An automated metro train in Turkey Gurcan Ozturk/Getty Images

Ein neues Wachstumsmodell für Europas Nachbarschaft

LONDON – Über zehn Jahre nach der internationalen Wirtschafts- und Finanzkrise befindet sich die Weltwirtschaft endlich in einem breit angelegten Aufschwung. Europa und seine erweiterte Nachbarschaft sind keine Ausnahme: Das Wirtschaftswachstum hat sich in fast allen Ländern Mittel- und Osteuropas, in Zentralasien, im Nahen Osten und Nordafrika, sowie in Russland und in der Türkei im vergangenen Jahr beschleunigt und soll Prognosen zufolge robust bleiben. Dennoch zeichnen sich neue Herausforderungen ab. Werden diese nicht angegangen, werden sich die Aussichten für diese Regionen eintrüben.

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Wie der neue Transition Report der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) zeigt, haben die Länder Europas und seiner erweiterten Nachbarschaft aufstrebende Volkswirtschaften in anderen Teilen der Welt übertroffen, bevor die „Große Rezession“ eingesetzt hat. In den letzten Jahren hat sich das Blatt allerdings gewendet – und die Kluft wird größer.

Die Erklärung ist einfach. Europa und seine erweiterte Nachbarschaft hatten zuvor ein hohes Wachstum der totalen Faktorproduktivität (TFP) verzeichnet. Indem diese Länder viele der Ineffizienzen beseitigten, die sie aus ihren sozialistischen oder anderweitig dirigistischen Vergangenheiten geerbt hatten, setzten sie ihre Produktionsfaktoren Kapital und Arbeit zunehmend besser ein.

Bis 2009 waren diese „niedrig hängenden Früchte“ allerdings geerntet, und die Anlageinvestitionen waren unter das Niveau von aufstrebenden Volkswirtschaften in anderen Teil der Welt gesunken. Angesichts des hohen Anteils notleidender Kredite, die aus der Krise mitgeschleppt wurden, verlagerten die Länder ihre Aufmerksamkeit auf den Schuldenabbau und ließen Investitionen und das TFP-Wachstum ins Stocken geraten.

Ein komparativer Vorteil aufgrund eines niedrigen Lohnniveaus kann in Ländern in Europa und seiner erweiterten Nachbarschaft – sogar in jenen, deren Volkswirtschaften weniger entwickelt sind – keine Basis für langfristiges Wachstum sein. Stattdessen müssen die Grundlagen für zukunftsorientierte Wachstumsmodelle gelegt werden, getragen von einer Stärkung des Humankapitals und der Innovationskraft.

Dafür ist zuallererst eine stärkere Integration in die Weltwirtschaft erforderlich. Heutzutage ist der Zugang zu größeren Märkten entscheidend, um Anreize für Innovation und Produktivitätswachstum zu schaffen. Länder der Europäischen Union profitieren offensichtlich vom Binnenmarkt. Aufstrebende europäische Volkswirtschaften und Länder in Nahost und Nordafrika (Middle East and North Africa , MENA) werden Handelsschranken abbauen und die Konnektivität verbessern müssen, um Skaleneffekte nutzen zu können.

Konkret bedeutet dies, dass aufstrebende Volkswirtschaften in Europa und die MENA-Region in den Ausbau der Infrastruktur investieren müssen. Schätzungen des Transition Report zufolge belaufen sich die erforderlichen Infrastrukturinvestitionen dieser Regionen auf rund 2,2 Billionen Euro. Um diesen Investitionsbedarf zu decken, werden Länder, die haushaltspolitischen Zwängen unterworfen sind, private Ressourcen durch öffentlich-private Partnerschaften mobilisieren müssen.

Akteure in entwickelten Ländern befürchten oft, dass Infrastrukturinvestitionen in Schwellenländern im Sande verlaufen könnten und das Geld in entlegene Regionen fließt, in denen niemand lebt oder in denen die schönen neuen Straßen von der vorhandenen Bevölkerung nur genutzt werden, um die Gegend zu verlassen. Aber das muss nicht der Fall sein.

