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Wachstum in Zeiten der Umwälzung

FORT LAUDERDALE, FLORIDA – Die Entwicklungs- und Schwellenländer stehen bei ihrem Versuch, hohes und nachhaltiges Wachstum zu erreichen, vor großen Hindernissen – über die sie oft wenig oder gar keine Kontrolle haben. Neben dem Gegenwind durch das langsame Wachstum der Industrieländer und den ungewöhnlichen monetären und finanziellen Bedingungen nach der Krise spielen auch die umwälzenden Effekte der Digitaltechnologie eine Rolle, die den relativen Vorteil dieser Länder bei arbeitsintensiven Produktionsvorgängen zunehmend unterminieren. Da eine Umkehr dieser Trends nicht möglich ist, bleibt nur die Anpassung.

Bei der Produktion von Elektronikgeräten spielen Roboter schon eine erhebliche Rolle, und das Nähgewerbe, das für viele Länder traditionell der erste Eintrittspunkt in das weltweite Handelssystem ist, könnte als nächstes an der Reihe sein. Hält dieser Trend an, wird es immer weniger erforderlich sein, Angebotsketten auf den Standort relativ unbeweglicher und kosteneffektiver Arbeitskräfte auszurichten, und die Produktion wird näher an die Endmärkte heranrücken. Adidas beispielsweise baut bereits eine Fabrik in Deutschland, wo Roboter hochwertige Sportschuhe produzieren, und plant eine zweite in den Vereinigten Staaten.

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Angesichts all dessen müssen die Entwicklungsländer jetzt ihre Wachstumsstrategien anpassen. Um dies auf vernünftige Weise tun zu können, müssen mehrere Hauptfaktoren berücksichtigt werden.

Erstens werden die Probleme in den Industrieländern – vom langsamen Wirtschaftswachstum bis hin zur politischen Unsicherheit – wahrscheinlich weiter andauern und für eine längere Zeit weltweit das potenzielle Wachstum bremsen. In diesem Zusammenhang dürfen die Entwicklungsländer auf keinen Fall der Versuchung nachgeben, durch nicht nachhaltige Mittel wie der Anhäufung von Schulden die Nachfrage anzukurbeln.

Statt dessen müssen insbesondere die Länder, die sich auf den frühen Stufen der wirtschaftlichen Entwicklung befinden, neue externe Märkte für ihre Waren finden. Dazu müssen sie die Handelsmöglichkeiten mit ihren Partnern in der entwickelten Welt ausbauen, von denen viele über erhebliche Kaufkraft verfügen. Dies wird den Nachfrageverlust insgesamt sicherlich nicht völlig ausgleichen, aber es kann helfen, die Folgen abzumildern.

Zweitens sind die öffentlichen und privaten Investitionen weiterhin eine gewaltige Wachstumsmaschine. In Wirtschaftsräumen mit überschüssigen Produktionskapazitäten können gezielte Investitionen von doppeltem Nutzen sein, da sie kurzfristig Nachfrage schaffen und danach das Wachstum sowie die Produktivität fördern. Also müssen die Defizite bei Investitionen, die hohe soziale und private Renditen abwerfen, verringert oder gar beseitigt werden.

Diese wachstums- und produktivitätsverbessernden Investitionen sollten in erster Linie durch inländische Ersparnisse finanziert werden, wenn auch in einigen Fällen eine Schuldenfinanzierung denkbar erscheint. Langfristige und stabile Infrastrukturinvestitionen können auch zumindest teilweise durch internationale Entwicklungsinstitutionen finanziert werden.

Drittens ist es von entscheidender Bedeutung, die Kapitalbilanz so zu verwalten, dass sie eine schützende und fördernde Wirkung auf das Wachstumspotenzial der Realwirtschaft hat. Große Kapitalzuflüsse aus Ländern mit niedrigen Zinsen können leicht zur Verteuerung der Wechselkurse führen und damit den Handelssektor der Wirtschaft unter Druck setzen. Gleichzeitig wächst die Gefahr von Kapitalabflüssen, was Risiken verstärken, Investitionen hemmen und plötzliche Kreditverengungen auslösen kann.

