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Wem gehört Bolivien?

Vor ein paar Monaten wurde Evo Morales als erster Ureinwohner in demokratischen Wahlen zum Staatsoberhaupt bestimmt. Indigene Gruppen machen 62% der Bevölkerung Bolivien aus, und Mischlinge weitere 30%, aber seit 500 Jahren wurden die Bolivianer von Kolonialmächten und ihren Abkömmlingen beherrscht. Bis weit ins 20. Jahrhundert wurden den indigenen Gruppen effektiv Stimmrecht und politische Teilhabe vorenthalten. Aymara und Quechua, ihre Sprachen, wurden nicht einmal als offizielle Amtssprachen anerkannt. Die Wahl von Morales war daher ein historisches Ereignis, und die Aufregung in Bolivien ist mit Händen zu greifen.

Die Verstaatlichung der bolivianischen Öl- und Gasfelder jedoch hat Schockwellen durch die internationale Gemeinschaft schlagen lassen. Während seines Wahlkampfes hatte Morales seine Absicht zur Ausweitung der staatlichen Kontrolle über die nationalen Gas- und Ölvorkommen deutlich gemacht. Aber er hatte gleichermaßen klar zu erkennen gegeben, dass er nicht beabsichtigte, das Eigentum der Energieunternehmen zu beschlagnahmen – er wollte die ausländischen Investoren im Land halten. (Natürlich bedeutet eine Verstaatlichung nicht zwangsläufig die Beschlagnahme ohne angemessene Entschädigung.) Vielleicht ist es für moderne Politiker überraschend, aber Morales meinte, was er sagte. Ihm geht es ernsthaft darum, die Einkommen der Ärmsten zu steigern, und ihm war klar, dass Bolivien auf die Expertise der der Ausländer angewiesen ist, um sein Wirtschaftswachstum zu steigern – und dies erfordert, sie für ihre Leistungen fair zu bezahlen. Aber bekommen die Ausländer mehr, als ihnen fairerweise zusteht?

Morales’ Maßnahmen werden von einem großen Teil der Bolivianer unterstützt, die die so genannten Privatisierungen (oder „Kapitalisierungen“) unter dem früheren Präsidenten Gonzalo „Goni“ Sanchez de Lozada als Betrug empfanden: Bolivien erhielt lediglich 18% der Einnahmen! Die Bolivianer fragen sich, warum Investitionen von etwa drei Milliarden Dollar den ausländischen Investoren ein Recht auf 82% der enormen Gasreserven des Landes geben sollten, deren Wert inzwischen auf 250 Milliarden Dollar geschätzt wird. Zwar ist bisher weder eine vollständige Offenlegung der Erträge noch ein Audit des tatsächlichen Wertes der Investitionen erfolgt, aber es scheint, als ob die Investoren zu den alten Bedingungen ihr Geld innerhalb von nur vier Jahren wieder hereinbekommen hätten.

Die Bolivianer fragen sich außerdem, warum die Ausländer in den Genuss aller Vorteile der derzeitigen hohen Öl- und Gaspreise kommen? Die Öl- oder Gasförderung kostet heute nicht mehr als damals, als die Preise nur ein Drittel ihres gegenwärtigen Standes betrugen. Trotzdem erhalten die ausländischen Ölgesellschaften 82% dieses Anstiegs – im Falle des Öls würde dies einen Mitnahmeeffekt von 32 Dollar pro Barrel für sie bedeuten. Kein Wunder also, dass die Bolivianer das Gefühl hatten, übers Ohr gehauen worden zu sein, und nach einer neuen Abmachung verlangten. Am 2. Mai kehrte Morales die Prozentanteile bis zu einer Neuverhandlung der Verträge einfach um: Die Betreiber der beiden größten Felder würden damit 18% der Produktion für sich behalten. Als Teil dieser neuen Abmachung sollte Bolivien außerdem einen größeren Anteil von zukünftigen Preiserhöhungen erhalten. (Vielleicht natürlich möchte Bolivien das Risiko eines Preisverfalls ausschließen; daher wird es möglicherweise eine Vereinbarung treffen, die einen Teil dieses Risikos den ausländischen Unternehmen überantwortet und diesen im Gegenzug einen größeren Anteil an möglichen Preisanstiegen zubilligt.)