Saif al-Gaddafi und ich

CAMBRIDGE – Vor nicht allzu langer Zeit schrieb mir ein Kollege aus Harvard, dass Saif al-Islam al-Gaddafi, ein Sohn des libyschen Diktators, in der Stadt sei und mich treffen wolle. Er ist ein interessanter Typ, meinte mein Kollege, mit einem Doktortitel von der London School of Economics and Political Science (LSE); das Gespräch mit ihm würde mir bestimmt Spaß machen, und vielleicht könnte ich seinem Denken in ökonomischen Fragen auf die Sprünge helfen.

Das Treffen war, wie sich herausstellte, eine Enttäuschung. Ich wurde zunächst von einem ehemaligen Angestellten der Monitor Company instruiert, der vorsichtig andeutete, dass ich nicht zu viel erwarten sollte. Saif selbst hielt einige fotokopierte Seiten aus einem meiner Bücher, auf die er Notizen gekritzelt hatte. Er stellte mir mehrere Fragen – über die Rolle von internationalen Nichtregierungsorganisationen, wie ich mich entsinne –, die ziemlich weit von meinen Fachgebieten entfernt zu sein schienen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich großen Eindruck auf ihn gemacht habe; auch war ich nicht besonders von ihm eingenommen. Am Ende des Treffens lud Saif mich nach Libyen ein, und ich sagte – mehr aus Höflichkeit als aus irgendeinem anderen Grund –, dass ich gerne kommen würde.

Saif verfolgte die Sache nicht weiter; ich ebenso wenig. Doch was, wenn eine wirkliche Einladung gekommen wäre? Wäre ich nach Libyen gereist, hätte ich Zeit mit ihm verbracht und möglicherweise seinen Vater und dessen Kumpanen kennengelernt? Hätten mich Argumente wie: „Wir versuchen, unsere Wirtschaft zu entwickeln, und Sie können uns mit Ihrem Wissen wirklich dabei helfen“, in Versuchung geführt? Mit anderen Worten: Wäre ich in die Fußstapfen etlicher meiner Kollegen aus Harvard getreten, die nach Libyen gereist sind, um ihre Sichtweise mit dem dortigen Diktator auszutauschen und ihn zu beraten – und für ihre Dienste bezahlt wurden?

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