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Die Neubewertung der Produktivität

CAMBRIDGE – Das Wort „Produktivität“ erinnert typischerweise an industrielle Fließbänder, die Autos oder Waschmaschinen, Frühstücksflocken oder Schuhe ausspucken. Außerdem könnte es Bilder von geerntetem Getreide, geschlachtetem Vieh oder gebauten Häusern hervorrufen. Gedanken an Haarschnitte, TV-Streaming oder Hypotheken weckt es wahrscheinlich weniger. Aber heute sind es meist diese immateriellen Produkte und Dienstleistungen, die die Wirtschaft beeinflussen.

Viele Ökonomen setzen die „Gesamtfaktorproduktivität“ mit dem technologischen Fortschritt gleich. Robert Gordon von der Northwestern University sagt beispielsweise voraus, dass das Produktivitätswachstum weiterhin langsam bleibt – wie es bereits seit Mitte der 2000er in den meisten entwickelten Volkswirtschaften der Fall war. Dies liegt seiner Ansicht nach daran, dass die heutigen digitalen Innovationen weniger transformativ seien als frühere Entwicklungen wie Wasserspültoiletten, Radios oder Verbrennungsmotoren.

Heute werden in den führenden OECD-Wirtschaftsräumen jedoch vier von fünf Dollar für Dienstleistungen und immaterielle Güter ausgegeben. Diese „Dematerialisierung“ der Wirtschaft – die ich in den 1990ern beobachtet habe und die kürzlich von anderen wie dem Experten für digitale Wirtschaft Andrew McAfee untersucht wurde – verkompliziert unser Verständnis von Produktivität.

Tatsächlich ist in großen Teilen unserer heutigen Weltwirtschaft sogar die Produktion materieller Güter durch eine wachsende Anzahl immaterieller Faktoren geprägt. Wie Seth Lloyd vom Santa Fe Institute betont, befindet sich ein Landwirt, der sich gegen schlechtes Wetter oder Seuchen absichert, heute größtenteils im Bereich der Ideen.

Früher „versicherten“ sich Bauern gegen Ernteausfälle einer Anbausorte, indem sie eine andere anbauten oder Vieh kauften – also durch physische Diversifizierung. Heute hingegen erreichen sie dies weitgehend durch agrarwissenschaftliche Methoden wie Bodentests, die Untersuchung klimatischer Bedingungen oder gar die Teilnahme an Optionsmärkten. Solche immateriellen Methoden sorgen gemeinsam mit neuen Technologien wie im Bereich der Bewässerung dafür, dass die Ernteerträge, wie McAfee feststellte, trotz gleicher Menge verwendeter Grundstoffe jeweils so unterschiedlich sind.

Dabei sind die Ergebnisse in der Landwirtschaft immer noch leicht quantifizierbar. Bei vielen anderen produktivitätssteigernden Innovationen ist dies nicht der Fall.

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In einer aktuellen Präsentation gab Leonard Nakamura von der Federal Reserve Bank of Philadelphia mehrere Beispiele dafür, darunter energieeffiziente Gebäude, Fahrspurassistenten und Parksensoren in Automobilen sowie GPS-Navigation. Auch Innovationen bei der Gesundheitsversorgung fallen darunter. Beispielsweise ist die Verwendung des Krebsmedikaments Avastin gegen Makula-Degeneration viel günstiger als die von Lucentis, eines der Medikamente, die ursprünglich für diesen Zweck zugelassen wurden.

Theoretisch könnten die Auswirkungen einiger dieser Innovationen auf die Produktivität durch qualitätsbereinigte Preisfindung quantifiziert werden. Bei Autos mit Sensoren, die das Parken vereinfachen und die Sicherheit erhöhen, könnte die Bewertung entsprechend angepasst werden, was eine höhere „real“ gemessene Produktion von Autos zur Folge hätte.

In der Praxis stellen solche Anpassungen aufgrund der Verbreitung der zugrunde liegenden Technologien allerdings eine erhebliche statistische Herausforderung dar. Nehmen wir die GPS-Navigation: Wie führt man eine solche qualitative Anpassung für Apps wie Waze oder Google Maps durch?

Bei medizinischen, juristischen und anderen professionellen Dienstleistungen ist die Quantifizierung der Produktivität sogar noch schwieriger. Einer der Ansätze dafür konzentriert sich auf Ergebnisse – wie beispielsweise eine längere Karriere (dank besserer Gesundheit) oder höhere Gewinne (aufgrund von Management-Beratung).

Aber diese Verbesserungen können nicht auf einen einzelnen Faktor zurückgeführt werden. Ärzte und Krankenhäuser sind für die Verlängerung des gesunden Lebens der Menschen von entscheidender Bedeutung, aber dies trifft auch auf Lebensbedingungen, Ernährung, soziale Kontakte oder gar den Besitz von Haustieren zu. Sogar Glück spielt eine Rolle – wenn man beispielsweise keinem Ausbruch von Seuchen ausgesetzt ist.

Einige meiner Kollegen von der Universität von Cambridge arbeiten daran, unser Verständnis dieser Dynamiken zu vertiefen, indem sie die Verbindungen zwischen sozialem Kapital und Produktivität untersuchen. Dieser Ansatz – der einen Übergang zu einer umfassenderen Sichtweise von Produktivität widerspiegelt – ist ein Schritt in die richtige Richtung.

Diese Schlussfolgerung scheint durch historische Beispiele bestätigt zu werden. Wie Corinna Schlombs vom Rochester Institute of Technology in ihrem neuen Buch Productivity Machines zeigt, unterschied sich im 20. Jahrhundert die Sichtweise amerikanischer Industrieller erheblich von jenen der Produktivitätsexperten: Letztere neigten stärker dazu, Produktivität in rein technischen Begriffen zu betrachten.

Während der Zeit des Marshallplans nach dem Zweiten Weltkrieg zeigten die Amerikaner europäischen Besuchern und Industriellen neue Wege, die Produktion zu organisieren. (Das Fließband ist nicht nur eine Technologie, sondern genauso gut eine Idee.) Darüber hinaus warben sie für Amerikas egalitärere soziale Dynamik und damit auch für das System öffentlicher Schulen und die allgemeine Bürgerbeteiligung. Schlombs legt nahe, die Erkenntnis, dass „weiche“ Innovationen mindestens genauso wichtig sind wie „harte“ Technologien, sei der entscheidende Faktor für die überlegene amerikanische Produktivität gewesen.

Also sollte die Schuld für die heute vorherrschende Verlangsamung der Produktivität nicht nur einer hinderlichen makroökonomischen Umgebung gegeben werden, ganz zu schweigen von mangelnder technologischer Innovation. (Softwareentwickler und biomedizinische Forscher würden sich über die letzte Annahme lustig machen.) Auch soziale und kulturelle Umgebungen, die fragmentiert, ungleich oder anderweitig problematisch sind, könnten eine Rolle spielen.

Aus dem Englischen von Harald Eckhoff

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