Alain DENANTES/Gamma-Rapho via Getty Images

Unser Körper oder unser Leben

WASHINGTON, DC – Die technologische Entwicklung der letzten Jahre hat nicht nur die Vorteile großer Datenmengen deutlich gemacht, sondern auch die Notwendigkeit, sich mit den Gefahren für unsere Privatsphäre, die bürgerlichen Freiheiten und die Menschenrechte auseinanderzusetzen. Nirgendwo ist diese Frage relevanter als bei der neuesten Quelle dieser Daten: unserem Körper.

Strafverfolgungsbehörden auf der ganzen Welt entwickeln und nutzen Technologien, um uns anhand unserer Biometrie zu identifizieren, dazu gehören Gesicht, Fingerabdrücke, DNA, Stimme, Iris und Gang. Diese einzigartigen Identitätsmerkmale werden schon seit langem in Reisepässen und an Grenzübergängen verwendet, haben aber noch viele weitere Anwendungen.

Seit Jahren gestatten wir Regierungen und Unternehmen, unsere biometrischen Daten zu sammeln und zu analysieren, wenn wir einen Führerschein, ein Reisevisum, eine Einbürgerung oder bestimmte Jobs beantragen oder einfach nur in einen Vergnügungspark gehen. Zunehmend nutzen wir unsere Fingerabdrücke oder unser Gesicht, um unsere Smartphones freizuschalten, für Einkäufe zu bezahlen und Flugzeuge zu besteigen.

Der Schutz vor Diebstahl liegt auf der Hand: Warum ein Telefon, ein Auto oder ein Ticket stehlen, das nur für seinen rechtmäßigen Besitzer funktioniert? Vor allem kann die Biometrie vor dem Diebstahl unserer Identitäten selbst schützen.

Das ist das Argument hinter dem weltweit größten Biometrieprojekt, einer multimodalen Lösung (Iris, Fingerabdrücke und Gesicht), von der mehr als eine Milliarde Inder betroffen sind. Nandan Nilekani, der Vorsitzende von Infosys, der seinen Job aufgab, um das System Aadhaar zu entwickeln, behauptet, es spare der indischen Regierung etwa 9 Milliarden Dollar, weil es doppelte und falsche Identitäten aus den Listen der staatlichen Leistungsempfänger beseitigt.

Dank Aadhaar sind die digitalen Ausweise von mehr als einer halben Milliarde Menschen direkt mit einem Bankkonto verbunden. Damit kann die Regierung über 12 Milliarden Dollar auszahlen, ohne dass dieses Geld Gefahr läuft, durch Betrug, Diebstahl oder - besonders wichtig für Frauen – den Alkoholismus oder häusliche Gewalt durch Männer, die häufig mit plötzlichen Bargeldauszahlungen einhergehen, entwendet wird. Vielen Armen in Indien, die in nicht kartierten Dörfern oder Slums leben, gibt ein digitaler Ausweis eine offizielle Persönlichkeit - genau wie in entwickelten Ländern eine Geburtsurkunde oder eine Sozialversicherungsnummer.

Subscribe now

Long reads, book reviews, exclusive interviews, unlimited access to our archive, and our annual Year Ahead magazine.

Learn More

Aber die Biometrie erhöht die Wahrscheinlichkeit des Eintretens von Jeremy Benthams Panoptikum, der Dystopie eines allsehenden Staates. China unternimmt keine Anstrengungen, seinen Einsatz von Biometrie und künstlicher Intelligenz (KI) zur Überwachung seiner Bevölkerung zu verbergen. Weniger bekannt ist der fortgeschrittene Einsatz von Biometrie in liberalen Demokratien.

In den Vereinigten Staaten fand eine Studie des Zentrums für Datenschutz und Technologie an der Rechtsfakultät der Georgetown University im Jahr 2016 heraus, dass die Gesichtsbilder von mehr als 117 Millionen Amerikanern - fast die Hälfte aller erwachsenen US-Amerikaner - in amerikanischen Strafverfolgungsdatenbanken gespeichert waren, von denen einige dem FBI zugänglich sind. Nächsten Monat werden Zoll und Grenzschutz eine neue Gesichtserkennungstechnologie als Teil eines größeren biometrischen Exit-Programms einsetzen, das bereits auf den Flughäfen von acht US-Städten läuft.

