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Warum tut Schmerz weh?

Jeder von uns hat schon einmal Schmerz empfunden, doch sein Wesen bleibt für Leidende und Wissenschaftler gleichermaßen ein beunruhigendes Rätsel. Warum erleben Patienten, die sich dem gleichen chirurgischen Eingriff unterziehen, deutlich verschiedene postoperative Schmerzen? Wie kann es sein, dass Personen teilweise oder vollkommen durch dauerhafte Schmerzen beeinträchtigt werden, die medizinisch kaum oder gar nicht erklärbar sind, auch wenn sie umfassend und einfallsreich behandelt werden?

Viele Ärzte würden im Schmerz gern eine einfache Empfindung sehen, die uns nutzbringend auf Krankheiten oder Verletzungen aufmerksam macht. Schmerz entzieht sich jedoch der Erklärung als einfache Empfindung, genau wie sich Musik nicht mit einfachen Tönen erklären lässt. Laut der Beschreibung einer zeitgenössischen, nichtmedizinischen Autorin gehören zu den Merkmalen intensiver Schmerzen extremes Unwohlsein, seine Fähigkeit, komplexe Gedanken und andere Gefühle auszulöschen, die Fähigkeit Sprache zu zerstören und ein starker Widerstand gegen Versachlichung. Sie erinnert Ärzte daran, dass bei der Person, die unter intensiven Schmerzen leidet, eine mächtige, negative Emotion alles andere im Bewusstsein in den Hintergrund drängt.

Meistens treten Schmerzen auf, wenn einfache Nervenendungen auf verschiedene Arten Gewebeverletzungen orten und Signale erzeugen, die zum Rückenmark wandern und von dort ins Gehirn. Viele Jahre lang gingen Wissenschaftler davon aus, dass diese Signale entlang einiger klar definierter Bahnen wandern, um eine Schaltstelle im Gehirn zu erreichen, die Thalamus genannt wird. Von dort aus, so glaubten die Wissenschaftler, wanderten die Signale weiter zum Kortex, dem Rindenbereich des Gehirns, der für das Körperempfinden zuständig ist, und wurden dort dann irgendwie in spürbare Erfahrungen umgewandelt. Leider erklärt das neurale Bahnensystem für sensorische Botschaften über Gewebeverletzungen nur zum Teil, wie wir Schmerz empfinden. Es kann nicht erklären, warum Emotion und Kognition zum Schmerz gehören.

Psychologen sind rasch mit dem Hinweis bei der Hand, dass Kognitionen Gedanken, Erinnerungen, Erwartungen, Überzeugungen und Interpretation der Situation immer dazu beitragen, das Erlebnis starker Emotionen beim Menschen zu prägen. Anders ausgedrückt, kann Schmerz mit einer neuralen Botschaft über eine Gewebeverletzung oder Erkrankung beginnen , er ist jedoch das Endprodukt komplexer Abläufe innerhalb des Gehirns. Das bewusste Erleben von Schmerz umfasst sowohl Emotion und Kognition als auch eine Empfindung. Wir erleben Schmerz immer als eine Besorgnis erregende Erscheinung, die in einer bestimmten Situation, in einem Teil des Körpers geschieht und normalerweise eine bestimmte Bedeutung hat.