Regeln für Katastrophen und Krisen

NEW YORK – Vor ein paar Jahren lag meine Tochter nach einem schweren Sturz im Koma. Zwei Krankenschwestern betraten ihr Krankenzimmer, um eine Bluttransfusion vorzubereiten. Die eine hielt eine Blutkonserve in der Hand, die andere die Krankenakte meiner Tochter. Nun begann die erste Schwester laut die Aufschrift auf der Blutkonserve zu lesen: „Blutgruppe A“. Die andere las laut aus der Krankenakte: „Alexa Holmes, Blutgruppe A.” Anschließend tauschten die beiden Rollen und Untensilien und wiederholten die Prozedur nach einem festgelegten Schema. Eine las aus der Krankenakte: „Alexa Holmes, Blutgruppe A“ und die andere las die Aufschrift der Blutkonserve: „Blutgruppe A“.

Warum halten sich gut ausgebildete Fachkräfte im Fall einer sich rasch zuspitzenden Krise an vorher festgelegte Regeln? In erster Linie deshalb, weil Menschen im Krisenfall vor allem aus Panik vorhersehbare, aber doch vermeidbare Fehler begehen. Im Laufe der Zeit wurden für derartige Krisensituationen Richtlinien ausgearbeitet, um die Nothelfer davor zu bewahren, die Nerven zu verlieren und das Risiko vermeidbarer Fehler zu minimieren.

Improvisation hat angesichts neuartiger Bedrohungen einen hohen Stellenwert. Das heißt jedoch nicht, dass bestehende Regeln absichtlich verworfen werden sollen. Diese Feststellung ist schon fast banal, aber an den allerletzten Verfechtern der Außenpolitik der Bush-Regierung ist sie praktisch spurlos vorübergegangen. Sogar heute noch meinen führende republikanische Präsidentschaftskandidaten, dass der Rechtsstaat im Kampf gegen die Al-Kaida ein unleistbarer Luxus wäre. Sie behaupten, die peinlich genaue Einhaltung der Regeln des Konstitutionalismus und das Recht auf ein ordentliches Gerichtsverfahren würden die „Flexibilität“ der Regierung bei der Entwicklung neuer Strategien zur Verhinderung von Terroranschlägen beeinträchtigen.

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