A telescope showing UK and the EU Thomas Janisch/Getty Images

Wäre Großbritannien in der Eurozone, gäbe es keinen Brexit

ATHEN – „You can check out any time you like, but you can never leave.“ Vor dem Brexitreferendum des Jahres 2016 hatte ich mir diese Zeile aus dem Hit der Eagles des Jahres 1976 „Hotel California“ als Argument gegen einen Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union geborgt. Ich erklärte bei Auftritten überall in Großbritannien den Zuhörern, dass sie, wenn sie für den Austritt aus der EU stimmten, mehr mit der EU-Kommission verstrickt sein würden als je zuvor.

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Wie die britische Premierministerin Theresa May derzeit feststellen muss, ist die Entflechtung eines Mitgliedstaates aus der EU ein mühsames und komplexes Unterfangen. Aber wie viel schwieriger noch wäre ein Brexit gewesen, hätte das Vereinigte Königreich damals im Jahr 2000 den Euro eingeführt?

Zunächst einmal hätte man die Menschen in Großbritannien nie gefragt, ob sie die EU verlassen wollten oder nicht. In einem hypothetischen Großbritannien, das der Eurozone angehörte, hätte allein schon die Ankündigung eines Referendums über die Mitgliedschaft einen Bankensturm ausgelöst. Angesichts Großbritanniens chronischer Handels- und Leistungsbilanzdefizite hätte ein Euroaustritt zwangsläufig einen Rückgang des internationalen Wertes der britischen Bankeinlagen verursacht.

Die Anleger, die dies vorhergesehen hätten, hätten sofort auf die Ankündigung eines Referendums reagiert, indem sie ihre Euros entweder bar abgehoben hätten oder nach Frankfurt, Paris, New York oder anderswohin überwiesen hätten. Und in Voraussicht dieser Reaktion hätte sich kein britischer Premierminister – nicht einmal David Cameron – getraut, ein Brexit-Referendum anzukündigen.

Wenn man noch weiter zurückblickt: Was wären die Auswirkungen von 16 Jahren in der Eurozone auf die relative Stärke von Brexitbefürwortern und -gegnern innerhalb der Konservativen Partei gewesen? Wie hätte Großbritanniens wirtschaftliche Lage vor 2016 ausgesehen, wenn der Euro die britische Währung gewesen wäre? Wäre der politische Druck, das Referendum abzuhalten, 2016 schwächer gewesen, wenn Großbritannien eine gemeinsame Währung mit Deutschland, Frankreich und Griechenland gehabt hätte?

Wie bei allen hypothetischen Szenarien bewegen wir uns hier auf dünnem Eis. Trotzdem ist es nicht schwierig, eine plausible wirtschaftliche Vergangenheit für ein Großbritannien zu skizzieren, das (hypothetisch betrachtet) im Jahr 2000 der Eurozone beigetreten wäre.

Im Oktober 1990 trat das Vereinigte Königreich dem Vorgänger des Euro bei: dem europäischen Wechselkursmechanismus (EWS) bei, der die Wechselkurse zwischen den wichtigen europäischen Währungen innerhalb einer engen Bandbreite festschrieb, die zunehmend verengt wurde, bevor die verschiedenen Währungen zu einer einzigen zusammengeführt wurden. Die Verpflichtung, das britische Pfund eng an der Deutschen Mark zu halten, zwang die Bank von England, die Zinssätze hoch zu halten, was zur Rezession von 1991 führte.

Um im EWS zu bleiben, hätten Länder wie Großbritannien und Italien ihre Bevölkerungen Rezessionen von einer Tiefe ähnlich jener aussetzen müssen, die Griechenland nach 2010 auslotete. Im September 1992, am Schwarzen Mittwoch, fielen das Pfund Sterling und die italienische Lira aus dem EWS heraus, als die Geldmärkte gegen das Überleben dessen wetteten, was Norman Tebbit, Mitglied für die konservative Partei im Oberhaus, einst als „ewigen Rezessionsmechanismus“ verspottete.

Italien, dessen herrschende Klasse die Lira um jeden Preis gegen den Euro tauschen wollte, kehrte sofort zu einer korrumpierten Version des EWS zurück. Doch die britische Regierung vermied das, wobei die psychologischen und politischen Auswirkungen ihrer Blamage sich als noch bedeutsamer erwiesen als die der Bank von England entstandenen finanziellen Verluste.

