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Warum Digitalwährungen der Notenbanken die Kryptowährungen vernichten werden

NEW YORK – Die Notenbanker der Welt haben begonnen, die Idee digitaler Notenbankwährungen (CBDCs) zu diskutieren, und inzwischen sprechen selbst der Internationale Währungsfonds und seine Geschäftsführende Direktorin Christine Lagarde offen über das Für und Wider dieser Idee.

Diese Diskussion ist überfällig. Bargeld findet immer weniger Verwendung und ist in Ländern wie Schweden und China fast verschwunden. Zugleich bieten digitale Zahlungssysteme – PayPal, Venmo usw. im Westen, Alipay und WeChat in China, M-Pesa in Kenia und Paytm in Indien – attraktive Alternativen zu Dienstleistungen, die einst von traditionellen Handelsbanken erbracht wurden.

Die meisten dieser finanztechnischen Innovationen sind noch immer an traditionelle Banken geknüpft, und keine davon stützt sich Kryptowährungen oder Blockchain. Genauso werden die CBDCs, falls sie je ausgegeben werden, nichts mit diesen hochgespielten Blockchain-Technologien zu tun haben.

Trotzdem betrachten blauäugige Kryptofanatiker die Überlegungen der politischen Entscheidungsträger über CBDCs als Beweis dafür, dass sogar die Notenbanken Blockchain oder Kryptowährungen brauchen, um beim Spiel mit Digitalgeld mitzumischen. Dies ist Unfug. Wenn überhaupt dürften CBDCs alle privaten digitalen Zahlungssysteme ersetzen, unabhängig davon, ob sie mit traditionellen Bankkonten oder Kryptowährungen in Verbindung stehen.

Gegenwärtig haben nur Handelsbanken Zugriff auf die Bilanzen der Notenbanken, und die Geldreserven der Notenbanken werden bereits in digitaler Währung gehalten. Dies ist der Grund, warum die Notenbanken als Mittler von Interbankenzahlungen und Kredittransaktionen so effizient und kosteneffektiv sind. Weil Privatpersonen, Unternehmen und Finanzinstitute, die keine Banken sind, nicht denselben Zugriff genießen, müssen sie sich zur Bearbeitung ihrer Transaktionen auf lizensierte Handelsbanken stützen. Bankeinlagen sind entsprechend eine Form privaten Geldes, das für Transaktionen zwischen privaten Akteuren verwendet wird, die keine Banken sind. Infolgedessen können nicht einmal vollständig digitale Systeme wie Alipay oder Venmo unabhängig vom Bankensystem operieren.

CBDCs würden dieses Arrangement auf den Kopf stellen, weil damit jeder Transaktionen über die Notenbank tätigen könnte, was die Notwendigkeit von Bargeld, traditionellen Bankkonten und sogar digitalen Zahlungsdiensten verringern würde. Besser noch: CBDCs müssten sich nicht auf öffentliche, allgemein zugängliche (permissionless), nicht auf einen glaubwürdigen Intermediär wie etwa eine Bank angewiesene (trustless) „Distributed Ledgers“ stützen, wie sie Kryptowährungen zugrundeliegen. Schließlich verfügen die Notenbanken bereits über ein zentralisiertes, nicht öffentlich zugängliches, privates System, das Zahlungen und Transaktionen in sicherer, nahtloser Weise unterstützt. Kein vernünftiger Notenbanker würde dieses solide System je durch eines ersetzen, das auf Blockchain basiert.

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Würde eine CBDC ausgegeben, würde sie Kryptowährungen, die weder skalierbar noch billig, sicher oder tatsächlich dezentralisiert sind, Knall auf Fall verdrängen. Nun werden Kryptofans argumentieren, dass Kryptowährungen weiterhin für diejenigen attraktiv bleiben würden, die anonym bleiben möchten. Doch wie heute private Bankeinlagen könnte man auch CBDC-Transaktionen anonym gestalten, sodass der Zugriff auf die Daten des Kontoinhabers nur den Strafverfolgungs- oder Regulierungsbehörden bei Bedarf offenstehen würde. So ist das heute bereits bei privaten Banken. Zudem sind Kryptowährungen wie Bitcoin in Wahrheit gar nicht anonym, da Privatpersonen und Organisationen, die Kryptowallets nutzen, trotzdem einen digitalen Fußabdruck hinterlassen. Und da die Behörden ein berechtigtes Interesse daran haben, Straftäter und Terroristen aufzuspüren, werden sie bald gegen Versuche vorgehen, vollständig anonyme Kryptowährungen zu erschaffen.

