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Kann das Vereinigte Königreich einen Brexit überstehen?

LONDON – Das geplante Referendum über den Verbleib Großbritanniens in der Europäischen Union, das aller Voraussicht nach in diesem Jahr stattfinden wird, könnte sich als ein weiterer schwerer Schlag für Europa erweisen. Falls sich die britischen Wähler für einen Austritt entscheiden, was zunehmend plausibel erscheint, würde dies zu einer schwerwiegenden Destabilisierung der EU – und einem Auseinanderbrechen des Vereinigtes Königreichs – führen.

Der Umstand, dass sich die EU anscheinend ununterbrochen in der Krise befindet, wirft das Problem auf, dass die Argumente für einen „Brexit“ eine große intellektuelle und emotionale Anziehungskraft ausüben. Noch bevor 2009-2010 die Schuldenprobleme der Eurozone offenbar wurden, schien vielen Briten klar zu sein, dass eine Währungsunion verstärkte Integration braucht, insbesondere eine Fiskalunion in irgendeiner Form, um widerstandsfähig gegenüber ökonomischen Schocks zu sein. Mit anderen Worten würde Europa eher wie ein Nationalstaat agieren müssen. Und Großbritannien war noch nie bereit, sich auf ein solches Arrangement einzulassen.

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Und, auf emotionaler Ebene, hat die Angst vor Zuwanderung in großem Umfang, sowohl aus der EU als auch aus Ländern außerhalb ihrer Grenzen, eine populistische Gegenreaktion genährt, die sich durch die aktuelle Flüchtlingskrise zugespitzt hat. Die populistische Reaktion beruft sich auf das bizarre, aber offenbar auf Resonanz stoßende Argument, dass Europa – oder genauer gesagt Deutschland – den Zustrom von Flüchtlingen vorantreibt.

Unterdessen haben die Verfechter einer weiteren EU-Mitgliedschaft Großbritanniens einen Fehler nach dem anderen gemacht. Viele haben ihre Hoffnungen offenbar auf die unrealistische Erwartung gesetzt, dass sie die EU-Verträge neu verhandeln könnten. Im Speziellen haben sie versucht, Argumente für eine Aushöhlung zentraler Elemente des europäischen Integrationsprozesses zu liefern, vor allem in Bezug auf die Arbeitnehmerfreizügigkeit.

Außerdem hat das Lager der EU-Befürworter vor der Erschütterung der Wirtschaft gewarnt, die ein Brexit auslösen würde. Das mag wie eine vernünftige Strategie gewirkt haben, aber Angst ist nicht rational; die Warnung könnte Wähler durchaus bewegen, sich für die offenkundigen Gewissheiten eines Nationalstaates zu entscheiden.

Außerdem hat sich die wichtigste Gruppe der EU-Befürworter mit dem Namen „Britain Stronger in Europe“ ein denkbar unattraktives Akronym zugelegt, um für die europäische Sache zu werben. Schließlich lässt das Kürzel „BSE“ an Bovine Spongiforme Enzephalopathie, oder „Rinderwahn“, denken: Eine langsam verlaufende, aber tödliche degenerative Erkrankung. Ist nicht auch die EU im schleichendem Verfall begriffen?

Die Stärkung des Lagers der EU-Gegner ist außerordentlich gefährlich und zwar nicht nur für die EU. Wenn britische Wähler zustimmen, dass die Struktur der EU derart mit Fehlern behaftet ist, dass sie nicht dazugehören wollen, erklären sie implizit die besondere Union für unbrauchbar, die das Vereinigte Königreich ausmacht, die eine Fiskalunion beinhaltet, aber eine problematische.

Tatsächlich ist keineswegs klar, dass Großbritannien ein gutes Beispiel für die Art von Nationalstaat darstellt, von dem viele Europhobe behaupten, er sei die wünschenswerteste Form der politischen Organisation. Das Vereinigte Königreich ähnelt eher der „zusammengesetzten Monarchie“, wie der Historiker John Elliott die vorherrschende Herrschaftsform im sechzehnten Jahrhundert bezeichnet hat, als unabhängige Herrschaftsgebiete, wie etwa Aragon und Kastilien, zusammengehalten werden mussten.

Bereits 2014 ist die Schottische Nationalpartei nur knapp an einem Volksreferendum über die Unabhängigkeit gescheitert. Ein Brexit könnte ihr Anliegen unterstützen und potenziell ähnliche Regungen in Wales und Nordirland befördern. Selbst im Norden Englands wären viele Wähler von Schottlands vergleichsweise großzügigen Sozialleistungen angetan.

Diese Trennlinien verlaufen nicht entlang traditioneller Grenzen. Ein Beispiel ist die Kluft zwischen dem Großraum London, der zunehmend einer glitzernden globalen Super-Metropole gleicht, und dem übrigen Land. Dieser Riss wird immer deutlicher zutage treten, während mehr und mehr Migranten ins Vereinigte Königreich strömen. Während eine Weltstadt wie London weltoffen sein muss – und somit anziehend für Spitzenkräfte, Touristen, Dienstleister und, ungewollt, vielleicht für Kriminelle oder sogar Terroristen – würde es der Großteil des übrigen Landes vorziehen, die Tür zu schließen.

Was die Briten derzeit gemeinsam haben, ist vor allem eine wachsende Desillusionierung über das, was die EU wirtschaftlich und anderweitig zu bieten hat. Doch das kommt nicht einmal annähernd einer gemeinsamen Identität gleich. Tatsächlich leidet das Vereinigte Königreich, genau wie die EU, am Fehlen einer einigenden Identität oder Erzählung.

Das bedeutet natürlich nicht, dass kein Anspruch auf eine Identität erhoben würde. Der ehemalige Premierminister John Mayor nannte Großbritannien „das Land der langen Schatten auf Cricketfeldern, des warmen Biers, der Hundenarren und Totoscheinausfüller“ in dem, wie George Orwell sagte, „alte Jungfern durch den Morgennebel zur heiligen Kommunion radeln“. Doch was damit eigentlich beschrieben wurde war England. Scheinbar gehören die wesentlichen Elemente der modernen britischen Identität allesamt zu England und nicht der zusammengesetzten Entität.

Ebenso ist die Church of England, die vor fast 500 Jahren gegründet wurde, als König Heinrich VIII. entschied, dass nicht der katholische Papst über seine Ehe zu befinden habe, eine englische Staatskirche. Eine Institution mit dem Namen English Heritage kuratiert die Vergangenheit, angefangen bei den prähistorischen Bauwerken von Stonehenge bis zu den alten Landsitzen, die eine beliebte Kulisse für Kostümdramen im Fernsehen abgeben. Geld wird von der Bank of England kontrolliert; Schottland und Nordirland geben ihre eigenen Banknoten heraus, die von englischen Ladenbesitzern oftmals nicht akzeptiert werden.

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Im von Heinrich VIII. erlassenen Statute in Restraint of Appeals to Rome, einem Gesetz, mit dem verboten wurde, in kirchlichen Streitfragen nach Rom zu appellieren, hieß es „this realm of England is an empire“: Die erste klare Aussage, mit der das Imperium England Anspruch auf nationale Souveränität erhob und der ein brutaler Feldzug folgte, mit dem die alte Religion ausgemerzt werden sollte. Doch Bemühungen, eine neue, gemeinsame Identität herauszubilden kamen eindeutig zu kurz. Damit besteht die Gefahr eines Auseinanderbrechens des Vereinigten Königreichs – ein Resultat, das durch einen Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union umso wahrscheinlicher würde.

Aus dem Englischen von Sandra Pontow.