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Börsenfantasien

Geschichtlich betrachtet hat die Börse ganze Arbeit geleistet. In seinem gefeierten Buch Aktien für die Zukunft, erschienen 2002, zeigt Jeremy Siegel, dass die amerikanische Börse zwischen 1802 und 2001 jährlich einen realen Gewinn von 6,9 % eingebracht hat. Obwohl der Gewinn von Jahrzehnt zu Jahrzehnt variierte und in einigen Jahrzehnten sogar negativ ausfiel, war die Leistung insgesamt recht stabil. Dieser jährliche Durchschnittsgewinn von 6,9 % wird seitdem als „Siegels Konstante“ bezeichnet, als ob Siegel ein neues Naturgesetz entdeckt hätte.

Die Vorstellung, dass Aktien in Zukunft gute Erträge bringen, findet heutzutage viele Verfechter, besonders unter denen, die versuchen Aktien als Anlagen zu verkaufen. In den Vereinigten Staaten zitierte Präsident George W. Bushs Kommission zur Stärkung der sozialen Sicherheit Siegels Behauptung, dass die Regierung die Bevölkerung dazu ermutigen sollte, in Aktien zu investieren. Bush hat das ganze Land bereist, um für einen Plan zur Einführung persönlicher Rentenkonten zu werben, die als Aktien und Wertpapiere angelegt werden. Der Plan geht für die nächsten Jahrzehnte von einem realen Gewinn von 6,5 % für Aktien aus – nur geringfügig unterhalb von Siegels Konstante.

Doch glauben die meisten Leute nicht, dass der Aktienmarkt in Zukunft so gut abschneiden wird. Siegel selbst sagte vor kurzem für die nächsten vier Jahrzehnte einen durchschnittlichen realen Gewinn von lediglich 6 % für US-Aktien voraus. Andere haben noch niedrigere Erwartungen.

Ich habe unter der Schirmherrschaft der Yale School of Management Umfragen mit US-Anlegern durchgeführt, in denen gefragt wurde, welche prozentuale Änderung sie für den Dow-Jones-Index erwarten. Der erwartete durchschnittliche Zuwachs für den Dow-Jones im Jahr 2005 liegt bei 4,8 % für institutionelle Anleger und bei 4,3 % für private Anleger.