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Zur Verteidigung von Varoufakis

LONDON – Es ist mittlerweile Mode geworden, den ehemaligen griechischen Finanzminister Yanis Varoufakis zu verunglimpfen, wobei das Spektrum der Vorwürfe von seiner angeblichen Schuld am erneuten Zusammenbruch der griechischen Wirtschaft bis hin zu Beschuldigungen reicht, er hätte in gesetzeswidriger Weise den Austritt Griechenlands aus der Eurozone geplant. Obwohl ich ihm nie persönlich begegnet bin oder mit ihm gesprochen habe, bin ich der Ansicht, dass diese Kritik (in zunehmendem Maße) ungerechtfertigt ist. Diese Diskussion lenkt von den Fragen ab, die für Griechenlands Fähigkeit, sich zu erholen und zu florieren, von entscheidender Bedeutung sind – nämlich ob es in der Eurozone bleibt, oder sich zum Austritt entschließt. 

Aus diesem Grund ist es wichtig, jenen Ideen Beachtung zu schenken, die Varoufakis auch weiterhin vertritt. Die Griechen und andere mögen bemängeln, dass er es als amtierender Finanzminister bei der Verfolgung seiner Agenda an Höflichkeit vermissen ließ. Doch im Kern war – und ist – diese Agenda größtenteils richtig.

Nach dem beeindruckenden Wahlsieg der Syriza im Januar ernannte der griechische Premierminister Alexis Tsipras Varoufakis zum Chefverhandler in den heiklen Gesprächen mit den Gläubigern des Landes. Sein Mandat bestand darin, die Beziehungen in zweierlei Hinsicht neu zu gestalten: nämlich für günstigere Bedingungen hinsichtlich Wirtschaftswachstum und die Schaffung von Arbeitsplätzen zu sorgen sowie Ausgewogenheit und Würde im Hinblick auf die Behandlung Griechenlands durch seine europäischen Partner und den Internationalen Währungsfonds wiederherzustellen.

In diesen Zielen spiegelten sich Griechenlands frustrierende und enttäuschende Erfahrungen mit den zwei vorangegangenen Rettungspaketen wider, die es von den „Institutionen“ (der Europäischen Kommission, der Europäischen Zentralbank und dem IWF) verordnet bekam. Varoufakis fühlte sich hinsichtlich der Erreichung dieser Ziele durch den Wahlsieg der Syriza mit entsprechendem Mandat ausgestattet und durch die wirtschaftliche Logik gezwungen, drei Themen voranzutreiben, von denen zahlreiche Ökonomen meinen, ihre Lösung sie Voraussetzung für die Wiederherstellung nachhaltigen Wachstums: weniger und intelligentere Sparmaßnahmen; Strukturreformen, die soziale Ziele berücksichtigen und eine Reduktion der Schulden.