Umberto Eco Massimo Valicchia/ZumaPress

Die virtuelle Imagination

MAILAND: Werden Bücher durch die Macht der Computer und des Internets in grenzenlose „hypertextuelle Strukturen“ verwandelt, bei denen der Leser zugleich die Funktion des Autors übernimmt?

Gegenwärtig existieren zwei Arten von Büchern: einerseits Bücher, die durchgelesen werden, und andererseits Bücher, die man konsultiert. Bei durchzulesenden Bücher beginnen man auf Seite 1, wo der Autor beispielsweise erzählt, dass ein Verbrechen begangen worden ist. Man folgt dem Verlauf bis zum Ende und entdeckt schließlich, wer der Schuldige ist. Ende des Buchs - Ende der Lese-Erfahrung. Dasselbe geschieht selbst dann, wenn man ein Werk der Philosophie – vielleicht von Husserl – liest. Der Autor beginnt auf der ersten Seite und folgt dann einer Reihe von Fragen, um Ihnen zu zeigen, wie er zu seinen Schlussfolgerungen kommt.

Enzyklopädien sind selbstverständlich niemals dazu bestimmt, von Anfang bis Ende durchgelesen zu werden. Wenn ich wissen möchte, ob es möglich ist, dass Napoleon einmal Kant getroffen hat, nehme ich die Bände K und N zur Hand und entdecke, dass Napoleon 1769 geboren und 1821 gestorben ist; Kant wurde 1724 geboren und starb 1804. Es ist also möglich, dass sie sich getroffen haben. Um es ganz genau zu erfahren, schlage ich in einer Biografie von Kant nach. Eine Biografie von Napoleon, der mit zahlreichen Menschen zusammengetroffen ist, könnte ein Treffen mit Kant unter Umständen unberücksichtigt lassen; eine Biografie von Kant dagegen nicht.

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