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Der Entkoppelungsmythos

PALO ALTO, KALIF. – Die Tatsache, dass sich Amerikas Konjunktur verlangsamt, ist eine schlechte Nachricht für die Europäer, ungeachtet von Behauptungen, dass sich Europas erfolgreich von den Vereinigten Staaten abgekoppelt habe. Die Vorstellung der Entkoppelung beruht auf einem schlechten Ökonomieverständnis – und auf der Abneigung einiger Europäer, zu akzeptieren, dass Europas kurzer, aber süßer Wirtschaftsaufschwung ebenfalls zu Ende geht.

Es stimmt schon, der US-Markt ist für europäische Exporte inzwischen weniger wichtig, während die Bedeutung des Handels mit Asien für Europa zugenommen hat. Na und? Der Handel ist nur eine der vielen wichtigen Verknüpfungen zwischen den US-amerikanischen und europäischen Volkswirtschaften. In unserer heutigen, vernetzten Weltwirtschaft verstärkt sich an einem Tag die Unsicherheit über die wirtschaftlichen Aussichten der USA, und am nächsten gerät beispielsweise das Verbrauchervertrauen in den Niederlanden ins Trudeln.

Die Verbindungen zwischen Europa und Amerika sind schlicht und einfach sehr viel komplexer, als die Befürworter der Entkoppelung sich bewusst machen. Die US Federal Reserve beispielsweise ist derzeit dabei, aggressiv die Zinsen zu senken, um eine mögliche Rezession zu verhindern. Infolgedessen steigt der Euro – aber nicht nur gegenüber dem US-Dollar, sondern auch im Vergleich zu den asiatischen Währungen, deren Notenbanken an den Zentralbanken intervenieren, um den Wert ihrer jeweiligen Währungen an den Dollar zu binden.

Dies schadet den europäischen Exporten sowohl in die USA wie auch nach Asien. Eine geringere europäische Abhängigkeit vom US-Exportmarkt wird Europa kaum vor den Auswirkungen der amerikanischen Konjunkturverlangsamung schützen können, wenn der Euro gegenüber den wichtigen asiatischen Währungen gleichermaßen stark aufwertet wie jetzt schon gegenüber dem Dollar.