Die Türkei ist ein typisches Beispiel. 2002 hat das Land bedeutende Infrastrukturmaßnahmen eingeleitet, um 25% seines Straßennetzes im Lauf von rund zehn Jahren zu Schnellstraßen mit zwei Fahrbahnen auszubauen. Die Analyse des Transition Report der EBRD zeigt, dass diese Investition großen Einfluss auf den Binnenhandel gehabt und Arbeitsplätze in den zuvor unterentwickelten östlichen Regionen des Landes geschaffen hat. Länder, die sich um Finanzierungen für ihre eigenen Infrastrukturprojekte bemühen wollen, sollten aus Erfolgen wie diesen lernen ‒ und potenzielle Geber darauf aufmerksam machen.

Bei der Entwicklung wirksamer Strategien für langfristige Infrastrukturinvestitionen darf ein weiterer Schlüsselbereich nicht außer Acht gelassen werden: die Umwelt. Die Länder müssen die regulatorischen Veränderungen einplanen, die sich etwa aus Bemühungen ergeben können, ihre Verpflichtungen gemäß des Pariser Klimaabkommens zu erfüllen.

Dieser Ansatz stimmt mit den Einschätzungen von Analysten überein. Auf Grundlage einer Datenbank zum Thema kohlenstoffarme Wirtschaft des Indexanbieters FTSE Russell hat die ERBD festgestellt, dass umweltfreundlichere Unternehmen – die meist jünger und kleiner sind als weniger nachhaltige Firmen – zwar nach wie vor weniger Gewinn einbringen, aber dafür schneller wachsen.

Noch wichtiger ist vielleicht unsere Feststellung, dass Unternehmen mit einem höheren Anteil an „grünen“ Umsätzen an der Börse höher bewertet werden (Kurs-Gewinn-Verhältnis), auch wenn ihre aktuelle Eigenkapitalrendite geringer ist als die ihrer nicht umweltfreundlichen Gegenüber. Das lässt darauf schließen, dass Investoren in grünen Marktsegmenten stärkeres Wachstum erwarten oder zumindest der Unterstützung grünerer Unternehmen mehr Bedeutung beimessen.

In Regionen, wo mit fossilen Energieträgern adäquate Preise erzielt werden, erkennen auch die Unternehmen selbst die Vorteile grünerer, energieeffizienterer Technologien. Bedauerlicherweise gibt es in vielen Ländern immer noch erhebliche Energiesubventionen, die abgebaut werden müssen, um die Umstellung auf eine grüne Wirtschaft voranzutreiben. Um sicherzustellen, dass die ärmsten Haushalte nicht darunter leiden, kann die Abschaffung der Subventionen durch gezielte Beihilfen kompensiert werden wie zuletzt in Weißrussland, Ägypten und in der Ukraine.

Ein neues Wachstumsmodell für Europas Nachbarschaft muss auch eine Wiederherstellung des Gleichgewichts im Finanzsystem beinhalten. In Anbetracht der notleidenden Kredite, die ein Überbleibsel der globalen Finanz-und Wirtschaftskrise sind, wird die Finanzierung für neue Investitionen wahrscheinlich eher aus Kapitalbeteiligungen als aus Fremdfinanzierung stammen. Glücklicherweise sind Eigenkapitalgeber ebenfalls langfristig orientiert und zunehmend bereit, in umweltfreundlichere Vermögenswerte zu investieren.

Wenn in stärkerem Maße auf Beteiligungsfinanzierung gesetzt werden soll, ist jedoch bessere Staats- und Unternehmensführung erforderlich, die von Rechtsstaatlichkeit untermauert wird. Es wird nicht einfach sein, das zu erreichen. Aber Recherchen der EBRD lassen darauf schließen, dass Fortschritte in diesem Bereich, zumindest in der europäischen Nachbarschaft, nicht nur der Wirtschaft zugutekommen würden – unter anderem durch die Förderung von Investitionen und Innovation –, sondern auch der Umwelt und der Gesellschaft insgesamt. Und das ist eine Investition, die sich lohnt.

Aus dem Englischen von Sandra Pontow.

http://prosyn.org/CbkZPlm/de;

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