Im Vereinigten Königreich werden die Gesichtsbilder von 12,5 Millionen Menschen, von denen Hunderttausende keines Verbrechens schuldig sind, in der Nationalen Polizeidatenbank (NPD) gespeichert, während die Zoll- und Einnahmenbehörde (HMRC) ohne Zustimmung über fünf Millionen Sprachaufnahmen gesammelt hat. Dies widerspricht einem Urteil des britischen Obersten Gerichts von 2012, das das Innenministerium anordnete, die Gesichts- und Stimmbiometrie von Häftlingen zu löschen, die ohne Anklage oder per Freispruch freigelassen wurden - in Übereinstimmung mit dem Gesetz, das die Löschung von DNA und Fingerabdrücken vorschreibt.

Die Erfassung und Speicherung biometrischer Daten verändert das Verhältnis zwischen Bürger und Staat grundlegend. Einst galt die Unschuldsvermutung, jetzt sind wir, wie der ehemalige britische Innenminister Amber Rudd sagte, „nicht verurteilte Personen” - Menschen, die noch nicht für schuldig befunden wurden.

Dieser Wandel ist nicht unumstritten. In Großbritannien werden die Polizei von South Wales und die Metropolitan Police wegen ihrer automatischen Gesichtserkennung von Liberty bzw. Big Brother Watch angeklagt. In den USA hat die Stadt Orlando, Florida, ihren Prozess gegen die Gesichtserkennungssoftware Rekognition von Amazon abgebrochen.

Auch das indische Biometrie-System steht vor rechtlichen Herausforderungen. Die Regierung hat zwar die Anmeldung bei Aadhaar freiwillig gestellt, aber sie ist für jeden Pflicht, der Zugang zu Regierungsdiensten, die Eröffnung eines Bankkontos oder den Abschluss eines Mobilfunkvertrages benötigt. Aber das ist seit 2017 illegal. Damals entschied der der Oberste Gerichtshof, das „Recht auf Privatsphäre....[ist] ein wesentlicher Bestandteil des Rechts auf Leben und persönliche Freiheit”. Das Gericht bestätigte die Befugnis der Regierung, die Rechte der Privatsphäre aus einem zwingenden Grund, wie z.B. der nationalen Sicherheit, der Verbrechensverhütung oder der Sozialfürsorge, einzuschränken; die Maßnahme muss jedoch zumutbar und dem angestrebten Zweck angemessen sein.

Noch beunruhigender ist, dass Aadhaar nicht sicher ist. Im Januar 2018 zahlten Reporter der indischen Zeitung The Tribune 500 Rupien (knapp 8 Dollar) für ein Login und Passwort, mit dem sie auf Namen, Adresse, Postleitzahl (PIN), Foto, Telefonnummer und E-Mail-Adresse jeder Person im System zugreifen konnten. Für nur 300 Rupien mehr konnten die Reporter Kopien der einzigartigen Personalausweise ausdrucken und verwenden.

Jahrelange massive Datenschutzverletzungen in den USA (die Unternehmen wie Target, Yahoo, LinkedIn und Intel sowie das Amt für Personalmanagement der Regierung betreffen) und Berichte von Unternehmen wie Facebook und Google, die persönliche Daten an Entwickler und andere Dritte weitergeben, haben zu wenig konkreten Veränderungen geführt. Dies mag auf mangelnde Anreize zurückzuführen sein: Während die Lösung von Identitätsbetrug, der sich aus solchen Verstößen ergibt, lästig und zeitaufwendig ist, werden finanzielle Probleme letztlich von Banken und Kreditkartenunternehmen getragen.

Es ist eine andere Schadensdimension, wenn unsere biometrischen Daten kompromittiert werden, denn im Gegensatz zu unseren Benutzernamen oder Passwörtern können biometrische Daten nicht zurückgesetzt werden. Außerdem sind Fehler noch schwerer zu korrigieren. Und wenn sie mit anderen Daten über uns gepaart werden (finanzielle, berufliche und soziale), kann unsere Biometrie in Algorithmen eingespeist und dazu verwendet werden, uns Kredite, Krankenversicherungen und Jobs zu verweigern, unsere Sexualität oder politische Präferenzen zu erraten und unsere Wahrscheinlichkeit, Verbrechen zu begehen, vorherzusagen - ganz ohne unser Wissen.

Eine einzigartige, fälschungssichere Identität könnte ein Segen sein. Aber wir müssen die vielen Möglichkeiten, wie sie zum Fluch werden kann, identifizieren, um sie davor schützen zu können.

Aus dem Englischen von Eva Göllner.

http://prosyn.org/ButdSq7/de;

Cookies and Privacy

We use cookies to improve your experience on our website. To find out more, read our updated cookie policy and privacy policy.