihn seine Anhänger. Und je mehr die cleveren Comedians in New York ihn verspotten, desto stärker werden seine Fans sich um ihn scharren.

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Dies ist die große Perversion in unserer Zeit des wütenden Populismus. Vernünftige Argumente und politischer Optimismus lassen sich nun als negative Eigenschaften verkaufen – als die typische Maske einer selbstgefälligen Elite, der die Anliegen der Menschen, die das Gefühl haben, das der Spaß auf ihre Kosten geht, egal sind. Vernünftige Argumente haben nicht ausgereicht, um 51,9% der britischen Wähler zu überzeugen, in der EU zu bleiben. Es kann gut sein, dass sie nicht ausreichen, um einen unwissenden und gefährlichen Possenreißer – mit alberner Frisur und allen sonstigen Defiziten – daran zu hindern, der nächste Präsident der USA zu werden.

Aus dem Englischen von Jan Doolan