News reporters with cameras Will Russell/Getty Images

Make Journalismus Great Again

OXFORD – „Fake News“ sind im Zentrum der Debatte über die Zukunft des Journalismus angekommen. Mit Berichten über die Tiraden eines amerikanischen Präsidenten, russische „Bots“ in Kommunikationsprogrammen und Betrügereien und Täuschung wird um die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit konkurriert. Aber sind Fake News wirklich die größte Bedrohung, mit der die traditionellen Medien angesichts sinkender Einnahmen und Leserzahlen konfrontiert sind?

The Year Ahead 2018

The world’s leading thinkers and policymakers examine what’s come apart in the past year, and anticipate what will define the year ahead.

Order now

In einem Medienumfeld, das immer anfälliger für eine atemlose Berichterstattung wird, kann es schwierig sein, Fakten von frei erfundenen oder bewusst verzerrten Inhalten zu trennen, die in den sozialen Netzwerken geteilt werden. Die starke Ausbreitung von „Bots“ – Computerprogramme, die automatisch Desinformation verbreiten – hat die Grenzen weiter verschwimmen lassen. Und da die Methoden der Manipulation zahlreicher werden, dürfte auch das Problem noch gravierender werden.

Und trotzdem hat die nahezu ständige Fokussierung auf Fake News viele Akteure in der Branche von ernsteren Herausforderungen abgelenkt, mit denen der professionelle Journalismus konfrontiert ist. Die Erosion klassischer Geschäftsmodelle und die wachsende Abhängigkeit von Dritten, die digitale Inhalte verbreiten – wie Facebook und Google – hat Nachrichtenagenturen in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt und ihre Gewinne stark geschmälert. Erschwerend kommt hinzu, dass die Leser den Informationen nicht mehr vertrauen, die ihnen präsentiert werden. Das lässt darauf schließen, dass es bei diesem Problem um mehr geht als Fake News.

Tatsächlich gelten große, traditionelle Medien oder Unternehmen, die vor der Ära der Digitalisierung entstanden sind, immer noch als vertrauenswürdigere Quellen als die sozialen Medien. Dem Digital News Report 2017 des Reuters Institute for the Study of Journalism zufolge glauben 40% der befragten Nachrichtennutzer, dass etablierte Medienunternehmen – etwa The New York Times – Fakten und erfundene Geschichten sorgfältig auseinanderhalten. Bei den sozialen Medien glaubten dies lediglich 24% der Befragten.

Das bedeutet aber auch, dass 60% der Nachrichtennutzer glauben, dass journalistische Nachrichtenmedien nachlässig mit Fakten umgehen. Allein diese Statistik sollte allen Akteuren der Medienbranche Anlass zu großer Sorge geben.

Der Studie zufolge – für die rund 70.000 Internetnutzer in 36 Ländern befragt wurden – versuchen 29% der Teilnehmer, Nachrichten aktiv zu vermeiden. Als Grund hierfür wurde von vielen entweder angeführt, dass sich die zumeist schlechten Nachrichten negativ auf ihre Laune auswirken oder dass sie die Berichterstattung für politisch tendenziös und somit nicht vertrauenswürdig halten.

Ohne Vertrauen gibt es keine Leserschaft, und ohne eine Leserschaft kann man nichts verkaufen. Wenn die Ergebnisse der Umfrage repräsentativ für allgemeinere Trends sind, ist eine der weltweit wichtigsten Säulen der Demokratie – eine freie und unabhängige Presse – in Gefahr.

Das sollte vielleicht nicht überraschen. Im digitalen Zeitalter haben die meisten großen Institutionen Vertrauen eingebüßt, von politischen Parteien und großen Unternehmen über religiöse Organisationen bis hin zu Universitäten. Das könnte ein Zeichen für eine besser informierte und kritischere Bürgerschaft sein; oder, was wahrscheinlicher ist, Ausdruck der Überforderung mit der Fülle an Informationen und einem Gefühl der Ohnmacht in einer komplexen Welt.

Für Nachrichtenunternehmen hat sich geändert, dass sie dank der sozialen Medien kein Monopol mehr haben, die Mächtigen zur Rechenschaft zu ziehen. Im Gegenteil, sie werden mit den Mächtigen auf dieselbe Ebene gestellt – als Teil einer Medien-, Wirtschafts- und politischen Elite, die von den Sorgen der einfachen Menschen abgekoppelt ist. Der Journalismus ist zur Zielscheibe des Volkszorns geworden, und er wird sich selbst „aufrütteln“ müssen, um Glaubwürdigkeit zurückzugewinnen und das Vertrauen der Leserschaft wiederherzustellen.

