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Entwickelt sich der Mensch weiter?

NEW HAVEN – Viele politische Entscheidungen basieren auf impliziten Annahmen über die „Natur des Menschen“, und derzeit ist es populär darüber zu spekulieren, wie die Evolution das menschliche Verhalten und die menschliche Psychologie geprägt haben könnte. Das wirft einige wichtige Fragen auf: Entwickelt sich die Menschheit weiter – und, wenn ja, verändert sich unsere grundlegende biologische Natur – oder hat die moderne Kultur die Evolution gestoppt?

Bei einigen Merkmalen sind wir nicht auf Spekulation angewiesen – wir können Messungen und Vergleiche anhand von Studien durchführen, in denen Tausende von Einzelpersonen über mehrere Generationen erfasst worden sind. Für die meisten Merkmale, über die eifrig spekuliert wird, sind solche Studien bislang nicht durchgeführt worden, es gibt jedoch Untersuchungen über einige Merkmale, die medizinisch von Interesse sind. Welche Erkenntnisse haben wir gewonnen?

Aleppo

A World Besieged

From Aleppo and North Korea to the European Commission and the Federal Reserve, the global order’s fracture points continue to deepen. Nina Khrushcheva, Stephen Roach, Nasser Saidi, and others assess the most important risks.

Wissenschaftler verfolgen zwei Ansätze. Bei einem wird die DNA bestimmter Gene zahlreicher Individuen sequenziert, die entweder gesund sind oder bei denen eine bestimmte Erkrankung festgestellt worden ist, und nach Unterschieden zwischen diesen beiden Gruppen gesucht. Bei diesem genetischen Ansatz werden Auswirkungen gemessen, die sich über hunderttausende von Generationen akkumuliert haben und die Botschaft ist eindeutig: Der Mensch hat sich in dieser Hinsicht erst relativ kürzlich entwickelt, einige in die eine Richtung, andere in eine andere, in Abhängigkeit von seiner Umwelt und anderen vorliegenden Bedingungen.

Mithilfe dieser Vorgehensweise haben wir beispielsweise erfahren, dass sich die Fähigkeit, im Erwachsenenalter Milch zu verdauen innerhalb der letzten 10.000 Jahre entwickelt hat – und mehrere Male – in Kulturen, die Schafe, Ziegen oder Rinder domestiziert haben. Vergleichbare Studien haben uns gelehrt, dass sich Alkoholempfindlichkeit und die Widerstandsfähigkeit gegen Krankheiten wie Malaria und Lepra ebenfalls im Verlauf der letzten Jahrtausende entwickelt haben.

Einige Wissenschaftler, so auch ich, wählen einen anderen Ansatz. Anstatt Gene auf Veränderungen hin zu untersuchen, die sich erst über viele Generationen entwickeln müssen bis sie festgestellt werden können, haben wir die natürliche Selektion direkt gemessen. Mithilfe dieser Methode, die auf Zeiträume angewendet wird, die so kurz sein können wie eine Generation, kann Selektion in Aktion erkennbar gemacht werden – um so die Frage beantworten zu können, ob die moderne Kultur die Evolution gestoppt hat.

Auch bei diesem Ansatz ist die Botschaft eindeutig: Natürliche Selektion wirkt in modernen Kulturen weiter. Ob sie beständig genug und über ausreichend lange Zeit wirkt, um signifikante genetische Veränderungen zu produzieren, kann nur von zukünftigen Generationen beantwortet werden. Gleichwohl ist es interessant zu sehen, in welche Richtung natürliche Selektion uns zu entwickeln beginnt. Einige der Antworten sind überraschend.

Wir haben die Wirkung natürlicher Selektion auf Frauen in Framingham, Massachusetts, gemessen, wobei die von uns verwendeten Daten aus einer medizinischen Langzeitstudie über Herzerkrankungen stammen. Die Frauen wurden zwischen 1892 und 1956 geboren. Wir konnten signifikante Selektion feststellen und hochrechnen, dass sich diese Frauen, wenn sich diese Selektion über zehn Generationen fortsetzt, etwa zwei Zentimeter kleiner entwickeln und ihr erstes Kind etwa fünf Monate früher bekommen würden.

Dieses Ergebnis überrascht, weil Frauen in Industrieländern dank der besseren Ernährung größer geworden sind und aus vielerlei Gründen, von denen einige kultureller Natur sind, später im Leben Kinder bekommen. Was also geht hier vor sich? Drei Dinge:

Erstens wissen wir, dass eine Geburt des ersten Kindes in jungen Jahren auf Kosten einer höheren Säuglingssterblichkeit erfolgt, die moderne Medizin und Hygiene die Säuglingssterblichkeit jedoch beachtlich reduziert und den Preis einer Erstgeburt in jungen Jahren somit verringert haben. Aus diesem Grund rechnen wir mit einer Verlagerung in Richtung einer früheren Fortpflanzung, weil der vorher damit verbundene Preis verschwunden ist – genau wie wir es in Framingham feststellen konnten.

Und wir rechnen damit, dass diese jüngeren Frauen kleiner sein werden, einfach weil sie weniger Zeit zum Wachsen hatten. In fünf anderen Fällen haben Wissenschaftler herausgefunden, dass Frauen in Industrieländern früher heranreifen, in zwei dieser Länder mit einem geringeren Körpermaß (in den anderen Fällen ist die Größe nicht gemessen worden). Es ist zu früh zu sagen, dass das der allgemeine Trend sein wird, aber im Moment weisen alle Anzeichen darauf hin.

Zweitens haben wir die Einwirkungen natürlicher Selektion gemessen, indem wir feststellten, dass Frauen, die kleiner waren und in jungen Jahren ihr erstes Kind bekommen haben, mehr Kinder hatten. Gene sind jedoch nur einer von vielen Faktoren, die Größe und Alter bei der Geburt des ersten Kindes beeinflussen. Persönliche Entscheidungen, Ernährung, Einkommensniveau und Religionszugehörigkeit spielen allesamt eine Rolle.

Bei unseren Schätzungen, wie hoch der Anteil der Variationen unter Einzelpersonen ist, der auf Biologie zurückgeführt werden kann, kamen wir zu dem Ergebnis, dass dieser unter 5% liegt. 95% der Variationen erklären sich somit durch kulturelle Auswirkungen und persönliche Entscheidungen. Die Auswirkungen der Biologie auf die von uns gemessenen Merkmale sind zwar relativ gering für Menschen, die in komplexen modernen Kulturen leben, doch auch geringe Auswirkungen akkumulieren sich, wenn sie sich beständig wiederholen.

Drittens sind Merkmale wie diese immer das Resultat eines Zusammenspiels zwischen Genen und Umwelt. Eine Frau könnte über Gene verfügen, die sie tendenziell überdurchschnittlich groß werden lassen würden, aber eine kleinere Körpergröße als der Durchschnitt entwickeln, wenn sie als Kind unter Mangelernährung gelitten hat.  

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Wenn die Evolution ihren Kurs beständig fortsetzen und die genetische Grundlage für Körpergröße und Alter bei der Geburt des ersten Kindes ändern würde, würden wir zehn Generationen später vielleicht keine kleineren und früher herangereiften Frauen erleben, weil die Auswirkungen von Kultur und Ernährung die genetische Veränderung mehr als kompensieren können. Einer meiner Kollegen drückt es gern so aus, dass ein gutes Mittagessen in der Schule ausreichen kann, um die biologischen Effekte zu kaschieren.

Sogar wenn wir uns auf ein einfaches körperliches Merkmal wie Größe konzentrieren, erweist sich die natürliche Selektion beim Menschen als facettenreicher und nuancierter Prozess. Vergleichbare Untersuchungen über das Verhalten und die Psychologie des Menschen, bei denen eine komplexere Kausalität vorliegt, übersteigen immer noch unsere Fassungskraft. In solchen Fällen dürfte es klüger sein zu schweigen als zu spekulieren.