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Bildung in Notsituationen

NEW YORK – Vor einiger Zeit traf ich in dem riesigen jordanischen Flüchtlingslager Zaatari ein kleines Mädchen. Wie zehntausende andere Kinder dort flüchtete auch sie mit ihrer Familie vor dem sich ständig weiter verschärfenden Konflikt in Syrien. Ich lernte sie zunächst in einem improvisierten Klassenzimmer inmitten eines Meeres aus Zelten kennen. Als ich sie später wiedersah, spielte sie mit anderen Kindern auf einem maroden Spielplatz.

Ich fragte sie, wo sie sich lieber aufhält: beim Unterricht im Klassenzimmer oder mit ihren Freunden auf dem Spielplatz. Ich weiß, wie meine Antwort ausgefallen wäre, als ich in ihrem Alter war. Das Mädchen allerdings entschied sich für das Klassenzimmer – und ihre Antwort spricht Bände. Von all den Dingen, die sie in Syrien zurücklassen musste war der Schulbesuch das einzige, worauf sie nicht verzichten konnte – wenn sie jemals ihren Traum von der Ausbildung zur Ärztin verwirklichen und eine von Entbehrung, Gewalt und Verlust diktierte Zukunft vermeiden wollte.  

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Diesen Bildungshunger habe ich bei vielen Kindern bemerkt, die von der Krise in Syrien und anderen Notsituationen auf der ganzen Welt betroffen sind. Diese Kinder wollen unbedingt die Schule besuchen. Und ebenso so sehr möchten ihre Familien, dass sie eine Ausbildung bekommen.

Inmitten von Gewalt und Instabilität ist die Schule ein Ort des Lernens und der Chancen, ein Hort der Heilung und der Gesundheit und eine Oase der Normalität und der Zukunftshoffnung. Bildung verbessert nicht nur die Chancen der Kinder, sich eines Tages selbst zu erhalten und ihren Familien ein besseres Leben zu ermöglichen, sondern stattet sie auch mit den nötigen Fähigkeiten aus, ihre Gesellschaften wiederaufzubauen. Und obendrein kann Bildung in den Kindern den Wunsch nach Versöhnung wecken, wenn die Konflikte einst ausgeräumt sind und die Katastrophen ein Ende gefunden haben.

Kinder in Krisenzeiten zu betreuen – und ihnen Bildungschancen zu eröffnen – dient daher sowohl humanitären Bedürfnissen als auch Entwicklungszielen. Tatsächlich stimmen humanitäre Ziele und Entwicklungsinteressen in diesem Bereich beinahe perfekt überein. Die Bedeutung dieses Faktums ist nicht hoch genug einzuschätzen, nun da die politischen Entscheidungsträger der Welt die neuen nachhaltigen Entwicklungsziele (SDG) verabschieden, die die Entwicklungsbemühungen der nächsten 15 Jahre bestimmen werden.

Die gute Nachricht lautet, dass ein wachsender weltweiter Konsens dahingehend besteht, dass Schulbildung von zentraler Bedeutung ist, wenn es darum geht, generationenübergreifende Kreisläufe der Ungleichheit aufzubrechen und stärkere, stabilere Gesellschaften aufzubauen. Dieser Konsens spiegelt sich in dem Entwurf des nachhaltigen Entwicklungsziels für Bildung wider, in dem ein inklusiver und gleichberechtigter Zugang zu Schulunterricht gefordert wird. Anders als das Millenniumsentwicklungsziel für Bildung, im Rahmen dessen der allgemeine Zugang zu Grundschulbildung vorgesehen war, wird im SDG für Bildung ein allgemeiner Zugang zu Bildungsangeboten gefordert – und zwar von frühkindlicher Entwicklung bis hin zu sekundärer Schulbildung und darüber hinaus.

Im Hinblick auf dieses neue Entwicklungsziel sollte man eines der wichtigsten Hindernisse hinsichtlich seiner erfolgreichen Umsetzung bedenken: nämlich die steigende Zahl von Krisensituationen auf der ganzen Welt. Laut eines neuen Berichts der britischen Denkfabrik Overseas Development Institute lebt beinahe ein Drittel der Kinder, die heute keine Schule besuchen, in einem von einer Krise erschütterten Land. Und in den 35 am stärksten von Gewalt betroffenen Ländern laufen 65 Millionen Kinder im Alter von drei bis 15 Jahren Gefahr, keine Schulbildung zu erhalten.

