LOUISA GOULIAMAKI/AFP/Getty Images

Wie Ungleichheit zur Eurokrise beigetragen hat

BRÜSSEL – Seit der großen Rezession zwischen 2007 und 2009 betrachten die meisten Ökonomen die Finanzwirtschaft als Schlüsselfaktor des Konjunkturzyklus. Die präzisen Dynamiken sind aber noch nicht vollständig verstanden.

Exclusive insights. Every week. For less than $1.

Learn More

So behaupten etwa Amir Sufi von der University of Chicago und Atif Mian aus Princeton, dass Kreditwachstum zu hartnäckigen Rezessionen führt, die einsetzen sobald Haushalte, aus welchen Gründen auch immer, Zugang zu den Finanzmitteln verlieren, die sie benötigen, um ihre Kredite zu verlängern. Am Beispiel der Eurokrise wird allerdings deutlich, dass bei dieser Argumentation ein wesentlicher Faktor fehlt.  

Die Schaffung des Euro ging mit einer umfassenden Deregulierung der Finanzmärkte einher, unter anderem der Abschaffung von Kapitalverkehrskontrollen und der Anpassung des Rechtsrahmens, um europäischen Banken die Eröffnung von Filialen im Ausland zu ermöglichen. Dieser Prozess hat zu wachsendem Wettbewerb im Bankensektor geführt und den Anteil von Privatbanken im Verhältnis zu öffentlichen Banken stetig erhöht.

Die Folge war ein generelles Absinken der langfristigen Zinsen und ein wachsendes Kreditvolumen im Verhältnis zum BIP. Die Verschuldung europäischer Haushalte ist beinahe überall gestiegen, aber die Auswirkungen dieser Kreditexpansion auf den privaten Konsum waren grundverschieden in den Kernländern der EU, wo die Leistungsbilanzüberschüsse stiegen, und in der Peripherie, wo die Länder Defizite anhäuften.

Warum hat dieselbe Ausweitung des Kreditangebots so unterschiedliche Reaktionen hervorgerufen? Wie eine aktuelle Studie zeigt, hat der Prozess der finanziellen Liberalisierung der Eurozone in der Peripherie eine tiefgreifendere Veränderung bewirkt als in den Kernländern, wobei erstere zuvor weniger offene Kapitalbilanzen hatten, vergleichsweise mehr öffentliche Banken als private, höhere langfristige Zinssätze und geringere Kreditvolumen im Verhältnis zum BIP.

In derselben Studie wird argumentiert, dass in den finanziell stärker eingeschränkten Peripherieländern mit dem Liberalisierungsprozess vor allem die Erwartung einherging, dass diejenigen, die vorher keinen Zugang zu Krediten hatten – etwa aufgrund von niedrigen Einkommen oder geringen Ersparnissen – nun Kredite aufnehmen könnten, um vermehrten Konsum zu finanzieren. Anders gesagt waren es Haushalte mit niedrigen Einkommen – die einen großen Teil der Bevölkerung in den vergleichsweise stärker von Ungleichheit betroffenen Ländern der Peripherie stellen –, die die größte Rolle dabei gespielt haben die Auslandsposition ihrer Volkswirtschaften zu verändern.

In den Kernländern der Eurozone führte die Einführung des Euro im Gegensatz dazu anfänglich vor allem zu mehr und besseren Sparmöglichkeiten, die sich durch ein besseres Risiko-/Ertragsverhältnis auszeichneten. Davon profitierten in erster Linie wohlhabende Haushalte, die etwa Kredite für langfristige Investitionen aufnehmen konnten, die ihren zukünftigen – und nicht den unmittelbaren – Konsum finanzieren würden.

Da Haushalte mit höheren Einkommen insgesamt einen höheren Anteil der Gesamtbevölkerung in diesen Ländern stellen (in denen zudem tendenziell weniger Ungleichheit herrscht), blieb der Konsum insgesamt verhalten. Als es in den 1990er-Jahren zu wachsender Ungleichheit kam – vor allem in Deutschland – war der Anreiz Ersparnisse zu bilden für diese Haushalte nur noch größer.

Die gegensätzlichen Trends in der Peripherie und im Kernraum verstärkten sich nach dem Ausbruch der globalen Finanzkrise und die Eurozone trat in die Rezession ein. In der Peripherie verloren zuerst Geringqualifizierte ihre Arbeitsplätze. Da sich die Risikobereitschaft angeschlagener Geschäftsbanken verringerte, konnten diese arbeitslosen Verbraucher keine neuen Kredite mehr aufnehmen, um ihre Schulden abzulösen und ihren laufenden Konsum zu finanzieren, der ins Stocken geriet, was die Rezession weiter vertiefte.

Im Gegensatz dazu waren die wesentlichen Kreditnehmer in den Kernländern wohlhabend und hatten am wenigsten zu leiden. Wenn sie tatsächlich mit Einkommenseinbußen zu kämpfen hatten, konnten sie auf ihre Ersparnisse zurückgreifen. Die Schwere der Krise war demnach nicht einfach auf die Verschuldung der privaten Haushalte zurückzuführen, sondern vielmehr auf die Verteilung der Schulden in den unterschiedlichen Einkommensschichten.

In gewisser Hinsicht ist das eine gute Nachricht. Da die Peripherieländer den anfänglichen Schock der finanziellen Deregulierung bereits hinter sich gebracht haben, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass sie von zukünftigen Beeinflussungen des Kreditangebots unverhältnismäßig stark betroffen werden. Auch die Verlagerung der makroprudenziellen Regulierung von der nationalen Ebene auf die Europäische Union könnte hierzu beitragen, indem die Kreditvergabe der Banken weiter harmonisiert wird.

Die Sache hat aber einen Haken: Die finanzielle Regulierung auf EU-Ebene beschränkt sich auf die großen systemrelevanten Banken. Infolgedessen wird sie wahrscheinlich keinen Einfluss auf die Geschäfte kleiner lokaler Banken haben, die kleine Kredite an ungeduldige Konsumenten mit geringem Einkommen vergeben.

Die beste Möglichkeit zur Erhöhung der finanziellen Widerstandsfähigkeit der Eurozone ist die Auseinandersetzung mit den Anreizen der Konsumenten für eine Kreditaufnahme. Und die beste Möglichkeit das zu tun, ist eine Verbesserung der Position von Kreditnehmern mit geringem Einkommen durch die Investition europäischer Mittel in Bildung und Arbeitsplatzqualität. Sogar in den Kernländern könnte mehr Chancengleichheit die Stimmung heben und den Hang zum vorsorglichen Aufstocken von Ersparnissen verringern. Die Aufwertung des Humankapitals und mehr Chancengleichheit sollten in den Verhandlungen über den nächsten mehrjährigen Finanzrahmen der EU eine herausragende Rolle spielen, auch die Europäische Investitionsbank könnte möglicherweise Unterstützung bieten.

Nach derzeitigem Stand ist der gemeinsame Nenner der bestehenden Reformvorschläge für die Eurozone die Vollendung einer Bankenunion, von der viele glauben, dass sie notwendig ist, um die finanzielle Fragmentierung zu reduzieren und den Teufelskreis zwischen Banken und Staatsverschuldung zu durchbrechen. Im Vorfeld der Tagung des Europäischen Rates im Juni ist dies der Bereich, in dem Fortschritt am wahrscheinlichsten ist. Eine Bankenunion wäre zwar ein positiver Schritt, bliebe aber ohne Bemühungen zum Abbau von Ungleichheit unvollständig.

Aus dem Englischen von Sandra Pontow.

http://prosyn.org/TzXyMEP/de;

Handpicked to read next