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Die Vagina-Chroniken

NEW YORK –  Gab es eigentlich eine sexuelle Revolution? Eines der Themen, über die ich in meinem neuen Buch Vagina: eine Geschichte der Weiblichkeit schreibe, ist, dass die sexuell angeblich befreiten westlichen Gesellschaften, in welchen sexuelle Bilder und Inhalte überall verfügbar sind, gar nicht so befreiend für Frauen waren. Viele Reaktionen auf mein Buch betätigen dies.

Viele Reaktionen  waren positiv: das Buch steht auf der Liste für wissenschaftliche Bücher von Publishers Weekly’s für den Herbst ganz oben. Aber der Ton einiger Kritiken – von „mystic woo-woo about the froo froo“ [mystischer Mumpitz um die Muschi] „bad news for everybody who has one“ [schlechte Nachrichten für alle, die eine haben] – legt nahe, dass man auch in einer Kultur, in der Millionen von Frauen Bücher über Sadomasochismus wie Shades of Grey verschlingen, immer noch nicht positiv und motivierend über die Sexualität von Frauen sprechen kann.

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Wir müssen über dieses Thema sprechen. In der ganzen Welt werden Frauen wegen ihrer Sexualität diskriminiert: sie werden sexuell verstümmelt, bereits als Kinder verheiratet, ohne Bestrafung für den Täter vergewaltigt, wegen „Unzucht“ und anderer sexueller Delikte gesteinigt, und ihnen wird weisgemacht, ihr Verlangen mache sie sündhaft und deswegen strafbar. Natasha Walter, die mit Flüchtlingsfrauen in London arbeitet, berichtet, dass die meisten vor sexueller Verfolgung fliehen – und dass das Gesetz dies nicht als Grund für einen Asylantrag anerkennt. Unsere Gesellschaften nehmen weder die sexuelle Integrität von Frauen noch die Verbrechen dagegen ernst.

Die moderne Geschichte der weiblichen Sexualität ist geprägt von Fehlinformationen, Scham und sexueller Frustration.  Als Shere Hite 1976 den Titel Hite Report: Das sexuelle Erleben der Frau veröffentlichte, gaben ein Drittel der in den USA befragten Frauen an, sie bekämen keinen Orgasmus beim Sex, wenn sie dies wünschten. Hites wichtige Schlussfolgerung, es gehöre mehr zu weiblicher Sexualität als Penetration, löste eine Welle an Informationen über die weibliche Sexualität aus. Der Hite Report wurde zunächst zwar sehr kontrovers diskutiert, trotzdem wurde schließlich allgemein anerkannt, dass die Lust und das sexuelle Wohlbefinden der Frauen wichtig sind und eine respektvolle Untersuchung verdienen.

Aber in den letzten vier Jahrzehnten ist aus der sachkundigen Diskussion über Frauen und ihre Körper eine schlüpfrige Kultur von Prominenten-Sexvideos und Hüllen, die kunstlos fallen, geworden, in welcher das Verlangen, die Erregung und die Befriedigung von Frauen – ganz abgesehen von ihren emotionalen Bedürfnissen, oder denen der Männer – kaum je eine Rolle spielen. Sogar in diesem „aufgeklärten Zeitalter“ finden es viele schwierig, neue wissenschaftliche Erkenntnisse zu akzeptieren, aus denen hervorgeht, dass die weibliche Sexualität Frauen nicht kleiner oder schwächer macht, sondern sie auf vielerlei Weise stärkt – egal, wer sie sind, wie alt sie sind und welche sexuelle Orientierung sie haben und egal, ob sie in einer Beziehung leben oder nicht.

Einige Kritiker waren aufgebracht über mein Argument, dass der Neurotransmitter Dopamin, der für Motivation, Fokus und Belohnung steht, Teil dessen sein kann, was sexuelle Lust motivierend für Frauen machen kann. Dieses Argument basiert auf  den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen über die Rolle von Dopamin bei der Erregung (dokumentiert von James Pfaus und seinem Team von der Concordia University in Montreal) sowie auf bestens bekannten Zusammenfassungen der Literatur, wie High. Woher die guten Gefühle kommen von David Linden.

Diese Forschung legt nahe, dass der Zustand des Wohlbefindens verstärkt wird, wenn Frauen von der Gesellschaft, in der sie leben, unterstützt werden und es sich gestatten, über erfüllende sexuelle Erfahrungen nachzudenken und diese zu antizipieren. (Natürlich tritt dieser Zustand nicht ein, wenn sie befürchten, aufgrund ihres Verlangens gesteinigt, verspottet, beschämt, vergewaltigt oder missbraucht zu werden.)

Gleichermaßen verbindet eine Vielzahl an Daten, einschließlich vieler wichtiger Studien von Alessandra Rellini und Cindy Meston jetzt die Lust der Frauen mit ihren vegetativen Nervensystemen (Rellini und Meston). Sie haben sogar herausgefunden, dass Vergewaltigung den Grundzustand des vegetativen Nervensystems auf Jahre hinaus beeinträchtigen kann. Diese und andere Studien verbinden die Lust von Frauen mit der Abwesenheit von negativem Stress und ihrer Unterstützung bei der Entspannung – und damit, dass diese Faktoren einen Einfluss darauf haben, wie die Ereignisse sich auf sie auswirken. Mit anderen Worten, wenn Sie wollen, dass eine Frau für den Rest ihres Lebens Lust hat, mit Ihnen zu schlafen, müssen Sie ein Teampartner in Bezug auf die Themen sein, die ihren Stresspegel bestimmen. Das ist nichts anderes als die alte „feministische“ Betonung der intuitiven Erfahrungen und Bedürfnisse einer Frau.

Tatsächlich ist das sexuelle Empfinden von Frauen und Männern in wichtigen Aspekten unterschiedlich: die Länge der Reaktionszyklen, die Rolle des „negativen Stresses“ sowie die Komplexität der neuronalen Verdrahtung der Pelvis (bei Männern eher eine Standardausführung, bei Frauen äußerst vielfältig und individualisiert). Diese Erkenntnis sollte Frauen dabei helfen, die Einzigartigkeit ihrer sexuellen Reaktion weniger streng zu bewerten. 

Hier ist eine Statistik, die alles sagt: Die Association of Reproductive Health Professionals hat herausgefunden, dass 30% aller Frauen regelmäßig keinen Orgasmus bekommen, wenn sie dies wünschen, ein Anteil, der sich seit dem Hite Report nicht geändert hat. Und damit nicht genug, einige Studien legen nahe, dass circa ein Drittel aller amerikanischen Frauen an vermindertem sexuellem Verlangen, der so genannten Hypoactive Sexual Desire Disorder leidet.

Die Tatsache, dass die Wissenschaft eine Verbindung zwischen der sexuellen Erfahrung von Frauen und ihren Emotionen und Wahrnehmungen findet, sollte nicht Anlass zum Spott sein, sondern zu Neugier und respektvoller Ergründung der Tatsachen. Es gibt viele Daten über die männliche Sexualität und das männliche Gehirn, und solide neue Wissenschaft über die Verbindung zwischen Köper und Geist verändert die medizinische Praxis, angefangen von der kardiologischen Nutzung der Meditation bis hin zum Einsatz von Gesprächstherapien in der Behandlung von Brustkrebs. Wenn wir die weibliche Sexualität und den weiblichen Geist respektieren, sollten wir keine Angst davor haben, die Verbindung zwischen beiden zu diskutieren, die jetzt von der Wissenschaft entdeckt wird.

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Es erscheint mir eigenartig, dass man sich dafür im Jahr 2012 einsetzen muss. Aber, wie wir inzwischen wissen sollten, die nächste sexuelle Revolution – die, die Frauen tatsächlich als Führerinnen, als Intellektuelle und als sexuelle Wesen anerkennt – ist schon lange überfällig.

Aus dem Englischen von Eva Göllner-Breust