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Amerikas Seele in Not

BOSTON – In den letzten Jahren ist der relative globale Niedergang der Vereinigten Staaten ein häufiges Debattenthema gewesen. Verfechter dieser post-amerikanischen Ansicht verweisen auf die Finanzkrise 2008, auf die darauf folgende lange Rezession und den steten Aufstieg Chinas. Meistens sind es Experten für internationale Beziehungen, die die Geopolitik durch die Brille der wirtschaftlichen Wettbewerbsfähigkeit und die globale Ordnung als eine Wippe sehen, auf welcher der Aufstieg eines Akteurs notwendigerweise den Abstieg des anderen bedeutet.

Aber der exklusive Fokus auf Wirtschaftsindikatoren verhindert die Berücksichtigung der geopolitischen Folgen eines Trends in den USA, der auch häufig diskutiert wird, aber von einer anderen Gruppe von Experten: die stark zunehmende Verbreitung schwerer psychischer Erkrankungen (die schon seit einiger Zeit sehr hoch ist).

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Die Behauptung, die Verbreitung von schweren seelischen Krankheiten habe „epidemische“ Ausmaße erreicht, ist so oft wiederholt worden, dass sie wie jeder andere Allgemeinplatz nicht mehr schockiert. Aber die Auswirkungen behinderungsrelevanter Erkrankungen, die als manisch-depressive Erkrankungen diagnostiziert werden (einschließlich der unipolaren Depression), und der Schizophrenie für die internationale Politik könnten nicht schwerwiegender sein.

Es hat sich herausgestellt, dass man weder biologisch noch symptomatisch zwischen den verschiedenen Varianten dieser Zustände unterscheiden kann, die daher ein Kontinuum darstellen – wahrscheinlich hinsichtlich der Komplexität, nicht der Schwere. Die am häufigsten auftretende dieser Erkrankungen, die unipolare Depression, ist diejenige, die hinsichtlich ihrer Symptome am wenigsten komplex ist, aber auch die tödlichste: schätzungsweise 20 Prozent der betroffenen Patienten begehen Selbstmord.

Sowohl die manisch-depressive Erkrankung als auch die Schizophrenie sind psychotische Bedingungen, die dadurch gekennzeichnet sind, dass der Patient die Kontrolle über seine oder ihre Handlungen und Gedanken verliert. Das ist ein regelmäßig wiederkehrendes Stadium, in welchem er oder sie nicht als ein Akteur mit freiem Willen betrachtet werden kann. Durch obsessive Gedanken an Selbstmord und einen lähmenden Mangel an Motivation können depressive Patienten auch als psychotisch eingestuft werden.

Diese Leiden werden oft von komplexen Wahnvorstellungen begleitet – Bilder der Realität, die die Informationen, die im Kopf entstehen, mit Information durcheinander bringen, die von außen kommen. Oft geht die Unterscheidung zwischen Symbolen und ihren Referenten verloren, und Patienten fangen an, Menschen ausschließlich als Verkörperungen einer imaginären Macht zu sehen. Dem Urteil dieser Menschen kann man, gelinde gesagt, nicht trauen.

Eine umfassende statistische Studie, die zwischen 2001 und 2003 vom US-amerikanischen Institut für psychische Gesundheit (NIMH) durchgeführt wurde, schätzte die Lebenszeitprävalenz starker Depressionen unter amerikanischen Erwachsenen (im Alter von 18 bis 54) auf über 16 Prozent. Die Lebenszeitprävalenz von Schizophrenie wurde auf 1,7 Prozent geschätzt. Es gibt keine bekannte Kur für diese chronischen Krankheiten, nach dem Eintreten (oft vor dem 18. Lebensjahr), dauern sie wahrscheinlich bis zum Lebensende des Patienten.

Untersuchungen unter US-Collegestudenten haben ergeben, dass 20 Prozent im Jahr 2010 die Kriterien für eine Depression und Angstzustände erfüllten und 25 Prozent im Jahr 2012. Andere Studien haben übereinstimmend eine steigende Prävalenz für jede folgende Generation ergeben. Es heißt, wenn die älteren Statistiken fehlerhaft waren, dann haben sie die Ausbreitung von mentalen psychischen Erkrankungen eher unterschätzt.

All dies legt nahe, dass ganze 20 Prozent der amerikanischen Erwachsenen an einer schweren psychischen Krankheit leiden. Gehen wir angesichts der Meinungsverschiedenheiten hinsichtlich der Relevanz der verfügbaren Daten davon aus, dass nur 10 Prozent der amerikanischen Erwachsenen ernsthaft psychisch erkrankt sind. Da man davon ausgehen kann, dass diese Leiden gleichmäßig über die Bevölkerung verteilt sind, müssen sie auch einen erheblichen Teil an Politikern, Vorständen, Lehrern und Militärs in allen Rängen betreffen, die sie regelmäßig in einen Zustand versetzen, in dem sie psychotisch, wahnhaft und ihres gesunden Urteilsvermögens beraubt sind.

Wenn es sensationalistisch klingt, diese Situation als erschreckend zu bezeichnen, sollte man hinzufügen, dass ein wesentlich größerer Teil der Bevölkerung (schätzungsweise 50 Prozent laut der NIMH-Studie) von schwächeren Formen seelischer Erkrankungen leidet, die ihre Funktionalität nur gelegentlich einschränken.

Vergleichende Epidemiologen haben wiederholt etwas Bemerkenswertes hinsichtlich dieser Krankheiten beobachtet: die hohe Verbreitung seelischer Erkrankungen trifft nur westliche Länder (bzw., um genau zu sein, Gesellschaften mit monotheistischen Traditionen) – besonders wohlhabende westliche Länder. Südostasiatische Länder scheinen dagegen besonders immun gegen den Fluch schwerer psychischer Krankheiten zu sein, in anderen Regionen scheinen Armut oder Mangel an Entwicklung ausreichend Schutz zu bieten.

Wie ich in meinem neuesten Buch Mind, Modernity, Madness darlege, liegt der Grund der hohen Konzentration schwerer psychischer Erkrankungen im entwickelten Westen im Wesen der westlichen Gesellschaften selbst. Der „Virus“ der Depression und der Schizophrenie, einschließlich ihrer schwächeren Formen, ist von seinem Ursprung her kulturell bedingt: die Vielfältigkeit der Wahl, die diese Gesellschaften hinsichtlich der Selbstfindung und persönlicher Identität bieten, erzeugt bei ihren Mitgliedern Desorientierung und Ziellosigkeit.

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Die USA bieten das breiteste Spektrum an Selbstentwicklung, und in keinem anderen Land sind Krankheiten, die das Urteilsvermögen beeinträchtigen, derart verbreitet. Wenn die wachsende Prävalenz schwerer Psychopathologie nicht ernst genommen und entsprechend angegangen wird, wird es möglicherweise der einzige Indikator für amerikanische Vorherrschaft sein. Der Aufstieg Chinas hat damit nichts zu tun.

Aus dem Englischen von Eva Göllner.