Für die jüngsten Kinder bedeuten Krise und Konflikte, dass sie mit dem Schulbesuch erst gar nicht beginnen. Für die anderen heißt es, dass ihre Schullaufbahn unterbrochen ist und nicht fortgesetzt wird. Wieder andere sind  - aufgrund eines Mangels an gut ausgebildeten Lehrern oder nicht vorhandener Unterrichtsmaterialien - mit so schlechter Ausbildungsqualität konfrontiert, dass sie sich nicht einmal grundlegende Lese- und Schreibkenntnisse aneignen können. 

Manche Gruppen stehen dabei vor besonders gravierenden Herausforderungen. Die ohnehin schon minimalen Zukunftsaussichten von Kindern mit Behinderungen – von denen in den Entwicklungsländern die meisten nie eine Schule besuchen -  dezimieren sich in Krisenzeiten noch weiter.  Und neuen Daten aus dem Weltbildungsbericht Education for All Global Monitoring Report zufolge liegt die Wahrscheinlichkeit, dass junge Frauen aus Konfliktgebieten keine weiterführende Schule besuchen beinahe 90 Prozent höher als für Frauen in Ländern mit stabileren Verhältnissen. Dies ist umso problematischer als jedes zusätzliche Schuljahr bei Mädchen sowohl deren spätere  Verdienstchancen als auch die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass sie ihre eigenen Kinder in die Schule schicken.

Obwohl die Zahl der von Krisen betroffenen Kinder derzeit einen Höchststand erreicht hat, bleibt die Finanzierung der Bildung  in Notsituationen auf einem empörend niedrigem Niveau. Im Jahr 2013 flossen weniger als 2 Prozent der Soforthilfe in Bildung und Lernangebote. Und obwohl Bildung eindeutig als Entwicklungsschwerpunkt gilt, kamen weniger als 10 Prozent der offiziellen Entwicklungshilfe für Bildung dieses Jahr auch Kindern in Notsituationen zugute.

Um das neue nachhaltige Entwicklungsziel für Bildung zu erreichen, müssen unsere Investitionen der Realität einer labileren Welt Rechnung tragen. Das beginnt mit der Anerkennung einer grundlegenden Wahrheit: dass Lernen nämlich nicht nur ein maßgeblicher Aspekt der Hilfe für jedes Kind in einer Notsituation ist, sondern auch eine entscheidende Investition in die zukünftige Entwicklung ihrer Gesellschaften. Entsprechend dieser Einsicht gilt es zu handeln und umfangreichere sowie auch besser planbare finanzielle Mittel für Bildung in unvorhersehbaren Notsituationen sicherzustellen.

In den letzten Monaten – am Rande der Frühjahrstagung der Weltbank und des Internationalen Währungsfonds sowie des Weltbildungsforums im Mai – erarbeitete eine informelle Gruppe einen Vorschlag zur Einrichtung eines neuen weltweiten Fonds für Bildung in Notsituationen. Obwohl es noch etliche Details zu erörtern gilt, stößt die Idee  zunehmend auf Resonanz. Auf dieser Dynamik sollten wir weiter aufbauen.

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Wir stehen vor einer Entscheidung, die wir gemeinsam zu treffen haben: Sollen wir mehr für Bildung in Notsituationen ausgeben oder den Preis einer verlorenen Generation schlecht ausgebildeter Kinder bezahlen, die eines Tages nur unzureichend in der Lage sein werden, ihre zerstörten Gesellschaften wiederaufzubauen? Eine Generation von Kindern, der man die Chance verwehrt, ihre eigenen Träume zu verwirklichen, wird es viel schwerer haben, ihren eigenen Kindern die Chance auf eine bessere Zukunft zu ermöglichen. Und die langfristigen Kosten dieses Teufelskreises werden wir alle zu tragen haben.

Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier