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Das Ende des Paradigmas vom freien Markt

CAMBRIDGE – In den 2020er Jahren werden wir die Vorstellung, wonach die Lösung wirtschaftlicher Probleme „dem Markt überlassen” werden könne, endgültig begraben –  nach rund 40 Jahren, in denen diese Überzeugung der Gesellschaft und der Umwelt unermesslichen Schaden zugefügt hat.

Diese Prognose kann aufgrund des Wesens der digitalen Ökonomie mit derartiger Gewissheit gestellt werden. Die seit langem bestehende Wirtschaftstheorie, der zufolge Firmen oder Menschen durch individuelles Handeln zur Maximierung der Gewinne oder des „Nutzens“ das beste Ergebnis für die Gesellschaft erzielen, war nie stichhaltig. Denn wenn es so wäre, würden Unternehmen keinen Vorteil darin erblicken, stark zu wachsen und Werbetreibende würden niemals sozialen Druck anwenden, um Verbraucher zu manipulieren. In der digitalen Welt ist es aber schlicht nicht möglich, unsere gegenseitige Abhängigkeit außer Acht zu lassen.  

Man denke an die allgegenwärtigen digitalen Plattformen von heute. Ein Grund, warum es nur wenige weltweit dominierende Akteure gibt, sind die Netzwerkeffekte: unabhängig davon, ob eine Plattform potenziellen Gästen Restaurantvorschläge bietet oder Nutzern ermöglicht, sich untereinander zu verbinden, gilt die Formel, dass es für alle Anwender am besten ist, je mehr Nutzer sich auf der Plattform tummeln. Mit zunehmender Größe der Plattform steigt auch der Nutzen für alle und das häufig mit wachsender Geschwindigkeit. 

Oder man denke an die offenkundige Bedeutung von Daten, deren rapide ansteigendes Volumen die Entwicklung künstlicher Intelligenz und anderer innovativer Dienste (und in weniger positivem Sinne auch den digitalen Werbemarkt) befeuert. Da es sich bei Daten um ein „nicht rivales” Gut handelt, verfügen sie über die technisch-wirtschaftlichen Eigenschaften eines klassischen öffentlichen Gutes (wie Luft) - mehr als eine Person kann Daten nutzen, ohne damit den Gesamtbestand aufzubrauchen. Und die Grundregeln der Ökonomie zeigen, dass von Märkten nicht erwartet werden kann, diese Güter effizient zu erzeugen und zu verteilen.

Darüber hinaus werden Rohdaten zu Wissen verarbeitet, das wertvolle Informationen enthält. Diese beziehen sich im Allgemeinen auf andere Personen oder andere Daten, selbst wenn sie von einer einzelnen Person bereitgestellt werden. Mit anderen Worten: der Wert des datengetriebenen Wissens ergibt sich aus seinem sozialen Kontext.

Aufgrund der Digitalisierung sind erweiterte globale Lieferketten entstanden, die das Schicksal von Millionen Unternehmen miteinander verknüpfen. Durch die sozialen Medien wird der gesellschaftliche Einfluss auf die Konsumnachfrage wichtiger als jemals zuvor. Und der wirtschaftliche Fortschritt wird mehr denn je von Ideen angetrieben, die an Menschen gebunden sind und sich durch ihren Austausch vervielfachen. 

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Die Wahrnehmung grundlegender Mängel im methodologischen Individualismus, der den konventionellen ökonomischen Lösungsansätzen zugrunde liegt, ist alles andere als neu. In einem 1952 auf Grundlage seiner Dissertation veröffentlichten Buch stellte der verstorbene amerikanische Ökonom William J. Baumol fest, dass Menschen die Präferenzen anderer Menschen ebenso beeinflussen wie Unternehmen die Produktionskosten anderer Unternehmen – dies in Abhängigkeit vom Umfang ihrer Geschäftstätigkeit. Die Annahme, wonach gegenseitige Abhängigkeit ignoriert werden könne, machte die ökonomische Analyse natürlich einfacher. Baumol schrieb jedoch: „Eine derartige Annahme ist nicht neutral, sondern führt unaufhaltsam zur Akzeptanz von Laissez-faire.”

Außerdem ist festzustellen, dass eine falsche Annahme auch eine falsche Schlussfolgerung bedingt – wie wir es seit den 1980er Jahren am Beispiel gewisser abträglicher wirtschaftspolitischer Maßnahmen gesehen haben. Die Deregulierung der Finanzmärkte führte zur Finanzkrise des Jahres 2008, während der „Markt für Unternehmenskontrolle” einen Boom von Fusionen und die zunehmende Konzentration in vielen Wirtschaftssektoren zur Folge hatte. Hinzu kommt, dass Milton Friedmans Ansicht, wonach die alleinige soziale Verantwortung eines Unternehmens darin besteht, seine Gewinne zu steigern, überbezahlte Führungskräfte veranlasste, die durch ihre Unternehmen verursachten ökologischen und gesellschaftlichen Schäden zu ignorieren. Der „freie” Markt des Laissez-faire ist eine Schimäre und wenn der Einzelne die Konsequenzen seines Handelns für andere nicht erkennt, entstehen Märkte, die von Gier und Macht geprägt sind

Das soll nicht heißen, dass alternative politische Ansätze einfach zu bewerkstelligen sind. Wie ich an anderer Stelle ausführlich dargelegt habe, treten sowohl Regierungs- als auch Marktversagen tendenziell in den gleichen Kontexten und aus den gleichen Gründen ein – darunter Informationsasymmetrien, Ungewissheit, unvollständige Verträge und Prinzipal-Agent-Problematiken. Standard-Maßnahmen der Regierung haben nicht mehr Aussicht auf Erfolg als Laissez-faire. Verschärft werden diese klassischen Herausforderungen noch durch das Wesen der digitalen Ökonomie, wobei wir uns hinsichtlich ihrer Regulierung erst am Anfang unserer Überlegungen befinden. Wenn Hunderte Millionen Menschen in dicht besiedelten Gebieten leben, auf vielfältige Weise miteinander interagieren und von den Handlungen anderer Menschen abhängig sind, die sich Tausende Kilometer entfernt befinden, besteht kein Grund, einfache Lösungen zu erwarten.

Wie der jüngste weltweite Anstieg an Berichten über Wettbewerbspolitik und digitale Regulierung vermuten lässt, wird nach möglichen Antworten gesucht. Leider hinkt die akademische Ökonomie hinterher. In seinem jüngst erschienenen herausragenden Buch The Great Reversal über die zunehmende Fehlfunktion der amerikanischen Wirtschaft stellt Thomas Philippon fest: „Ich war überrascht von der Kluft zwischen ökonomischer Forschung und Wirtschaftspolitik.“ 

Den politischen Entscheidungsträgern ist bewusst, dass sie zur Lenkung der Wirtschaft genauere Analysewerkzeuge benötigen, um damit auf breiter Basis wieder Fortschritte zu erzielen. Um ihnen dabei zu helfen, müssen sich die Wirtschaftswissenschaftler auf die Wirtschaft der 2020er Jahre konzentrieren und sich von ihrem unwissenschaftlichen Hang zu der Annahme über isolierte Individuen, die auf freien Märkten agieren, verabschieden.  

Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier

https://prosyn.org/mMeYyKVde;