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Eine medizinische Bewertung der Trumpschen Asylpolitik

LOS ANGELES – In einem muffigen Dachgeschossbüro im mexikanischen Tijuana beschreibt Juan (dessen Name geändert wurde, um seine Identität zu schützen) die bestürzenden Ereignisse, die ihn dazu bewegt haben, aus seiner Heimat in Guatemala zu fliehen, Tausende Kilometer zu Fuß zurückzulegen und in den Vereinigten Staaten um Asyl zu bitten. Als Notärzte in einem Krankenhaus in Los Angeles, in dem die ärmsten Einwohner der Stadt behandelt werden, sind verzweifelte Geschichten für uns nichts Neues. Aber Juans Geschichte würde selbst die abgebrühtesten unserer Kollegen beeindrucken – und reichte für die Regierung von US-Präsident Donald Trump dennoch nicht aus, um ihm Asyl zu gewähren.

Als Ärzte mit einer forensischen Spezialausbildung sind wir auf Bitte von Juans Anwalts nach Tijuana gereist, um ihn dort zu treffen. Wir wollten ermitteln, ob wir den physischen und emotionalen Druck der Gewalt, den Juan in Guatemala erlitten hat, objektiv bestätigen können. Wir wollten Juans Behauptung untermauern, er habe Angst, nach Hause zurückzukehren – ein grundlegendes Kriterium für die Annahme eines Asylantrags.

Schnell wurde uns klar, dass Juan diese Voraussetzung leicht erfüllt. Er erinnerte sich genau daran, wie ihm maskierte Männer – Mitglieder einer Bande, die von der lokalen Regierung unterstützt wurden – radikale Parolen zuriefen und ihn fast zu Tode prügelten. Dann zeigte er uns Narben an seinem Körper, die seine Behauptungen belegten.

Und als Juan beschrieb, wie drei seiner Nachbarn von der Bande lebendig verbrannt wurden, wurden seine versteckten emotionalen Narben an seinen zitternden Händen sichtbar. In der Tat wies Juans Verhalten – und auch das Ergebnis eines standardisierten psychologischen Untersuchungsverfahrens – deutlich darauf hin, dass er unter einem posttraumatischen Stresssyndrom litt.

In Guatemala erlebte Juan unbeschreibliche Gewalt. Deshalb reiste er an die Südgrenze der USA, ergab sich den Grenzsoldaten und versuchte, einen Asylantrag zu stellen. Aber das einzige, was er von den USA sah, war eine Gefängniszelle.

Gerade als Juan ankam, begann das US-Heimatschutzministerium mit der Umsetzung der Migrantenschutzprotokolle (Migrant Protection Protocols, MPP), die auch als „Bleib-in-Mexiko“-Maßnahmen bekannt wurden. Also wurde er nach seinem Antrag an der Grenze in Handschellen gelegt, in eine kleine Zelle geführt und angewiesen, Papiere zu unterschreiben, die er nicht lesen konnte – ohne einen Anwalt oder gesetzlichen Vertreter. Dann wurde er auf der mexikanischen Seite der Grenze entlassen und gebeten, ab und zu zurückzukehren, um sich über seinen Fall zu erkundigen.

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Einen Monat, nachdem wir eine forensisch-medizinische Untersuchung zur Unterstützung von Juans US-Asylantrag eingereicht hatten, hörten wir von seinem Anwalt, er habe Tijuana verlassen, um nach Hause zurückzukehren. Wie viele andere Asylbewerber fand er das Leben in Tijuana unerträglich. Die Dokumente zu beschaffen, die er brauchte, um dort arbeiten zu können, war ihm fast unmöglich. Voller Angst hörte er Gerüchte, die Drogenkartelle würden Migranten verschleppen und zwingen, als Drogenkuriere und Fußsoldaten zu arbeiten. Er wurde rassistisch beschimpft und hatte Angst, die verbalen Angriffe könnten sich in körperliche verwandeln.

Juan sah sich vor eine fast unmögliche Wahl gestellt: entweder in Tijuana zu bleiben, wo er Angst vor Gewalt hatte und keine Unterstützung oder Erwerbsmöglichkeit bekam, oder nach Guatemala zurückzukehren, wo er knapp dem Tod entronnen war. Die US-Politik, die ihn – und viele tausend andere – in eine solche Lage gebracht hat, ist unhaltbar. Seit seiner Abreise haben wir nichts mehr von Juan gehört, und wir wissen nicht, was mit ihm geschehen ist.

Jahrzehntelang wurde es Asylsuchenden erlaubt, in den USA zu bleiben, während ihre Angaben überprüft wurden. Diese Politik reicht bis in den Zweiten Weltkrieg zurück, als jüdische Flüchtlinge, die in den USA ankamen, nach Europa zurückgeschickt wurden, wo viele von ihnen dann in den Konzentrationslagern der Nazis starben. „Nie wieder“, meinten die Amerikaner danach.

Aber der „nie wieder“ gewollte Fall ist offensichtlich eingetreten: Mithilfe des MPP kann den Menschen, die an der US-Grenze Asyl beantragen, die Einreise verweigert werden, bis ein Einwanderungsrichter ihren Fall abschließend genehmigt – ein Prozess, der Jahre dauern kann. Dies ist nicht nur ein Verrat an den amerikanischen Werten, sondern verletzt auch das US-amerikanische und internationale Recht – das es verbietet, eine Person in ein Land abzuschieben, in dem ihr Leben oder ihre Freiheit aufgrund ihrer Rasse, Religion, Nationalität, politischen Einstellung oder Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe bedroht sind.

Im Heimatschutzministerium wird behauptet, das MPP trage dazu bei, Menschen abzuschrecken, die „betrügerisch Asyl beantragen“. Diese Annahme ist höchst zweifelhaft. Die „Ärzte für Menschenrechte“ haben die erheblichen Traumata dokumentiert, die viele Asylbewerber erleiden mussten – nicht nur in ihren Heimatländern, sondern auch auf ihrer Reise. Wenn überhaupt irgend etwas von Falschangaben an der Grenze abschreckt, dann die beschwerliche und riskante Reise in die USA.

Aber selbst wenn das MPP die Flüchtlinge von falschen Angaben abhalten sollte, geschieht dies zu einem hohen Preis: Unter anderem verhindert es, dass Menschen wie Juan, die verständlicherweise Angst vor heftiger Gewalt haben, das Ergebnis ihres Asylantrags unter sicheren Bedingungen in den USA abwarten zu können. Statt dessen werden über 58.000 Asylsuchende – für unbestimmte Zeit und unter oft armseligen Bedingungen – in mexikanischen Grenzstädten zurückgelassen, von denen einige so gefährlich sind, dass sie auf der Reisewarnliste des US-Außenministeriums stehen. Dies ist der „spektakuläre Erfolg“ von dem die Trump-Regierung spricht.

Als Ärzte wissen wir, dass die Traumata von Asylsuchenden wie Juan echt sind. Als menschliche Wesen haben wir Mitgefühl mit ihnen. Als Amerikaner sind wir wütend darüber, dass die Trump-Regierung nicht nur das nationale und internationale Recht verletzt, sondern auch die Grundlage der menschlichen Anstands. Diese Wut sollten alle anderen mit uns teilen.

Aus dem Englischen von Harald Eckhoff

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