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Progressives Europäertum in Aktion

ATHEN – Trotz seiner offensichtlichen Bedeutung ist der Brexit ein bloßer Nebenschauplatz im Vergleich zu dem gedämpften, aber grundlegenderen Zerfall, der sich überall in der Europäischen Union abspielt. Die politische Mitte hält in den zentralen Mitgliedstaaten nicht Stand. Der Nationalismus ist überall auf dem Vormarsch. Selbst proeuropäische Regierungen haben in der Praxis alle Pläne für eine echte Konsolidierung aufgegeben und treiben zunehmend in Richtung einer Renationalisierung der Bankensysteme, Staatsverschuldung und Sozialpolitik.

Angesichts des Brexit aus dem Norden und der fremdenfeindlichen antieuropäischen Aktivitäten der italienischen Regierung im Süden entwickelt sich die „immer engere Union“ zu einem possenhaften Symbol der Abkoppelung zwischen der Realität und der Propaganda des EU-Establishments. Und der Abgang von Bundeskanzlerin Angela Merkel verleiht dieser Dynamik zusätzlichen Schwung.

Während fast aller Augen auf die Ereignisse in London und Rom gerichtet sind, ist es Deutschland, das die deutlichsten Hinweise auf den geschwächten Zustand der EU bietet. Deutschland erlebt derzeit eine paradoxe Krise. Europas Machtzentrum schwimmt im Geld. Ein atemberaubender Leistungsbilanzüberschuss bringt einen Tsunami von Kapitalzuflüssen hervor. Die Bundesregierung schreibt schwarze Zahlen. Ausländische Ersparnisse aus ganz Europa suchen Zuflucht bei deutschen Banken. Die privaten Haushalte in Deutschland sparen. Selbst die deutschen Unternehmen horten Bargeld.

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