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Die größte Gefahr von allen

PARIS – „Sag mir, wovor du dich fürchtest und ich sage dir, was dir passiert ist“, schrieb der Psychologe D.W. Winnicott Anfang des 20. Jahrhunderts. Das klingt einfach, bis man bedenkt, wie viel passiert ist – und wie viel es zu fürchten gibt.

Die schiere Vielfalt der Bedrohungen, mit denen die Welt heute konfrontiert ist, lässt einen an die tragischen Farcen Luigi Pirandellos denken. Im Westen legen manche ihr Augenmerk auf den religiösen Extremismus – insbesondere auf die angeblich im Namen des Islam begangenen terroristischen Taten. 

Andere wiederum verweisen auf Russland und warnen vor einem neuen Kalten Krieg, der in Osteuropa und im virtuellen Raum bereits deutlich wird. Wieder andere unterstreichen den Aufstieg eines aggressiven Rechtspopulismus in den Vereinigten Staaten und Teilen Europas und erklären, dass die tatsächlichen Gefahren im Inneren liegen. 

Und selbst denjenigen, die alle diese Bedrohungen anerkennen, fällt es schwer, sie nach Priorität einzustufen – eine unerlässliche Vorgehensweise, um der Gefahr zu begegnen. Wenn man also beispielsweise den islamistischen Terrorismus als die Hauptbedrohung ausmacht, könnte es für den Westen sinnvoll sein, sich bei deren Bekämpfung mit Russland abzustimmen.  

Aber was, wenn der vom Kreml aktiv unterstützte Rechtspopulismus die größte Bedrohung darstellt? In diesem Fall könnte sich die Abstimmung mit Russland als destruktiv für die liberale Demokratie des Westens erweisen. Tatsächlich könnte es dem russischen Präsidenten Wladimir Putin in die Hände spielen, wenn man die Gefahr des islamistischen Terrorismus übertreibt und gleichzeitig die Bedrohung durch den Rechtspopulismus herunterspielt.

Der Kampf um die Einstufung der Bedrohungen nach ihrer Priorität ist nicht auf den Westen beschränkt. Auch im Nahen Osten versuchen die Länder herauszufinden, wen es in Schach zu halten gilt. Zu den Spitzenreitern zählen der Islamische Staat (IS), der Iran und Israel.

Für Israel (und Saudi Arabien) ist die größte Bedrohung ganz klar der Iran. Für den Iran ist es Israel (trotz der massiven Spannungen mit Saudi Arabien). Auch der Westen hat in dieser Frage eine Meinung: die Europäische Union ist überzeugt, dass der IS die oberste Priorität zu sein hat. Vor ein paar Monaten hätten die USA dem vielleicht noch zugestimmt, aber Präsident Donald Trump könnte auch bereit sein, sich zur Eindämmung des Iran auf die Seite Israels zu schlagen, obwohl er die Ausrottung des IS als wichtiges politisches Ziel definierte.  

Auch in Asien bereitet die Einstufung der Gefahren, mit denen man konfrontiert ist, den Ländern Kopfzerbrechen. Soll man sich auf das nordkoreanische Regime konzentrieren, das sich unbeständig wie eh und je zeigt und kürzlich von seiner Ostküste aus eine ballistische Rakete in Richtung Meer abfeuerte? Oder soll man China im Auge behalten, das sowohl seinen regionalen Einfluss als auch seine revanchistischen Ansprüche stufenweise ausweitet?

Für Japan und Südkorea scheint Nordkorea die oberste Priorität zu sein. Aber für Vietnam, Indonesien und Singapur ist schwer zu erkennen, ob Nordkorea tatsächlich eine größere Gefahr darstellt, als das riesige und zunehmend nationalistische China – von anderen akuten Gefahren wie etwa den belasteten Beziehungen zwischen den beiden regionalen Atommächten Pakistan und Indien ganz zu schweigen.

Im Hinblick auf die Priorisierung der Bedrohungen von heute gibt es keine einfachen Antworten. Aber wenn wir keine Antworten finden, laufen wir Gefahr, manche der größten Fehler der Geschichte zu wiederholen.

Der französische Philosoph Paul Valéry war der Meinung, dass uns die Geschichte überhaupt nichts lehrt, denn „sie enthält alles und liefert Beispiele für alles.” Aber zum jetzigen Zeitpunkt fällt es vor allem in Europa schwer, keine historischen Vergleiche anzustellen. Im späten 19. Jahrhundert untermauerte der zunehmende Nationalismus eine Ära der Revolutionen und Bürgerkriege. In den 1930er Jahren ebnete der Aufstieg des Populismus in Europa den Weg in die Katastrophe. Vor lauter Angst vor den „Roten“ waren viele Europäer bereit, sich mit den „Braunen“ zu arrangieren. Es dauerte nicht lange, bis man die wahre Bedrohung durch die Nazis erkannte.

Die Lektion ist glasklar. Anstatt zu versuchen, den Bedrohungen, vor denen wir stehen, entsprechende Prioritäten einzuräumen – also hinsichtlich eines Ziels einen Kompromiss einzugehen, um ein anderes voranzubringen – müssen wir uns allen Bedrohungen gleichzeitig stellen. Der ermordete israelische Premierminister Jitzchak Rabin pflegte zu sagen, wir sollten „den Terrorismus so bekämpfen als ob es keinen Friedensprozess gäbe und den Frieden so anstreben, als ob es keinen Terrorismus gäbe.”

Der Kampf gegen den islamistischen Terrorismus ist bedeutsam, aber er sollte keineswegs das Gebot zum Schutz unserer Demokratien vor der Gefahr des Rechtspopulismus in den Schatten stellen – und schon gar nicht untergraben. Würde man beispielsweise den Sieg Marine Le Pens vom Front National bei den französischen Präsidentenwahlen hinnehmen, indem man argumentiert, das sei zumindest besser, als die weitere Verbreitung des radikalen Islams zu gestatten, hieße dies, die Lehren der Geschichte – und tatsächlich die Realität - zu ignorieren.

Der IS mag ebenso wie der Nazismus aus einer Kultur der Erniedrigung entstanden und vom Geist der Rache angetrieben sein, aber er verfügt nicht über die industriellen und militärischen Ressourcen Deutschlands in den 1930er Jahren. Der IS ist nicht der „moderne Nazismus”, den wir fürchten sollten, sondern vielmehr der Terrorismus, den wir im Geiste Rabins bekämpfen sollten. 

Unterdessen liegt der Frieden, den es anzustreben gilt, innerhalb unserer Länder. Die weitere Ausbreitung des Rechtspopulismus zu ermöglichen heißt, sich der Angst zu beugen, anstatt sich entsprechend einer nüchternen Analyse unserer Interessen und vor allem unserer Werte zu verhalten. Es heißt, sich aus Angst vor den roten mit den braunen Hemden zu arrangieren.

Vor nicht allzu langer Zeit inspirierte die EU - als Modell der Aussöhnung, des Friedens und des Wohlstands – Länder von Lateinamerika bis Asien. Heute ist Europa neben den einst bewunderten Vereinigten Staaten ein Modell der Angst – und es macht anderen Angst. Wenn es den Europäern nicht gelingt – mit Klarheit, Bestimmtheit und Engagement – aufgeklärte Lösungen für die Bedrohungen finden, mit denen sie konfrontiert sind, wem dann?

Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier