5

Wandel durch billiges Öl

WASHINGTON, DC – Der jüngste Rückgang der Ölpreise dürfte große, überwiegend positive Auswirkungen auf die Weltwirtschaft haben – größere sogar, als die meisten Beobachter zu erkennen scheinen. Tatsächlich könnten, falls die Regierungen die heutigen niedrigeren Ölpreise zur Umsetzung wichtiger energiepolitischer Reformen nutzen, die Vorteile die strukturellen Merkmale ihrer Volkswirtschaften von morgen verbessern.

Ein zentraler Grund, warum die Auswirkungen des Preisrückgangs bisher unterschätzt werden, ist, dass niemand weiß, wie lange er anhalten wird. Und tatsächlich bieten die Preisbewegungen der Vergangenheit diesbezüglich kaum Anhaltspunkte. Nach dem Preissturz des Jahres 2008 schossen die Preise beinahe schneller wieder in die Höhe, als die Experten „neue Normalität“ sagen konnten; nach dem Preisrückgang der Jahre 1986-1987 blieben die Preise anderthalb Jahrzehnte lang niedrig.

Diesmal dürfte die Preisentwicklung durch einen neuen Faktor im Energiespiel bestimmt werden: das Schieferöl. Die Grenzkosten der Schieferölproduktion (die Kosten der fortgesetzten Förderung aus einer bestehenden Quelle) schwanken zwischen 55 und 70 Dollar pro Barrel. Ergänzt man dies um eine Gewinnspanne von fünf Dollar, so ergibt sich daraus für die Öl-Angebotskurve ein langes, nahezu horizontales Segment im Bereich von etwa 60 bis 75 Dollar pro Barrel. Unabhängig von der Nachfrage wird dies der natürliche Schwankungsbereich für den Ölpreis – sozusagen der „schieferölbedingte Grundpreis“ – sein, und das dürfte auf längere Zeit so bleiben.

Dies gibt einen Anhaltspunkt dafür, warum sich die OPEC im vergangen November gegen eine Drosselung des Angebots entschied. Saudi-Arabien zog den korrekten Schluss, dass eine Drosselung der Fördermenge keinen Preisanstieg bewirken, sondern lediglich Platz für neue Akteure schaffen würde, die in den Markt drängen und sich Marktanteile sichern würden.