Zu diesem Zweck sollten Medienhäuser mindestens sechs Maßnahmen ergreifen. Zunächst einmal müssen Nachrichtenredaktionen ihrer eigenen Agenda folgen, anstatt Ressourcen dafür zu vergeuden, über die Agenda anderer auf dem Laufenden zu bleiben. Die internationalen Recherchen, die zur Veröffentlichung der Panama Papers und der Paradise Papers geführt haben, sind herausragende Beispiele für relevanten und interessanten Journalismus – zwei wesentliche Kriterien, die Berichterstattung erfüllen sollte.

Zweitens sind Reporter gegenüber ihren Lesern in der Verantwortung zu analysieren, was mächtige Akteure tun und nicht, was sie sagen. Wie die Medienkolumnistin der Washington Post, Margaret Sullivan, unlängst festgestellt hat, hat sich die Berichterstattung über US-Präsident Donald Trump zu sehr auf seine Äußerungen, anstatt auf seine Politik konzentriert.

Drittens müssen die Medien besserer Zuhörer werden. Dass Journalisten zwischen „Berichterstattung“ und „Vor-Ort-Berichterstattung“ unterscheiden, verdeutlicht, dass ein beträchtlicher Anteil der Mitarbeiter der Nachrichtenredaktionen nie den Schreibtisch verlässt. Diese Entscheidung treffen Journalisten nicht unbedingt aus freien Stücken; viele hocken vor dem Bildschirm, weil es ihren Arbeitgebern an finanziellen Mitteln fehlt oder sie gezwungen werden, Twitter-Beiträgen zu folgen und darüber zu berichten. In gewisser Hinsicht ist das Verhalten der Reporter lediglich ein Symptom des Krankheitsbildes, das die Redaktionen befallen hat.

Viertens müssen Nachrichtenunternehmen ihre Zielgruppen einbeziehen – und mit ihnen sprechen, anstatt über ihre Köpfe hinweg zu arbeiten. Der Nachrichtenzyklus wird meist von Annahmen bestimmt, was den Zuschauern oder Lesern gefallen könnte, und nicht davon, was sie tatsächlich wollen. Es ist für Nachrichtenabteilungen unverzichtbar, die Vielfalt abzubilden, damit ihre Berichterstattung für Nutzer an Relevanz gewinnt.

Fünftens vergessen einige Medienunternehmen in der Eile mit neuen Erzählformaten zu experimentieren ihre eigentliche Aufgabe. Nachrichtenmedien sollten auf teure Projekte mit überflüssigem Beiwerk verzichten, wenn diese kaum zum tieferen Verständnis einer Story durch die Zuschauer oder Leser beitragen.

Abschließend wird eine neue Definition der Nachrichten selbst Voraussetzung für die Wiederherstellung des Vertrauens sein. Wenn Nutzer aufgrund der Informationsfülle und Komplexität überfordert sind, kann sich das in aktiver Nachrichtenvermeidung äußern. Die Medien müssen den Menschen einen Grund geben, sich wieder informieren zu wollen. (Ein Beispiel: Guten Nachrichten wird in der Medienlandschaft von heute viel zu wenig Bedeutung beigemessen.)

Wenn sich traditionelle Medienhäuser von der Fake-News-Debatte definieren lassen, werden auch sie bald überfordert sein. Solange Social-Media-Unternehmen auf die Optimierung ihrer Werbeeinnahmen abzielen, werden ihre Algorithmen vorrangig extreme oder außergewöhnliche Inhalte belohnen, und Nachrichtenunternehmen werden im Kampf gegen Desinformationen wertvolle Ressourcen verschwenden.

Besser wäre es, Nachrichten weniger langweilig zu gestalten. Seriöse Medienunternehmen haben von jeher versucht, mit Fakten Geld zu verdienen: der Scoop, das Exklusivinterview, die auf eingehenden Recherchen beruhende Enthüllung. Wahrheit ist ein Gut, ebenso wie Vertrauen. Die Zukunft der Branche hängt davon ab, ob sie besser darin wird, beides hervorzubringen.

Aus dem Englischen von Sandra Pontow.

http://prosyn.org/YpjPEkE/de;

Handpicked to read next