tudor succession henry vii VCG Wilson/Corbis via Getty Images

Brexit und der Geist der Vergangenheit

PRINCETON – Die Europäische Union hat die Zustimmung der Mitgliedstaaten für ein Abkommen erhalten, in dem die Bedingungen für den Austritt des Vereinigten Königreichs aus dem Block festgelegt sind. Aber es ist noch unklar, ob eine Mehrheit der britischen Parlamentarier dem Deal zustimmen wird, da er die Entscheidungsbefugnis über britische Angelegenheiten in europäische Hände zu legen scheint.

Man kann davon ausgehen, dass die Vereinbarung von hartnäckigen Befürwortern des EU-Austritts abgelehnt wird, die sie als noch weniger zufriedenstellend betrachten als den Status quo. Und es gibt natürlich viele Brexit-Gegner, die einen Austritt in jedweder Form ablehnen. Doch trotz aller Mängel wird der Brexit, den Premierministerin Theresa May mit der EU ausgehandelt hat, wahrscheinlich eintreten.

Eine Abkehr vom Austrittsverfahren ist nunmehr höchst unwahrscheinlich. Der Brexit stellt eine Revolution dar, und das bedeutet, dass er dazu bestimmt ist einem bekannten historischen Muster zu folgen. Wie viele Franzosen nach 1789 und viele Russen nach 1917 erfahren haben, lassen sich Revolutionen weder ignorieren noch stoppen.

Allerdings hat sich die Brexit-Revolution in einem Land mit wenig revolutionärer Tradition entfaltet. Britische Rechtsexperten sind stolz darauf, dass sich die verfassungsmäßige Ordnung ihres Landes im Laufe der Zeit allmählich entwickelt hat, und nicht durch dramatische politische Umbrüche, wie sie einen Großteil der Geschichte des europäischen Kontinents geprägt haben. Doch das Referendum vom Juni 2016 setzte dieser Form der britischen Einzigartigkeit ein Ende. Die Entscheidung für den Austritt ließ ironischerweise erkennen, dass Großbritannien schlussendlich mit Europa gleichgezogen hatte. In einer Zeit, in der die meisten Europäer Sicherheit und Stabilität wollen, beschloss eine knappe Mehrheit der Briten, etwas Wildes und Unvorhersehbares zu tun.

Einige Historiker betrachten die Abkehr Großbritanniens vom Goldstandard im September 1931 oder seinen Ausstieg aus dem Europäischen Wechselkursmechanismus im September 1992 als Vorläufer des Brexit. Doch beim Brexit geht es nicht nur darum, ein Währungssystem zu beenden – ein relativ einfacher Vorgang, der sogar zu vorteilhaften politischen Ergebnissen führen kann – oder einem lästigen Bestandteil des modernen europäischen politischen Lebens zu entkommen. Der Brexit steht für eine Generalüberholung des gesamten Systems.

Nach jahrzehntelanger Zugehörigkeit zum europäischen Regelwerk wird eine langwierige und komplizierte Neufassung unzähliger Regeln notwendig sein, um einen klaren Schnitt zu erreichen. Schon der kleinste Fehler könnte verheerende, unbeabsichtigte Folgen nach sich ziehen. So könnten übersehene Schlupflöcher gefährlichen oder räuberischen Machenschaften Tür und Tor öffnen, und mehrdeutige Formulierungen könnten dazu führen, dass sich der regulatorische Rahmen insgesamt als sinnlos oder widersprüchlich erweist.

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Anders ausgedrückt ist die ganze Übung mit der Entwicklung eines neuen Textverarbeitungsprogramms von Null an vergleichbar. Jeder vernünftige Mensch würde bald erkennen, dass es besser ist, einfach beim Status quo zu bleiben. Aber die Logik der Revolution macht eine solche Umkehr unmöglich.

Die meisten Argumente für den Brexit gehen von einer traditionellen Auffassung von Souveränität aus und wurzeln in der englischen – nicht in der britischen – Geschichte. Die Brexit-Befürworter blicken gerne auf König Johanns Ungehorsam gegenüber Papst Innozenz III. im dreizehnten Jahrhundert zurück. Und noch mehr verzaubert sie die Ära der Tudors, als Heinrich VIII. die Kirche von England dem Joch der päpstlichen Autorität entrissen hat. Bis heute sind die Tudors in britischen Lehrbüchern, Medien, Filmen und in der Fantasie der Menschen quasi allgegenwärtig.

