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Chinas kurzer Marsch

PEKING – Die chinesische Regierung steckt mitten in aufwändigen Vorbereitungen für die große Parade zum Nationalfeiertag, die am Tiananmen-Platz in Peking zur Feier des 60. Jahrestages der Gründung der Volksrepublik China und des 30. Jahrestages der von Deng Xiaoping initiierten Reform- und Öffnungspolitik stattfinden wird. Als ich kürzlich abends über den Platz spazierte, schweiften meine Gedanken in jene Zeit zurück, als ich begann, die erstaunliche Entwicklung Chinas zu verfolgen. Das ikonenartige, Mona Lisa ähnliche Antlitz des Vorsitzenden Mao blickt zwar noch immer vom Tor des Himmlischen Friedens, aber was rund um mich passierte, war ein Hinweis darauf, wie sehr sich die Dinge verändert hatten.

Als ich vor einem halben Jahrhundert in Harvard meine China-Studien aufnahm, verkündeten die chinesischen Führer lautstark die Überlegenheit ihrer sozialistischen Planwirtschaft, die jeden Aspekt des Lebens regelte. Allerdings hinderte die Feindschaft zwischen den USA und China Studenten wie mich, einmal dort hinzufahren.

Doch im Jahr 1975 war es soweit und ich reiste nach Peking: Mao lebte noch, die Kulturrevolution war nach wie vor im Gange, die Klassenpolitik beherrschte das Leben und es gab weder private Autos noch Geschäfte, keine Werbung und kein Privateigentum. Selbst von uns Besuchern aus dem Ausland – die wir pflichtgemäß in blauen Mao-Anzügen und Kappen gekleidet waren - wurde erwartet, dass wir regelmäßig an politischen Unterweisungsstunden teilnahmen, um unseren bourgeoisen Geist mit proletarischen, von der Viererbande verfassten Abhandlungen zu reinigen. Dieser Aufenthalt begründete eine unauslöschliche Basis, an der ich alle Veränderungen, die in China vor sich gehen, messen kann.

Als Deng Xiaoping in den darauf folgenden Jahrzehnten begann, individuelle Anreize zu fördern – symbolisiert etwa durch den Slogan „Reich werden ist ehrenhaft“ – betrachtete ich verwundert und erstaunt, wie sich Chinas Privatwirtschaft aus der Asche der Revolution Maos erhob. Mit dem Voranschreiten dieser Entwicklung machte sich bei den Marktfundamentalisten im Westen ein Gefühl der Genugtuung breit. Fiel es den chinesischen Führern jetzt nicht wie Schuppen von den Augen und wandten sie sich nun nicht heilsuchend dem Gott des Kapitalismus zu, den sie einst so militant verurteilt hatten?