Doch nach dem Wahlsieg der Labour Party 1997 wollte Premierminister Tony Blair den Euro gern nach Großbritannien bringen und wurde nur durch das taktisch bedingte Zögern seines Schatzkanzlers Gordon Brown und dessen letztliche Weigerung, das Pfund aufzugeben, daran gehindert. Kurz gefasst: Ein Beitritt des Vereinigten Königreiches zur Eurozone lag durchaus im Bereich des Möglichen.

Wäre es dazu gekommen, wären die Auswirkungen für die britische Wirtschaft – anders als die realen Auswirkungen der kurzlebigen britischen EWS-Mitgliedschaft der Jahre 1990-92 – für nahezu ein Jahrzehnt minimal gewesen. Der Grund dafür ist, dass der Finanzkapitalismus Mitte der 1990er Jahre überall zugleich abhob: an der Wall Street, in der Londoner City, in Frankfurt und in Paris.

Außer während des Zwischenspiels nach Platzen der Dot-com-Blase 2001 wurde das Wachstum im Vereinigten Königreich und in Kontinentaleuropa durch die von den Banken herausgegebenen Unmengen an Wertpapieren beflügelt. Während jenes waghalsigen Aufschwungs, als selbst Griechenland mit 5% jährlich wuchs, hätte sich das Vereinigte Königreich mit dem Euro mehr oder weniger genauso entwickelt wie mit dem Pfund, und zwar bis zur Finanzkrise von 2007-2008. Erst nach Platzen der Blase hätten die drakonischen Einschränkungen der Eurozone weh getan.

Da es der Bank von England freistand, ganz nach Belieben viele Milliarden Pfund zu schöpfen, um die City zu beleben und die Regierungsstrategie der Bankenverstaatlichung und der geldpolitischen Stabilisierung zu stützen, entging Großbritannien der Krise mit nur einem Rezessionsjahr (2008-2009), das zu einem Verlust von 5,15% des Volkseinkommens führte. Hätte London während des Zeitraums von 2008-2012 im Griff der Politik der Europäischen Zentralbank gesteckt, hätten Großbritanniens große Handels- und Haushaltsdefizite in Verbindung mit den enormen Rettungsaktionen für die City die griechischen, irischen, portugiesischen und spanischen Rettungsaktionen wie Kinderkram aussehen lassen. Wäre die EU im Falle des Vereinigten Königreichs demselben Drehbuch gefolgt, hätte sie ein Austeritätsniveau und Rettungskredite verlangt, die auf beiden Seiten des Kanals politisch inakzeptabel gewesen wären.

Irgendetwas hätte nachgeben müssen. Entweder hätte die britische Regierung über Nacht und ohne Referendum oder selbst eine Parlamentsdebatte ihren Austritt aus dem Euro erklärt oder Deutschland und Frankreich hätten zustimmen müssen, das EZB-Verbot der Finanzierung über die Notenpresse mit sofortiger Wirkung aufzuheben.

In beiden Fällen hätte man die EU nicht mehr wiedererkannt. Entweder hätte der Brexit einen Sturzbach ausgelöst, der Deutschland rasch zum Rückzug aus dem Euro veranlasst hätte, was zum Zusammenbruch der EU geführt hätte, oder die EU wäre über Nacht zu einer Fiskalunion geworden, was zu einer völlig anderen politischen Dynamik geführt hätte als jener, die wir seit 2008 erlebt haben.

Wenn Großbritannien also den Euro eingeführt hätte, wären mit Sicherheit zwei Dinge passiert: Es hätte kein britisches Referendum über die EU-Mitgliedschaft gegeben und Griechenland wäre nicht der Domino gewesen, der als Erstes umkippte. Die interessante Frage ist: Wie würden sich die heutigen Brexit-Unterstützer fühlen, wenn Deutschland und Frankreich damals die heutigen Regeln abgeschafft und eine vollständige Fiskalunion eingeleitet hätten?

Man kann nur spekulieren, aber eine Tatsache bleibt klar: Zwischen 2008 und 2016 hätte es keine Flut von EU-Bürgern nach Großbritannien gegeben, um zu einer Zeit, in der die EZB auf dem Kontinent eine Depression herbeiführte, Arbeitsplätze zu besetzen, die durch die Geldschöpfung der Bank von England aufrechterhalten wurden.

Falls 2008 eine vollständige Fiskalunion entstanden wäre, hätte das Fehlen der Einwanderung aus der EU den Brexit-Befürwortern 2016 einen wirkungsstarken Sammelruf genommen. An diesem Punkt wäre ein Austritt aus der EU genauso absurd gewesen wie heute eine Unabhängigkeitserklärung Kaliforniens.

Aus dem Englischen von Jan Doolan

http://prosyn.org/6suxGNC/de;

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