Der entscheidende Moment der Reformation unter Heinrich kam im April 1533, als das Englische Parlament den Ecclesiastical Appeals Act verabschiedete und Heinrich das letzte Wort in allen rechtlichen und religiösen Fragen erteilte. Mit dem Gesetz sollte England von der Autorität eines Papsttums befreit werden, das Karl I. von Spanien gegenüber Rechenschaft ablegte – also Karl V., Kaiser im Heiligen Römischen Reich. Solange Karl in Rom das Sagen hatte, konnte sich Heinrich nicht von Karls Tante, Katharina von Aragon, scheiden lassen.

Im Appeals Act ist die erste klare gesetzliche Definition von Souveränität enthalten. „Dieses Königreich England“, so heißt es im Gesetz, „ist ein Reich, und so wurde es in der Welt akzeptiert, regiert von einem Oberhaupt und König...“. Aber die Maßnahmen, die die Revolution ausgelöst haben, waren ‒ wie es immer der Fall ist ‒ unvollständig. Die Gesetze, die das Parlament in den 1530er-Jahren verabschiedet hatte, ersetzten den Katholizismus nicht durch den Protestantismus. Aber sie ebneten den Weg für religiöse Reformer, um die Revolution in die nächste Phase zu bringen.

Dennoch gab es unter den Protestanten große Meinungsverschiedenheiten über die Gestaltung der Reform. Würde die Revolution den Lehren von Luther, Zwingli oder Calvin folgen oder würde sie eine noch radikalere Vision annehmen? In diesem Fall drängten verschiedene Fraktionen auf unterschiedliche Ansätze, und häufige und abrupte Kehrtwendungen waren üblich. Der Mann, der den ursprünglichen Appeals Act entwarf, Thomas Cromwell, wurde 1540 auf Befehl des Königs hingerichtet. Der Architekt der englischen Reformation, Erzbischof Thomas Cranmer, wurde 1556 auf dem Scheiterhaufen verbrannt.

Während der von 1547-1553 dauernden Herrschaft von Heinrichs Sohn, Edward VI., trug die revolutionäre Dynamik England endgültig in eine protestantische Richtung. Wie der Historiker Eamon Duffy feststellt, führte die systematische „Entfernung der Altäre“ während dieser Zeit jedoch bei vielen englischen Untertanen zu einem Gefühl der Entwurzelung und Entfremdung. Eine große Sehnsucht nach der alten Ordnung ergriff den politischen Körper, und nach Edwards Tod machte sich seine Schwester Maria I. daran, den Prozess umzukehren.

Die Gegenrevolution erfordert jedoch einen ebenso radikalen Ansatz wie die Revolution. Als der englische Staat zu immer brutaleren und barbarischeren Maßnahmen überging, kamen viele Engländer zu dem Schluss, dass die Gegenreformation selbst zutiefst fehlerhaft war. Nach Marias Tod würde Elisabeth I. schließlich einen Kompromiss eingehen. Aber da viele theologische Fragen ungelöst blieben, durchlief die Reformation jahrzehntelang weiterhin gewalttätige Revolutionen und Umschwüngen. Es dauerte mindestens eine Generation, bis der Konflikt nachließ.

Heinrich VIII. seinerseits hatte sich schon immer eine feierliche Beisetzung in einem gewaltigen Grabmal gewünscht, in dem auf ewig (katholische) Messen gehalten würden. Keiner der beiden Wünsche wurde erfüllt. Das Beste, was England tun konnte, war die Dinge einfach hinter sich zu lassen und weiterzumachen.

Während Theresa May die abschließende Phase der Vorbereitung auf den EU-Austritt durchläuft, sollte sie die Lehren aus der Ära der Tudors beherzigen. Meistens werden diejenigen, die die Revolution beginnen, am Ende von ihr verschlungen.

Aus dem Englischen von Sandra Pontow.

http://prosyn.org/LxilwyO/de;

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