In diesem Zusammenhang könnten selektive Kapitalkontrollen und vorsichtiges Reservemanagement dazu beitragen, die Zahlungsbilanz zu stabilisieren und zu verhindern, dass sich die Handelsbedingungen so schnell ändern, dass diese Veränderung durch das Produktivitätswachstum nicht mehr ausgeglichen werden kann. In der Tat sind erfolgreiche Entwicklungsländer bereits vor der Wirtschaftskrise so vorgegangen.

Viertens ist eine realistische Herangehensweise an die digitale Revolution nötig. Einerseits müssen die Entwicklungsländer erkennen, dass ihre Wachstumsmodelle durch Umwälzungen, auch wenn sie schnell geschehen, nicht über Nacht obsolet gemacht werden. Das anhaltende Wachstum und die immer höheren Haushaltseinkommen in China bietet Ländern mit geringerem Einkommen neue Gelegenheiten zur kostengünstigen Produktion.

Andererseits müssen die Entwicklungsländer akzeptieren, das der Einfluss der Digitaltechnologie auf ihre Wachstumsmodelle nicht verhindert werden kann. Statt diesen Wandel als Bedrohung wahrzunehmen, sollten sie ihm vorgreifen, indem sie umwälzenden Innovationen mit Offenheit begegnen. Dies bedeutet, in materielle und humane Kapazitäten für ihre Anwendung zu investieren.

Neben der Aufwertung der Produktion müssen sich die Entwicklungsländer auch auf den Übergang zur Dienstleistungsorientierung vorbereiten, der im Zuge höherer Einkommen mit Sicherheit kommen wird (auch wenn der exakte Zeitpunkt schwer zu bestimmen ist). Dazu sollten sie neue Möglichkeiten zur Förderung des Handels mit Dienstleistungen finden, so wie es Indien und die Philippinen bereits getan haben.

Fünftens darf die Verteilung der Gewinne des Wirtschaftswachstums nicht ignoriert werden. In den Industriestaaten wurde dies leider nicht beachtet, und die Folgen sind steigende politische Polarisierung, Wut gegen das Establishment, immer geringere politische Kohärenz und schwächerer sozialer Zusammenhalt. Insbesondere in einer Umgebung geringen Wachstums können es sich die Entwicklungsländer nicht leisten, diesen Fehler zu wiederholen.

Sechstens ist es wichtig, bereits frühzeitig nachhaltige Wachstumsmuster zu etablieren. Ein „grüner“ Ansatz würde nicht nur zusätzliches Wachstum stimulieren, sondern wahrscheinlich auch die Qualität des Wachstums erhöhen, ganz zu schweigen von der Lebensqualität der einfachen Bevölkerung. Darüber hinaus könnte er langfristig zu einer viel widerstandsfähigeren Wirtschaft führen.

Und schließlich ist die unternehmerische Aktivität von entscheidender Bedeutung, um wirtschaftliche Möglichkeiten tatsächlich zu verwirklichen. In den Wachstumsstrategien müssen Maßnahmen zur Unterstützung solcher Aktivitäten vorhanden sein, die beispielsweise Hindernisse für Neugründungen beseitigen und Finanzierungsmöglichkeiten verbessern. Solche Bemühungen können noch dadurch verstärkt werden, dass Kanäle zum Fluss von Informationen, Ideen, Expertise und Talent aus dem Ausland geöffnet werden.

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Die Entwicklungsländer mögen zwar wenig Kontrolle über den Wind haben, der ihnen heute ins Gesicht bläst, aber dies bedeutet nicht, dass sie machtlos sind. Vieles kann getan werden – nicht nur, um ein gesundes Wachstum zu gewährleisten, sondern auch, um eine wohlhabendere und widerstandsfähigere Zukunft zu sichern.

Aus dem Englischen von Harald Eckhoff