Amerikas Neville Chamberlain

PRINCETON – Werden Länder hinsichtlich ihrer Sicherheit nervös, pochen sie oftmals darauf, dass sie ihre Abhängigkeit von ausländischen Produkten verringern, Lieferketten verkürzen und mehr im Inland produzieren müssen. Aber erhöht Protektionismus tatsächlich die Sicherheit? Nun, da die Welt am Rande eines ausgewachsenen Handelskrieges steht, sollten wir einige der Argumente für den Protektionismus überprüfen und anschließend den umfassendsten Handelskrieg des 20. Jahrhunderts erneut unter die Lupe nehmen. 

In den Debatten rund um den Handel herrscht tendenziell viel Doppelbödigkeit. Importzölle und ähnliche Maßnahmen werden oft als zweckdienliche außenpolitische Instrumente im Dienste des Gemeinwohls präsentiert. Wirft man allerdings einen Blick hinter die Rhetorik wird klar, dass derartige Maßnahmen in Wirklichkeit nur bestimmte Wählergruppen bedienen und auf eine ungerechte Form der Besteuerung hinauslaufen.

US-Präsident Donald Trump würde argumentieren, ein Handelskrieg sei Mittel zum Zweck. In seinen Augen sind Zölle eine vernünftige Antwort auf unfaire Währungspraktiken und Bedrohungen der nationalen Sicherheit. Aber natürlich besteht auch ein innenpolitisches Kalkül: nämlich, dass Zölle bestimmten Herstellern und Wählern helfen, weil sie die Produkte der Konkurrenz verteuern. Das Problem besteht darin, dass Zölle die inländischen Verbraucher unweigerlich zwingen, die Zeche für diese Subvention in Form höherer Preise zu bezahlen.  

Trumps Behauptung, „Handelskriege sind gut und leicht zu gewinnen“ ist nicht neu. Und das bedeutet, wir können seine Behauptung anhand eines historischen Beispiels überprüfen. Als Neville Chamberlain im Jahr 1932 das Amt des britischen Schatzkanzlers bekleidete, vollzog er eine Umkehr der jahrhundertealten Rolle seines Landes als Vorreiter des Freihandels. Aus Sorge über das zu diesem Zeitpunkt seit langem bestehende britische Handelsdefizit kündigte er ein neues „Schutzsystem” an, von dem er hoffte, es „in Verhandlungen mit fremden Ländern“ nutzen zu können, „die unseren Vorschlägen bis dato keine große Aufmerksamkeit geschenkt haben.“

Chamberlain kam zu dem Schluss, dass es nur „klug ist, uns mit einem Instrument auszustatten, das zumindest so wirksam ist wie diejenigen, derer man sich bedient, um uns auf ausländischen Märkten zu diskriminieren.“ Wie sich herausstellte, ebnete er damit den Weg in Richtung Zweiter Weltkrieg. Seine Handelspolitik schwächte Großbritannien und stärkte Deutschland. Und innerhalb von nur sechs Jahren gipfelte seine Appeasement-Politik gegenüber dem Nazi-Regime in Deutschland im Münchner Abkommen des Jahres 1938, das Hitler sechs Monate später mit der Zerstörung der restlichen Tschechoslowakei brach und das Gebiet unter Kontrolle des Dritten Reiches brachte.

Die Zwischenkriegszeit war von der Angst vor einem Wiederaufleben des deutschen Nationalismus beherrscht. Die Eindämmung Deutschlands erforderte in den Augen der Westmächte entweder ein Bündnissystem oder einen ehrgeizigeren kollektiven Sicherheitspakt. Frankreich bevorzugte erstere Lösung und befürwortete eine Vereinbarung im Rahmen derer sein Bündnis mit Polen plus der „kleinen Entente“ bestehend aus Tschechoslowakei, Rumänien und Jugoslawien sowohl dem ungarischen als auch dem deutschen Expansionismus Einhalt gebieten würde. Großbritannien favorisierte die zweite Option und betrachtete den Völkerbund als das wirksamste Instrument zur Verteidigung der territorialen Integrität.

