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Das von Swetlana Alexijewitsch vollbrachte Werk

NEW YORK – Es war das Jahr 1985 und in der Sowjetunion lag Veränderung in der Luft. Alternde Generalsekretäre starben wie die Fliegen. In seinem filmischen Meisterwerk „Komm und sieh“ zeigte Elem Klimow den Zweiten Weltkrieg ohne die Heldentaten, mit denen wir groß geworden sind, und rückte das unsägliche Leid der Menschen in den Mittelpunkt. Klimow griff dabei den Ansatz auf, den Swetlana Alexijewitsch – die in diesem Jahr den Nobelpreis für Literatur erhalten hat – in ihrem ersten Buch Der Krieg hat kein weibliches Gesicht gewählt hat, das ein Jahr zuvor veröffentlicht worden war.

Während viele in die Kinos strömten, um Klimows Film zu sehen, schien Swetlana Alexijewitschs Buch die Leser nicht zu begeistern. Die vermeintlich fortschrittliche Sowjetunion blieb im Patriarchat verwurzelt. Frauen hatten Arbeit, machten aber selten Karriere. Schriftstellerinnen verfassten hervorragende Lyrik und Prosa und wurden offiziell als ihren männlichen Kollegen (beinahe) ebenbürtig anerkannt; sie neigten jedoch dazu, bestimmte Themen zu vermeiden – und Krieg war Sache der Männer. Und daher beginnt Swetlana Alexijewitsch Der Krieg hat kein weibliches Gesicht mit den Worten: „Auf der Erde sind schon über dreitausend Kriege geführt worden. Und Bücher darüber gibt es noch mehr. Doch alles, was wir über den Krieg wissen, haben uns Männer erzählt.“

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Und Männer haben uns viel erzählt. „Über den Krieg wurde unentwegt gesprochen“, erinnert sich Alexijewitsch, „in der Schule und zu Hause, bei Hochzeiten und Taufen, an Feiertagen und auf dem Friedhof. Der Krieg blieb auch nach dem Krieg die Heimstatt unserer Seele.“ Tatsächlich hatte ich, als Der Krieg hat kein weibliches Gesicht erschien, so viel über den Krieg gehört, dass ich wenig Interesse daran hatte, mehr darüber zu erfahren – egal unter welchem Blickwinkel, ob Leiden und Opfer oder Heldentum und Triumph.

Schnellvorlauf, fast ein Jahrzehnt später. In Amerika war Genderpolitik das Thema und mir als Doktorandin war es peinlich, nicht auf der Höhe der Zeit zu sein. Also las ich endlich Der Krieg hat kein weibliches Gesicht.

Zu meiner Überraschung war es nicht der Zweite Weltkrieg, über den ich etwas erfuhr; vielmehr erhielt ich einen ersten Einblick in das emotionale Erleben meiner eigenen Verwandtschaft, die im Krieg gekämpft und ihn überlebt hatte. Menschen wie meine Großmutter hatten nur die oft wiederholte männliche Version der Geschichte erzählt und sich ihre eigene Erfahrung völlig versagt. Aber ihr eigenes Erleben zählte, und das hatte Swetlana Alexijewitsch erkannt. Ich war so inspiriert von Der Krieg hat kein weibliches Gesicht, dass ich vor einigen Jahren mein eigenes Buch schrieb, in dem ich ausführlich schilderte, was die Frauen in meiner Familie in der vom Krieg gezeichneten Sowjetunion erduldet hatten.

Andere Bücher von Swetlana Alexijewitsch waren ähnlich inspirierend. Zinkjungen: Afghanistan und die Folgen (1991) schildert einen fernen Kampf – den neun Jahre währenden sowjetischen Krieg in Afghanistan –, der das kulturelle Gefüge und die Menschlichkeit in Russland untergraben hat, während Tschernobyl: Eine Chronik der Zukunft (1997) die globale Bedeutung der Atomkatastrophe betrachtete. Die Reaktion der Öffentlichkeit auf beide Bücher war gemischt. Weder der Staat, noch die Menschen wussten so recht, wie sie es mit Afghanistan oder Tschernobyl halten sollen – der eine ein verlorener Krieg, das andere eine unfassbare Katastrophe.

Swetlana Alexijewitsch sagt über sich selbst, sie sei „ein Ohr, kein Stift“. Sie hört zu und setzt eine Geschichte zusammen, bevor sie sie aufschreibt. Sie hat die Begabung, das Private öffentlich zu machen, die Gedanken offenzulegen, die die Menschen Angst haben zu denken.

Swetlana Alexijewitsch scheut nicht vor den schrecklichen Aspekten ihres Themas zurück, wie es diese Passage aus Der Krieg hat kein weibliches Gesicht veranschaulicht: „[Gefangene]…wurden nicht erschossen…wir stachen sie ab wie Schweine, mit Spießen, hackten sie in Stücke. Ich ging hin, um mir das anzusehen…Ich wartete auf den Moment, in dem ihnen vor Schmerz die Augen platzten…“ Auch wenn der schonungslos nüchterne Ton Beklommenheit beim Leser auslösen kann (was tatsächlich ein Grund war, warum es so lange gedauert hat, bis ich das Buch gelesen habe), können wir es uns nicht erlauben, die Wahrheit nicht zu kennen, sogar – oder vielleicht besonders –, wenn sie Übelkeit in uns auslöst.

Die Bücher von Swetlana Alexijewitsch – die Geschichten über zerbrochene und gestohlene Leben erzählen, die schlimmer sind als der Tod – sind ehrlich, mutig und traurig und zeigen wie eine weibliche Perspektive die Probleme der Welt humanisieren und für alle verständlich machen kann. In gewisser Weise gleicht Swetlana Alexijewitschs literarisches Werk, das vom Nobelkomitee als „Denkmal für das Leiden und den Mut in unserer Zeit“ bezeichnet wurde dem der österreichischen Schriftstellerin und Dramatikerin Elfriede Jelinek, die 2004 vom Nobelkomitee für die feministische Kritik ausgezeichnet wurde, die sie mit ihrem Werk an Österreichs Nazi-Vergangenheit und seiner patriarchalischen Gegenwart übt.

So wie Elfriede Jelinek, deren Werk nicht deutschsprachigen Lesern weitgehend unbekannt war, bis sie den Nobelpreis erhalten hat, erfährt jetzt auch Swetlana Alexijewitsch endlich Anerkennung für ihren tiefgreifenden Einfluss. Ihre Auszeichnung sendet eine kraftvolle Botschaft aus – nicht nur über die Gabe der Autorin, sondern auch über die Bedeutung der weiblichen Perspektive in der Öffentlichkeit.

Swetlana Alexijewitsch war auch schon vorher keineswegs unsichtbar. Ihre Bücher sind in 20 Sprachen übersetzt worden und erscheinen in Millionenauflage. Und sie ist, wie viele andere Nobelpreisträgerinnen, unter anderem Elfriede Jelinek, eine Akteurin der Zivilgesellschaft und hat sich zuletzt Russlands Annexion der Krim entgegengestellt.

Interessanterweise hat die Häufigkeit zugenommen, mit der Nobelpreise an Frauen verliehen werden. 1991 war Nadine Gordimer die erste Frau seit über einem Vierteljahrhundert, der der Nobelpreis für Literatur verliehen wurde; heute werden alle 2-3 Jahre Frauen ausgezeichnet. Außerdem steht seit diesem Sommer mit der Autorin und Literaturkritikerin Sara Danius zum ersten Mal in 200 Jahren eine Frau an der Spitze der Schwedischen Akademie, die die Nobelpreisträger für Literatur auswählt.

Doch die patriarchalische Kultur, aus der Swetlana Alexijewitsch hervorgegangen ist, existiert weiter. Es kann nur gut sein, die Art und Weise zu würdigen, wie sie das Denken über schwierige – und traditionell männliche – Themen bereichert; nicht nur für die Frauen, die sie beflügelt, sondern auch für die Männer, die sie beeinflusst.

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Ich habe gerade das jüngste haarsträubende Meisterwerk von Swetlana Alexijewitsch ausgelesen, Secondhand-Zeit, eine schonungslose Schilderung des chaotischen russischen Kapitalismus der 1990er-Jahre. In aktuellen Interviews hat Swetlana Alexijewitsch erzählt, dass sie an zwei weiteren Büchern arbeitet – einem über die Liebe, einem über das Altern. Ich will keines davon lesen, werde es aber trotzdem tun.

Aus dem Englischen von Sandra Pontow.