0

Die Reform der Wirtschaftsreformen

In den letzten 15 Jahren erlangten Ökonomen größeren Einfluss als jemals zuvor. Zahlreiche Länder, die in den Fünfziger- und Sechzigerjahren des vorigen Jahrhunderts ihre Unabhängigkeit erlangten, bedienten sich der Planwirtschaft, des Dirigismus und der Importsubstitution, die man als Ideen von Kommunisten, Fabian-Sozialisten und Nationalisten bezeichnen könnte, aber nicht als Gedankengut ausgebildeter Ökonomen. Die in den Achtzigerjahren des vorigen Jahrhunderts von den Ländern übernommenen Strategien der Deregulierung, Privatisierung und Handelsliberalisierung (der so genannte Washington-Konsens) brachten vermeintlich den Sieg professioneller Ökonomen über populistische Politiker.

Das Paradoxon ist allerdings, dass dies kein Sieg der Ökonomen war. Die letzten zwei Jahrzehnte erwiesen sich vielmehr als trostlos für die Disziplin der politischen Ökonomie. Bis auf wenige Ausnahmen verschlechterte sich die wirtschaftliche Situation in den Ländern, wo die ökonomische Technokratie nach dem Muster der USA die Oberhand gewann.

Vor allem die stockenden und stagnierenden Volkswirtschaften Lateinamerikas, die sich den Washington-Konsens mehr als alle anderen zu Eigen machten, sind hier an vorderster Stelle zu erwähnen. Die größten Entwicklungsfortschritte waren in den letzten Jahren nämlich in China und Vietnam zu verzeichnen, wo westliche Wirtschaftstheorien, sofern man sie überhaupt anwandte, von praxisorientierten Politikern verdrängt wurden.

Die Frage ist nun weniger ,,warum die Wirtschaft nicht so funktionierte", sondern vielmehr ,,warum die Ökonomen so übertrieben zuversichtlich waren?" Schließlich ist der Washington-Konsens über weite Strecken nicht aus korrekter ökonomischer Analyse abzuleiten. Jeder Absolvent eines Wirtschaftsstudiums weiß, dass Deregulierung, Privatisierung und Handelsliberalisierung nicht automatisch wirtschaftlichen Nutzen generieren, ohne dass vorher zahlreiche schwierige Voraussetzungen erfüllt sind.