Subscribe now

Exclusive explainers, thematic deep dives, interviews with world leaders, and our Year Ahead magazine. Choose an On Point experience that’s right for you.

Learn More

Beide Ansätze brachen in der Großen Depression zusammen, hauptsächlich aufgrund der protektionistischen Politik Frankreichs und Großbritanniens. Beide Länder verlagerten sich abrupt auf eine Politik hoher Zölle und Importquoten, aufgrund derer Produkte aus ihren jeweiligen Übersee-Imperien bevorzugt wurden. Das Ergebnis dieser Politik bestand darin, dass die industriellen Hersteller der Tschechoslowakei sowie die Agrarexporteure Rumäniens und Jugoslawiens nicht mehr nach Westeuropa verkaufen konnten. Vielmehr gerieten sie – wirtschaftlich ebenso wie politisch -  zunehmend in eine Abhängigkeit von Nazi-Deutschland. In ähnlicher Weise schloss Polen nach einem Zollkrieg gegen Deutschland in den 1920er und 1930er Jahren im Jahr 1934 einen Nichtangriffspakt mit dem Nazi-Regime.

Aufgrund all dieser Entwicklungen versuchten der Völkerbund und andere multilaterale Gremien Konferenzen und Gipfeltreffen zu organisieren, um das Abgleiten in Richtung Protektionismus zu stoppen. Doch bei keiner dieser Veranstaltungen kam man über das reine Diskussionsstadium hinaus.

Während der Großen Depression gaben primär Vorwürfe der Währungsmanipulation Anstoß zu protektionistischen Maßnahmen. Heute vernimmt man die gleiche Art Rhetorik von Trump, wenn er die amerikanische Notenbank Federal Reserve wegen der Straffung der Geldpolitik kritisiert und wenn er - fälschlicherweise - behauptet, China würde den Renminbi künstlich abwerten.

Die Lehren aus der Großen Depression liegen klar auf der Hand: Handelskriege, die eigentlich die nationale Sicherheit stärken sollen, untergraben diese in Wahrheit. Das gilt insbesondere im Falle von Verteidigungsbündnissen, weil Handelshemmnisse Verbündete zwingen, engere Verbindungen mit genau der revisionistischen Macht zu knüpfen, die eigentlich eingedämmt werden soll.

Genau dieses Szenario präsentiert sich uns heute. Trumps protektionistische Rhetorik ist eine Reaktion auf den dramatischen Aufstieg Chinas. Aber durch das Anzetteln eines Zollkriegs, der auch die Europäische Union und Kanada betrifft, lässt Trump China als attraktiveren Partner erscheinen als die USA selbst. Freilich haben Trump und der Präsident der Europäischen Kommission, Jean-Claude Juncker, mittlerweile eine vorläufige Vereinbarung zur Deeskalation des Zollstreits zwischen den USA und der EU erreicht.  Doch Trump hat die transatlantische Allianz bereits in Aufruhr versetzt. Wie Deutschlands Nachbarn in den 1930er Jahren könnten Europa und Kanada denken, keine andere Wahl zu haben, als sich um einen offeneren – oder zumindest stabileren – Partner umzusehen.

Trumps Reise nach Europa im letzten Monat hat viel dazu beigetragen, Bündnisse zu zerstören, die seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs für die Aufrechterhaltung der globalen Stabilität sorgten. Und seiner selbsterniedrigenden Pressekonferenz mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin haftete mehr als nur ein Hauch von Appeasement im Stile Chamberlains an. Wenn Trump wirklich vorhat, China für die Welt attraktiver zu machen, muss er nicht mehr tun, als seinen Krieg gegen den Freihandel und die aus den Ruinen von 1945 entstandenen multilateralen Institutionen fortsetzen.  

Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier

http://prosyn.org/mYUSV3v/de;

Handpicked to read next

Cookies and Privacy

We use cookies to improve your experience on our website. To find out more, read our updated cookie policy and privacy policy.