Rumänische Hysterie

Bukarest: Überall in den Ländern Osteuropas haben die Menschen in diesem Jahr des Sieges ihrer friedlichen Revolution über den Kommunismus gedacht. In Rumänien indessen nahm der Kommunismus bekanntlich alles andere als ein "samtenes" Ende. In diesem Dezembermonat ist es zehn Jahre her, daß das Zentrum Bukarests durch Panzerbeschuß und Gewehrsalven von Heckenschützen verwüstet wurde und viele Menschen damals ihr Leben lassen mußten, als Teile der rumänischen Armee, die sich der nach Freiheit strebenden Bevölkerung angeschlossen hatten, sich um jede einzelne Straße mit den Gefolgsleuten von Ceausescus Geheimdienst Securitate heftige Gefechte lieferten.

Auch heute noch beurteilt man unsere angebliche Revolution ganz anders als die parallelen Ereignisse in den übrigen einstmals kommunistischen Ländern. Dort ist den Menschen nach wie vor bewußt, daß bei ihnen eine echte Revolution stattgefunden hat; sie haben eine wirklich neue Gesellschaft aufgebaut. Unsere Revolution von 1989 erscheint dagegen mehr wie ein Putsch, bei dem ein Teil der kommunistischen Elite, weil er inzwischen total in Mißkredit geraten war, lediglich gegen einen anderen ausgetauscht wurde. Als Mitglied der "Gruppe für gesellschaftlichen Dialog", die in den Kämpfen jener Dezembertage den auf einen Wandel drängenden Kräften eine Orientierung zu geben suchte, muß ich gestehen, daß wir nie sicher waren, wer mit uns und wer gegen uns kämpfte und aus welchen Gründen.

Es war ganz einfach so, daß die Front der Nationalen Rettung, die unter Führung von Ion Iliescu während der ersten fünf Übergangsjahre an der Macht war, wie in einem fait accompli als Sieger aus dem Blutvergießen von 1989 hervorging. Das einzige, was ich mit Gewißheit über jene Tage sagen kann, ist denn auch dies, daß Ceausescu seinen Femeprozeß und die Hinrichtung in einer würdigeren Haltung durchstand, als ich je geglaubt hätte.

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