Insofern als CBDCs die wertlosen Kryptowährungen verdrängen würden, sollte man sie begrüßen. Auch wäre ein CBDC-System, das Zahlungen von den privaten Banken auf die Notenbanken überträgt, ein Segen für die finanzielle Inklusion. Millionen von Menschen ohne Bankkonto hätten über Handy Zugriff auf ein nahezu kostenfreies, effizientes Zahlungssystem.

Das Hauptproblem bei den CBDCs ist, dass sie das derzeitige Mindestreservesystem durcheinanderbringen würden, durch das die Handelsbanken – indem sie mehr Kredite vergeben, als sie an liquiden Mitteln halten – Geld schöpfen. Banken brauchen Einlagen, um Kredite zu vergeben und Anlageentscheidungen zu treffen. Würden alle privaten Bankeinlagen in CBDCs verlagert, müssten die traditionellen Banken zu „Vermittlern realer Ersparnisse“ werden und langfristige Gelder aufnehmen, um langfristige Kredite wie etwa Hypothekendarlehen zu finanzieren.

Anders ausgedrückt: Das Mindestreservesystem der Banken würde durch ein System vollständig fristenkongruent agierender Banken ersetzt, das überwiegend durch die Notenbank verwaltet würde. Dies liefe auf eine Finanzrevolution hinaus – und zwar eine mit vielen Vorteilen. Die Notenbanken wären viel besser in der Lage, Kreditblasen zu kontrollieren, Bankenstürme zu stoppen, Laufzeitinkongruenzen zu verhindern und riskante Kreditentscheidungen durch private Banken zu regulieren.

Bisher hat sich noch kein Land entschieden, diesen Weg einzuschlagen, möglicherweise weil er eine radikale Disintermediation des privaten Bankensektors nach sich ziehen würde. Eine Alternative bestünde darin, dass die Notenbanken die in CBDCs verlagerten Einlagen als Kredite an private Banken zurückvergeben würden. Doch wenn die Regierung praktisch der einzige Einleger und Finanzierungsträger der Banken wäre, wäre das Risiko staatlicher Einflussnahme auf deren Kreditentscheidungen offensichtlich.

Lagarde hat sich für eine dritte Lösung ausgesprochen: öffentlich-private Partnerschaften zwischen Notenbanken und privaten Banken. „Der Einzelne könnte reguläre Einlagen bei Finanzunternehmen halten, aber Transaktionen zwischen Unternehmen würden letztlich in digitalem Geld abgewickelt“, erklärte sie jüngst auf dem Singapore Fintech Festival. „So ähnlich wie heute, aber in Sekundenbruchteilen.“ Der Vorteil dieses Arrangements ist, dass Zahlungen „sofort, sicher, preiswert und potenziell semianonym“ erfolgen würden. Zudem „würden die Notenbanken beim Zahlungsverkehr eine sichere Grundlage bewahren“.

Dies ist ein cleverer Kompromiss, doch werden einige Puristen argumentieren, dass er die Probleme des aktuellen Mindestreservesystems ungelöst lässt. Es bestünde weiterhin ein Risiko von Bankenstürmen, Laufzeitinkongruenzen und Kreditblasen, die durch das von den Privatbanken geschöpfte Geld ausgelöst würden. Und es bestünde weiterhin eine Notwendigkeit für eine Einlagensicherung und für die Unterstützung durch einen Kreditgeber letzter Instanz, was per se ein Moral-Hazard-Problem schafft. Derartige Fragen müssten durch Regulierung und Bankenaufsicht gesteuert werden, und das würde nicht zwangsläufig ausreichen, um künftige Bankenkrisen zu verhindern.

Wenn die Zeit reif ist, könnte ein CBDC-gestütztes vollständig fristenkongruent agierendes Bankensystem mit Banken, die als Vermittler realer Ersparnisse auftreten, ein besseres und stabileres Finanzsystem sicherstellen. Wenn die Alternativen ein krisenanfälliges Mindestreservesystem und eine Kryptodystopie sind, dann sollten wir der Idee gegenüber offen bleiben.

Aus dem Englischen von Jan Doolan

http://prosyn.org/eqngYGt/de;

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